Die Gitarre meiner Mutter

11. August 2013, 12:00
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Im Flugzeug geschah das Unglück. Bei meiner Auswanderung merkte ich: Ich hatte keinen Schutzengel mehr auf dem Weg in die Neue Welt - Von Ernst Soudek

Die viermotorige Lookheed Constellation der Pan American Airways stand am Runway des Schwechater Flughafens, nur fünfzig Schritte vom flachen, barrackenartigen Abfertigungsgebäude entfernt.

Ich ging hinaus in die weite, unbekannte Welt wie Parzival, der reine Tor, und meine Mutter stand wie Herzeloyde beim Ausgang und winkte. Sie sank zwar nicht tot hin wie Parzivals Mutter in Wolfram von Eschenbachs epochalem Epos, aber eine unendliche Traurigkeit begann Herrschaft über ihr Gemüt zu gewinnen, denn der Gatte und ältere Sohn konnten ihr nicht die Zärtlichkeit ersetzen, die mit ihrem Jüngsten ihrer Meinung nach für immer entschwand. So war das noch im Jahr 1960: Wer damals als Unbemittelter in die USA auswanderte, kehrte vielleicht niemals wieder, denn das Schicksal eines Tellerwäschers, der zum Millionär wird und sich einen Heimatbesuch leisten kann, ereilte nur ganz wenige. Meines Vaters bester Jugendfreund, ein gewisser Viktor Papesch, war Ende der 1920er-Jahre von einem Chemiekonzern nach Chicago abgeworben worden, und er konnte seine alten Eltern erst 1955 in Wien besuchen; vorher galt es für ihn, den talentierten Chemiker, eine Karriere aufzubauen und eine materielle Existenz für sich und die bald gegründete Familie abzusichern.

Meinen Eltern schwebte immer dieses abschreckende Beispiel vor Augen, nachdem ich ihnen als Fünfzehnjähriger eröffnet hatte, dass ich ebenfalls zu gegebener Zeit nach Amerika auswandern würde. Ich hatte sehr gute Eltern, aber wir waren wie die meisten Österreicher der Nachkriegszeit relativ arm, und bei seinem einen Besuch tat "Onkel Viktor" nichts, um meine Fantasien vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten abzuschwächen; im Gegenteil, er fütterte sie mit Versprechungen, wie ich als (späterer) HTL-Absolvent gleich tolle Jobs mit einem Gehalt bekommen würde, das einem Vielfachen des in Österreich Üblichen entspräche. "Nach ein paar Monaten Arbeit kannst du dir schon einen neuen Wagen kaufen", meinte er allen Ernstes. Sagt man das einem knapp Fünfzehnjährigen, der noch viele Jahre Schule vor sich hat und in einem Altbau mit Plumpsklo ohne Spülung und ohne Badezimmer in der bombenbeschädigten Wohnung hausen muss?

Ich fand später heraus, dass "Onkel Viktors" Darstellungen nicht gelogen oder übertrieben waren, aber nicht für jene galten, die nicht wie er diplomierte Chemiker mit einer auf der ganzen Welt verständlichen Symbolsprache waren oder einen anderen hochqualifizierten Beruf hatten, in dem verbale Kommunikation nicht Grundvoraussetzung ist. Auch Schweißer, Kranführer und Werkzeugmacher konnten sich den Traum des schnell erworbenen Autos erfüllen, nicht aber Hilfsarbeiter oder HTL-Absolventen, deren Englisch auf einem Niveau war, wie es heute Schüler der ersten Klasse Hauptschule oder AHS haben. Und obwohl ich Klassenbester in Englisch war, konnte ich zwar nach meiner Ankunft in den USA ein wenig reden, aber kaum etwas verstehen.

Der Floh, den "Onkel Viktor" mir ins Ohr gesetzt hatte, ließ mich nicht mehr los und wurde 1956 durch den Besuch der "Tante Frieda" aus Detroit erstärkt. Sie war die Schwägerin meiner Mutter und paradoxerweise von Geburt her Amerikanerin. Eine kuriose Geschichte: Ihr Vater war Siebenbürger Rumäne, also ethnischer Deutscher, der um 1880 nach Amerika ausgewandert und zu einem Wohlstand gelangt war, der es ihm erlaubte, mit Frau und Kindern 1908 nach Rumänien zurückzukehren, wo er Grundstücke und Häuser erwarb, die später alle im Zuge der Kriegswirren und Vergeltungen verlorengingen. Tante Frieda, 1907 geboren, sprach kein Wort Englisch, bis sie als gebürtige Amerikanerin 1950 wieder ohne Probleme in die USA, eine für sie völlig neue Welt, zurückkehren und ihre drei Töchter mitnehmen durfte, nicht aber ihren Mann, meinen Onkel Egon, der aus verschiedenen Gründen staatenlos war.

Der durfte erst einige Jahre später mithilfe einer Green Card nachkommen. Sowohl er als auch Frieda waren ungemein tüchtig, und obwohl sie nie richtig Englisch lernten, schafften sie sich einen für uns in Österreich "Zurückgebliebenen" kaum vorstellbaren Wohlstand, er als Werkzeugmacher im gewerkschaftlich organisierten General-Motors-Konzern, sie als Vorhangnäherin mit eigenem Geschäft.

