Semmering neu: Die übergangene Landschaft

Kommentar der anderen8. August 2013, 19:15
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Das Kulturministerium versucht das Weltkulturerbe "Semmeringbahn mit umgebender Landschaft" zugunsten des Projektes "Semmeringbasistunnel neu" kleiner auszulegen

Zahlreiche irreführende Meldungen zum Welterbe "Semmeringbahn - Kulturlandschaft" geistern durch Österreich, sodass Klarstellungen notwendig sind. Seitens des Kulturministeriums wurde jüngst behauptet, dass die "Landschaft nie Teil des Welterbes war" (DER STANDARD, 30. Juli 2013). Wirft man jedoch einen Blick in die von der Kulturministerin 1995 unterzeichnete und für die Welterbe-Nominierung notwendige Dokumentation "Semmering railway - cultural site - Semmeringbahn - Kulturlandschaft", so ist festzustellen, dass darin die Semmeringbahn auf acht Seiten und ihre umgebende Landschaft auf 39 Seiten beschrieben sind - ohne Unterteilung in Kern- und Pufferzone.

Icomos, der Internationale Rat für Denkmalpflege als beratendes Gremium der Unesco in Fragen des Kulturerbes, nahm die Evaluierung dieser potenziellen Welterbestätte vor. Dessen Dokument trägt zwar nur den Titel "Semmeringbahn (Austria)", tatsächlich wurden aber die Semmeringbahn wie auch deren umgebende Landschaft auf "außergewöhnli- chen universellen Wert" geprüft. Icomos kam zum Schluss, dass die Semmeringbahn mit der umgebenden Landschaft den Kriterien der Unesco-Welterbe-Richtlinien entspricht. Wortwörtlich beschreibt Icomos die Eigenschaften der potenziellen Welterbestätte folgendermaßen:

"The railway line over the formidable Semmering Pass was the first major project of this kind in the world. Building of the line led to the creation of a cultural landscape of villas and hotels over much of its route that is an outstanding example of the sympathetic insertion of buildings of high and consistent architectural quality into a natural landscape of great beauty."

Mit dieser Formulierung beschreibt Icomos die Semmeringbahn und die durch deren Bau sich entwickelt habende Kulturlandschaft mit Villen und Hotels in einer Naturlandschaft von großartiger Schönheit, ohne eine differenzierende Wertigkeit zwischen der Semmeringbahn und der umgebenden Landschaft vorzunehmen.

1998 folgte das Unesco-Welterbe-Komitee der Icomos-Empfehlung und nahm die Semmeringbahn mit ihrer umgebenden Landschaft in die Welterbeliste auf. Im Dokument WHC-98/CONF.203/18 heißt es unter der Kurzbezeichnung "The Semmering Railway":

"The Committee inscribed this site on the World Heritage List on the basis of criteria (ii) and (iv):

Criterion (ii): The Semmering Railway represents an outstanding technological solution to a major physical problem in the construction of early railways. Criterion (iv): With the construction of the Semmering Railway, areas of great natural beauty became more easily accessible and as a result these were developed for residential and recreational use, creating a new form of cultural landscape."

Bernd von Droste zu Hüls- hoff, damals Generaldirektor des Unesco-Welterbe-Zentrums, sprach später von einer "herausragenden Eisenbahnlandschaft als Welterbe" und von "der Semmeringbahn mit der diese umgebenden harmonischen Erholungslandschaft als erste Unesco-Eisenbahn-Welterbestätte".

Demnach wurde die Semmeringbahn mit ihrer umgebenden Landschaft 1995 seitens Österreichs als potenzielle Unesco-Welterbestätte nominiert, sodann von Icomos als solche evaluiert und 1998 vom Unesco-Welterbe-Komitee in die Welterbeliste eingetragen - unter dem Titel "Semmering Railway". Diese Kurzbezeichnung bedeutet aber nicht, dass die die Semmeringbahn umgebende "Landschaft nie Teil des Welterbes war", wie dies vom Kulturministerium behauptet wird!

Neuanmeldung vonnöten

Wie die österreichische Unesco-Kommission mitteilt, hat Österreich erst 2008, also nach Beschluss des Ministerrats zum Bau des "Semmeringbasistunnels neu" im Jahr 2005, eine Zonierung des Welterbes Semmeringbahn vorgenommen, wobei auf einer Karte die Bahntrasse mit gerade einmal 156 Hektar als Kernzone und die umgebende Landschaft mit 8581 Hektar als Pufferzone ausgewiesen wurden. Diese Karte wurde 2009 dem Unesco-Welterbe-Komitee bei dessen Sitzung in Sevilla vorgelegt, wo sie Eingang in das Dokument WHC-09/33.COM/8D fand und das nun vom Kulturministerium als Zustimmung seitens der Unesco interpretiert wird.

Gemäß Paragraf 165 der Unesco-Richtlinien hätte aber Österreich die Pflicht einer Neuanmeldung der Semmeringbahn, da Pufferzonen keinen Bestandteil von Welterbestätten bilden - jedenfalls nicht im Ausmaß von 98 Prozent der Gesamtfläche! Will die Republik Österreich nun tatsächlich ihre Welterbestätte "Semmeringbahn mit umgebender Landschaft" allein auf "Die Semmeringbahn" beschränken, so hat sie selbstständig eine Neuanmeldung vorzunehmen.

Derzeit sind im Zusammenhang mit dem Projekt "Semmeringbasistunnel neu" zahlreiche Beschwerden beim Verwaltungsgerichtshof anhängig, u. a. auch deshalb, weil im UVP-Verfahren die Amtssachverständigen und Gutachter fast ausschließlich die Semmeringbahn (und kaum die umgebende Landschaft) als Unesco-Welterbe beurteilt haben. (Christian Schuhböck/DER STANDARD, 9.8.2013)

Zur Person

Christian Schuhböck ist Gerichtssachverständiger für Naturschutz, Landschaftsökologie und Landschaftspflege, spezialisiert auf das Welterbe. Publikationen u. a.: "Österreichs Welterbe" (Verlag Christian Brandstätter). Dieser Kommentar geht aus einer "fachlichen Stellungnahme" hervor, die der Autor u. a. mit Unterstützung der "Bürgerinitiative für eine lebenswerte Steiermark" erstellt hat.

  • Christian Schuhböck: Welterbe Semmering ist umfassender.
    foto: privat

    Christian Schuhböck: Welterbe Semmering ist umfassender.

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