Gustav Ernst: Wem gehört der Koffer im Zug?

11. August 2013, 17:00
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Das Unwahrscheinliche schien mir plötzlich sehr wahrscheinlich. Nämlich, dass ich mit diesen Leuten, die hier saßen, schliefen, in Zeitschriften blätterten, telefonierten, im nächsten Augenblick in die Luft fliegen würde

Was mir heute passiert ist, sagte Kagraner, entbehrt nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Einerseits. Andererseits aber ... Apropos, sagte er, darf ich Sie zum Essen einladen? Oh, sagte ich, ein besonderer Anlass? Ich bin gerade mit dem Leben davongekommen, sagte er und lachte schallend. Mit dem Leben davongekommen?, sagte ich. Das klingt ja sehr dramatisch! Was ist geschehen? Sie müssen wissen, sagte er, ich komme direkt vom Bahnhof. Sie waren auf Reisen?, sagte ich. Auf Reisen ist übertrieben, sagte Kagraner, ich war in St. Pölten. Geschäftlich?, sagte ich. Teils, teils, sagte er. Jedenfalls, auf der Höhe von Neulengbach, der Zug war ziemlich voll, bat eine Dame mir gegenüber eine andere, ihren Koffer vom Nebensitz zu nehmen, um sich setzen zu können. Es sei nicht ihr Koffer, sagte die Dame, wisse auch nicht, wem er gehöre. Sie sei selbst erst zugestiegen und habe den Koffer hier vorgefunden.

Und wie sich herausstellte, sagte Kagraner, gehörte der Koffer auch sonst niemandem von den Fahrgästen rundum. Keiner wusste, wem er gehören könnte, seit wann er hier lag und wer zuerst hier gesessen sei. Ich half der Dame also, den Koffer ins Gepäcksnetz zu legen, sagte Kagraner, und war fest entschlossen, meinen durch die Koffergeschichte unterbrochenen Schlaf fortzusetzen. Es gelang mir aber nicht, sagte Kagraner. Denn plötzlich dachte ich, ich hätte den Koffer nicht anrühren sollen, vielleicht ist es eine Bombe. Eine Bombe?, sagte ich. Ja, sagte Kagraner, eine Bombe!, und vielleicht hat mein Berühren und Hochheben den Mechanismus ausgelöst! Nicht, dass ich Angst verspürt hätte, sagte Kagraner. Ich habe überhaupt keine Angst verspürt. Ich dachte nur, es wäre in diesem Fall vielleicht angebracht, Angst zu verspüren. Ich sollte die Möglichkeit, dass in diesem Koffer eine Bombe steckt, nicht einfach von der Hand weisen. Zugleich dachte ich, lächerlich, wer sollte einen Zug zwischen Wien und St. Pölten in die Luft sprengen wollen, voll mit Pendlern.

Anderseits dachte ich, in Madrid sind auch Züge mit Pendlern in die Luft gesprengt worden. Trotzdem verspürte ich nicht die mindeste Angst, sagte Kagraner. Weil ich dachte, und das ganz automatisch, sagte Kagraner, Terrorakte sind für gewöhnlich weit weg von mir, ich sehe sie im Fernsehen, und die Leichen sehe ich auch immer nur dort, in einer Umgebung, die ich nicht kenne, die nicht meine ist.

Hier, in meiner Umgebung, kommt diese Art von Leichen ja nie vor, kann gar nicht vorkommen, dachte ich, sagte Kagraner, in diesem Moment, oder besser, ich dachte es nicht wirklich, es war für mich einfach so, verstehen Sie, sagte er. Dann dachte ich aber, und das dachte ich wirklich, sagte er, das dürften sich die Leute in der Londoner U-Bahn womöglich auch gedacht haben.

Bitte achten Sie auf Ihr Gepäck

Einerseits dachte ich also, sagte Kagraner, vollkommen unmöglich, dass dort oben eine Bombe liegt, hier ist noch nie eine gelegen. Andererseits dachte ich, was ist, wenn das trotzdem eine Bombe ist, die dort liegt? Auf Flughäfen heißt es ja auch immer, sagte Kagraner, bitte achten Sie auf herrenloses Gut, auf ein Gepäcksstück, das herumsteht und niemandem zu gehören scheint.

Ich selbst habe ja einmal, sagte er, ein Gepäcksstück bei der überstürzten Weiterfahrt mit dem Taxi vor dem Flughafenausgang stehen lassen. Was, wie ich nachher erfuhr, sagte er, postwendend den Einsatz der Antiterroreinheit ausgelöst hätte. Mein Gepäckstück, ein Nylonsack mit Zeitungen und angebrochenen Keksschachteln, wäre sorgfältig umzingelt worden, die Umgebung weiträumig abgesperrt, und voll adjustiert hätten sich Bombenexperten vorsichtig meinen Zeitungen und den angebrochenen Keksschachteln genähert.

Und der Koffer?, sagte ich. Der war nicht schwer, als ich ihn hochhob und ins Gepäcksnetz legte, sagte Kagraner. Eine leichte Bombe. Plastiksprengstoff, dachte ich. Nein, kein Plastiksprengstoff. Flüssigsprengstoff. Egal, dachte ich, sagte Kagraner, ob leicht oder schwer, er würde sicher ausreichen, uns in die Luft zu sprengen.