Die Tante kam 1956 daher wie Claire Zachanassian im Besuch der alten Dame, außer dass sie noch nicht so alt war. Man konnte sie schon aus hundert Metern Entfernung als "nouveau riche" erkennen: Kleidung in grellen Farben - in Wien war alles mausgrau, braun oder schwarz gekleidet - knallrote Fingernägel und Lippen, Brillenfassung mit eingelegten unechten Brillanten, lautes, überhebliches Auftreten mit einem ständigen Zur-Schau-Tragen ihres Wohlstandes, ohne jede Empathie für die Einheimischen. Sie war mir unsympathisch, aber was sie erzählte, faszinierte mich sehr. Die Umstände, unter denen sie und ihre Familie in Detroit lebten, kamen mir märchenhaft vor, für einen normal Sterblichen in Österreich unvorstellbar. "Wenn du dann bei uns in Amerika bist und einen guten Job hast, kannst du dir alles leisten", prahlte sie. Allerdings muss ich ihr, die schon längst gestorben ist, zugutehalten, dass sie eine Warnung hinzufügte: "Aber du darfst kein Dilettant, musst gut in deinem Beruf sein, denn Dilettanten und Hochstapler gibt es bei uns genug!"

Damit hatte sie recht. Siebenundfünfzig Jahre nach dem Besuch der Tante ist das Gewissheit, was sich schon damals abzeichnete: Die USA steuern unaufhaltsam auf eine Zweiklassengesellschaft hin, in der es keinen Mittelstand gibt, aber eine große Masse an oft arbeitslosen Hilfsarbeitern mit Minimallöhnen, die einer hochgebildeten, ultrareichen, alles kontrollierenden Elite gegenübersteht. Sozialkonflikte sind vorprogrammiert, aber obwohl der Marxismus meiner Meinung nach noch lange nicht tot ist, hat er in Amerika kaum eine Chance, weil dort noch immer das Opiat der Religion und die Illusion des "American Dream" mit voller Kraft wirkt, wiewohl die Erfüllung dieses Traumes für achtzig oder mehr Prozent der Bevölkerung schon jetzt außer Reichweite ist.

Mein 35-jähriger Sohn, der Amerikaner und Universitätsabsolvent ist, muss bei einem Monats-Nettogehalt von 3000 US-Dollar für eine kleine Wohnung im New Yorker Borough Brooklyn, weit weg von seinem Arbeitsplatz in Manhattan, 1600 US-Dollar Miete berappen. Er meinte kürzlich, dass er sich nie eine Anzahlung für ein Eigenheim zusammensparen werde können, auch weil der Preis für ein kleines Haus oder eine Eigentumswohnung astronomisch hoch sei und er mit seinem Gehalt nur gerade so durchkäme. Die Zeiten haben sich wahrlich geändert: Ich konnte mir 1971 als 31 Jahre alter Assistenz-Professor an der Rice University in Houston ein relativ großes Haus in der Nähe der Uni leisten und locker monatlich eine Hypothek abzahlen, sodass das Haus nach 15 Jahren nicht der Bank, sondern mir gehört hätte, wenn ich nicht einige Jahre später von Texas weggezogen wäre.

Nach dem Besuch der wohlhabenden Tante eilte ich gleich zum US-Konsulat, eine Bestätigung in Händen, dass Tante und Onkel mich "sponsern" würden, weil ohne Sponsor konnte/durfte niemand in den USA einwandern: Der Staat wollte keine Verantwortung für potenzielle Taugenichtse oder Kranke übernehmen. Es dauerte dann trotzdem fast drei Jahre, bevor mein Ansuchen von der US- Einwanderungsbehörde genehmigt wurde, wahrscheinlich, weil mein Vater Kommunist war, und die Amerikaner fürchteten in der paranoiden Post-McCarthy-Zeit Kommunisten immer noch mehr als Nazis, wahrscheinlich berechtigterweise, denn "communism" stand synonym für Stalinismus.

Ende 1959 war es so weit, und ich konnte meine Übersiedlung planen. Das One-Way-Flugticket wurde mir vom Onkel geschickt, unter der Voraussetzung, dass ich ihm die 250 US-Dollar, die es kostete, so bald wie möglich zurückzahlen würde. Als Dollarbetrag hört sich das heute lächerlich an, umgewechselt machte es aber den für damals gigantischen Betrag von 6.500 Schilling aus, was dem drei- bis vierfachen Monatseinkommen eines Facharbeiters entsprach. Weder ich noch meine Eltern hatten entsprechende Ersparnisse.

Ich bestieg das Flugzeug am 4. Februar 1960. Als Gepäck hatte ich nur einen Koffer, der fast alle meine Habseligkeiten beinhaltete. Aber über die Schulter in einem großen Dufflebag hatte ich einen Schatz geschlungen: die alte Gitarre meiner Mutter. Sie konnte sowohl Violine als auch klassische Gitarre sehr gut spielen. Weil wir im Altbau in der Grünangergasse die größte Wohnung hatten, traf sich bei uns jedes Jahr zu Weihnachten die gesamte Verwandtschaft, insgesamt um die dreißig Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins, die die belegten Brote meiner Mutter genüsslich verzehrten, billigen Wein und Bier tranken und Weihnachtslieder sangen, die meine Mutter auf der Violine begleitete.

