Kollektives Fernsehgedächtnis

8. August 2013, 17:00
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Unter dem Gesichtspunkt der jeweiligen medialen Inszenierungen wird das Filmmaterial nüchtern, kritisch und methodisch schlüssig aufbereitet

Den Focal- und Ifta-Award "Best Use of Archive Footage" hat sich Serge Viallet mit seiner Dokumentationsreihe "Verschollene Filmschätze", die bis Ende August zur Gänze auf Arte wiederholt wird, redlich verdient.

Die 30 halbstündigen Folgen greifen auf ganz unterschied­liche historische Ereignisse zu: von der Kapitulation Japans 1945 bis zu Marilyn Monroes Einsatz in Korea im Jahr 1954, von den Olympischen Spielen 1936 bis zu Kennedys Begräbnis 1963 oder von der Krönung Kaiser Bokassas in der Zentralafrikanischen Republik 1977 bis zu Propagandafilmen der Roten Khmer von 1978.

Nüchtern, kritisch und methodisch schlüssig

Unter dem Gesichtspunkt der jeweiligen medialen Inszenierungen wird das Filmmaterial nüchtern, kritisch und methodisch schlüssig aufbereitet. Immer wieder werden Details hervorgehoben und über Stills Hintergrundinformationen gegeben, die das Gezeigte beleuchten. Ein Kommentator erklärt die Zusammenhänge.

Am Beispiel Bokassa wird die zwielichtige Rolle Frankreichs sichtbar, das den Diktator auf den Thron hievte (und später stürzte). Oder: Bilder vom Aufstand auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens 1989 zeigen, wie verunsichert das chinesische Regime zu Beginn der Proteste war und wie die Journalisten am Ende nur noch vom Balkon ihres Hotels filmen konnten.

Oder: Angesichts des Pomps der 2500-Jahr-Feier der persischen Monarchie 1971 von Schah Reza Pahlevi – ohne die iranische Bevölkerung, dafür aber mit viel Adeligenprominenz und weltweiter Fernsehübertragung – wird klar, warum die Iraner ihren Monarchen loswerden wollten. Verschollene Filmschätze zeigt, wie sehr das kollektive Gedächtnis ein mediales ist. Ein Highlight. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 9.8.2013)

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