Und plötzlich dachte ich, sagte Kagraner, ich weiß nicht, wie ich darauf kam, der Koffer, die Bombe ist für mich bestimmt. Der Mann mit dem hellen Sakko! Und plötzlich bildete ich mir ein, einen Mann mit einem hellen Sakko gesehen zu haben. Im Halbschlaf, im Einnicken, sagte Kagraner, kam mir vor, hätte ich einen Mann mit einem hellen Sakko vorübergehen sehen und sich an dem Platz gegenüber zu schaffen machen.

Ich verfiel in einen absurden Zustand, sagte Kagraner, eine Art panische Todesangst lähmte mich. Und zugleich dachte ich: Ich muss diesen Koffer loswerden, augenblicklich! Aber wie, sagte Kagraner, ohne hysterisch zu werden, ohne Aufsehen zu erregen, ohne mich der Lächerlichkeit preiszugeben? Ich könnte dem Schaffner sagen, überlegte ich fieberhaft, sagte Kagraner, obwohl fieberhaft das falsche Wort ist, denn ich hatte ja kein Fieber, aber man sagt fieberhaft, wenn man rasend schnell in Panik oder in Panik rasend schnell meint, oder?, sagte Kagraner.

Ja, sicher, sagte ich etwas ungeduldig, aber was, was wollten Sie dem Schaffner sagen? Ihn bitten, den Koffer mitzunehmen, sagte Kagraner, ehe ihn jemand anderer, jemand Unbefugter an sich nehmen würde. Was mir plausibel erschien, sagte Kagraner, oder erscheint Ihnen das nicht plausibel? Doch, doch, sagte ich.

Ich sah also den Gang hinunter, den Gang hinauf, sagte Kagraner. Kein Schaffner. Ich geriet immer mehr in Panik. Das vollkommen Unwahrscheinliche schien mir plötzlich sehr wahrscheinlich, sagte Kagraner, nämlich, dass ich mit diesen Leuten, die hier um mich herumsaßen, schliefen, in Zeitschriften blätterten, telefonierten, im nächsten Augenblick in die Luft fliegen würde.

Wir kannten uns nicht, hatten uns noch nie gesehen, hatten nichts Gemeinsames, außer, sagte Kagraner, dass wir hier gemeinsam im Zug saßen. Aber ein Gemeinsames hätten wir dann doch, dachte ich, sagte Kagraner, nämlich, gemeinsam durch die Luft zu fliegen. Und ich stellte mir vor, sagte er, und es war eine sehr lebhafte Vorstellung, wie unsere Körper, die sich noch nie berührt hatten, die nebeneinander und hintereinander saßen, ständig darauf bedacht, sich nicht zu berühren, in Stücke gerissen würden und durch die Luft fliegen und sich plötzlich in der Luft berühren.

Plötzlich, sagte Kagraner, zum ersten Mal in Ihrem und in meinem Leben und zum letzten Mal würden sie als Fleisch- und Knochenstücke in der Luft aufeinanderstoßen, aneinander vorbei und durcheinandersausen, sich mischen, um schließlich nebeneinander und übereinander, fremdes Fleisch auf fremdem Fleisch, unter den Trümmern des Wagons überraschend doch noch gemeinsam und im Frieden vereint zu liegen zu kommen.

Schaurig, diese Vorstellung

Schaurig, sagte ich, diese Vorstellung! Halb so schlimm, sagte Kagraner, oh, da kommt das Essen! Schaut gut aus, sagte er, mit Blick auf den Rostbraten, ehe er sich zu mir vorbeugte und sagte: Ich wage es ja kaum einzugestehen, und es würde mich auch nicht wundern, sagte er, wenn Sie mich für vollkommen verkorkst hielten, aber es hat mir zunehmend Lust bereitet, ja, es hat mir Lust bereitet!, sagte Kagraner, ob Sie es glauben oder nicht, mir dieses Herumfliegen meiner Körperteile noch plastischer, noch bunter, noch detaillierter auszumalen! Nein!, sagte ich etwas erschrocken. Keine Angst, sagte Kagraner lachend, ich werde Sie damit nicht weiter behelligen. Ich bitte darum, sagte ich. Ich hatte ja meinen Spaß, sagte er wieder lachend, und jetzt wollen wir essen.

Und, sagte ich, wie ist die Geschichte ausgegangen? Ganz einfach, sagte Kagraner und schnitt seinen Rostbraten in der Mitte durch. Als der Mann seinen Koffer holte, den er vergessen hatte, übrigens ein Mann mit dunklem Sakko, war ich nicht wirklich erleichtert.

Sie waren nicht erleichtert, sagte ich, nach all diesen grauenhaften Vorstellungen? Nein, sagte Kagraner, ich hatte ja keine Sekunde lang daran gezweifelt, dass die ganze Geschichte so ausgehen würde.   (Gustav Ernst, Album, DER STANDARD, 10./11.8.2013)

  • Als der Mann seinen Koffer holte, den er vergessen hatte, übrigens ein Mann mit dunklem Sakko, war ich nicht wirklich erleichtert ...
    foto: corbis / max power

    Als der Mann seinen Koffer holte, den er vergessen hatte, übrigens ein Mann mit dunklem Sakko, war ich nicht wirklich erleichtert ...

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