Nachdem sich die feierliche Stimmung etwas aufgelockert hatte, tauschte Mutter die Violine gegen die Gitarre aus und spielte, was man damals sicher als "heiße Rhythmen" verstand. Es wurde getanzt, aber sie war zweifelsohne der Star dieser Abende, fühlte sich vielleicht in ihre Jugend in den "wilden Zwanzigerjahren" zurückversetzt, als von den bald dräuenden Wolken des Faschismus noch nichts zu spüren war, und sie liebte ihre beiden Musikinstrumente, aber nicht ein Tausendstel so sehr wie ihre zwei Söhne, für die sie während und nach dem Krieg große Entbehrungen auf sich genommen hatte. Ich verstand instinktiv, was das Geschenk ihrer Gitarre bedeutete: Mit dem Instrument sollte mich ein Teil ihrer Seele begleiten.

Bevor ich in das Flugzeug stieg, drehte ich mich nur einmal um, um den Eltern zu winken. Ein zweites Mal wagte ich es nicht, denn ich wusste, dass mich der nochmalige Anblick der weinenden Mutter zur Umkehr verleitet hätte, und ich MUSSTE nach Amerika. Mein Sturm-und-Drang-Wesen verlangte es und ließ keine Meinungsänderung zu, selbst wenn die Aussichten auf ein baldiges Wiedersehen zu diesem Zeitpunkt gering waren. Ich war unglaublich optimistisch, obwohl ich wusste, dass ich von nun an auf mich allein gestellt war.

Es gab nur wenige andere Passagiere, und ich konnte einen Fensterplatz in einer Reihe mit drei Sitzplätzen einnehmen, in der außer meinem kein anderer Sitz belegt war. Da die Gitarre zu groß für die Overhead-Gepäckablage war, legte ich sie gedankenlos neben mich auf den Fußboden vor die beiden leeren Sitze. Noch bevor die Maschine abhob, eilte das Unheil in Form einer Stewardess herbei. Es war mein erster Flug, und als sie mich mit dem Sitzgurt erfolglos herumfummeln sah, wollte sie mir helfen. Hätte ich einen Gangsitz gehabt, wäre alles gut ausgegangen, aber da ich beim Fenster saß, musste sie den Zwischenraum überwinden, der meinen Sitz vom Gang trennte. Bevor ich noch schreien konnte, "Watch the guitar on the floor!" war das Unglück schon passiert: Ihr Stöckelschuh hatte sich durch den Dufflebag in den Deckel der Gitarre gebohrt, es machte einen Kracher, und ich wusste, ich hatte keinen Schutzengel mehr auf meinem Weg in die Neue Welt.

"I am so sorry", zirpte die erschrockene junge Frau, "can it be fixed?" Ich kannte das Verb "to fix" gar nicht und wusste nicht, was sie meinte, war mir aber bei Inspizierung des Instruments gleich sicher, dass es durch die unabsichtliche Attacke irreparabel beschädigt und unbenutzbar geworden war. Es war eine gewöhnliche klassische Gitarre, wie es zehntausend andere gab, daher war der materielle Schaden nicht groß, der sentimentale für mich aber gigantisch. Die Stewardess kam während des Fluges mit einem Formular zu mir, das der Schadenswiedergutmachung dienen sollte, und half mir, dieses auszufüllen, aber tatsächlich hörte ich von der Fluglinie in dieser Angelegenheit nichts mehr. Es hätte auch nichts genutzt, denn die Gitarre meiner Mutter war für mich einmalig, und keine andere hätte sie ersetzen können.    (Ernst Soudek, Album, DER STANDARD, 10./11.8.2013)

Ernst Soudek ist mit 18 in die USA ausgewandert. Er war Professor für Anglistik und Komparatistik an der Rice University und an der University of Virginia. Anschließend lehrte er Mittelalterliche Mystik und Biomechanik in Wien. Der heutige Honorarprofessor war auch langjähriger österreichischer Rekordhalter und mehrfacher Meister im Diskuswerfen und Kugelstoßen (Olympia-Teilnahme 1964). Im Falter-Verlag erschien vor kurzem sein Story-Buch "One-way Ticket to Detroit."

  • "Watch the guitar on the floor!": Flugbegleiterinnen tun gut daran, diese Warnung zu beherzigen, wenn sie ihren Passagieren keinen gravierenden seelischen Schaden zufügen wollen.   (Pan-Am-Flug in den 1960er-Jahren)
    foto: corbis / bettmann

    "Watch the guitar on the floor!": Flugbegleiterinnen tun gut daran, diese Warnung zu beherzigen, wenn sie ihren Passagieren keinen gravierenden seelischen Schaden zufügen wollen.   (Pan-Am-Flug in den 1960er-Jahren)

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