Donaudelta: Schilf, bitte gib mir nur ein Wort!

11. August 2013, 16:59
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Das Donaudelta ist ein Universum im Besitz von Tieren und Pflanzen. Man kann dort schauen oder nur dem Schilf zuhören

Säuselt es? Raunt es? Oder knistert es? Nein. Was tut das Schilf im Donaudelta? Man kann stundenlang am Bauch auf den Floßbrettern liegen, sich sammeln und versuchen ein Wort für das Geräusch zu finden, dass das Wogen des Windes beschreibt, wenn er durch das Schilf zieht. Es ist zu langatmig, um es rascheln oder huschen zu nennen, zu ruhig, um von einem Sausen, Brausen, Branden oder Zischeln zu sprechen. Aber das Schilf murmelt auch nicht. Und es wispelt nicht. 

Und es geht einem ähnlich wie Kurt Tucholsky, der bereits an den Birkenblättern gescheitert ist: "Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell, hin und her, dass sie ... was? Flirren? Nein, auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls sagen: die Blätter flimmern ... aber es ist nicht das. Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst. Steht bei Goethe 'Blattgeriesel'? Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit bis zu diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre. Was tun die Birkenblätter?", schrieb er.

Ein Rätsel aus Rohren

Es wird also wahrscheinlich ein Rätsel bleiben, was das Schilf im Donaudelta für Geräusche erzeugt. Jedenfalls beruhigt es den Geist und man verliert das Gefühl für Zeit, vielleicht weil es auch so endlos viel Schilf gibt in diesem Delta, nämlich das größte zusammenhängende Schilfrohrgebiet der Erde überhaupt. Das Donaudelta umfasst insgesamt 5800 Quadratkilometer. Es kann auch sein, dass zum Schilf-Geräusch sein Wachsen gehört: Es wächst ja täglich bis zu drei Zentimeter. 

Vielleicht hat dieses Geräusch mit den Haaren an den Ähren zu tun, die durch den Wind mit den anderen Schilfgräsern in Berührung kommen. Oder mit der Tatsache, dass das Schilf, obwohl es im Wasser steht, so trocken ist. Wie bei den Lotusblumen perlt nämlich das Wasser von ihm ab. Das Geräusch des Schilfs ist jedenfalls ein sehr trockenes Geräusch. Und ein sehr altes Geräusch. Im Donaudelta fand man Schilf, dessen Alter auf 8000 Jahre geschätzt wurde. 

Das Schilfgras selbst landet hier auf den Dächern der Fischerhütten, die sogenannten Reetdächer werden auch exportiert. Im Donaudelta, das nach dem Wolgadelta das zweitgrößte Delta in Europa ist, wohnen Rumänen, Haholen, Ukrainer, Ungarn, Bulgaren, Deutsche, Tataren, Armenier, Juden, Griechen, Türken, Gagausen, Roma und Lipowaner. Das sind orthodoxe Christen, die im 17. Jahrhundert wegen einer Glaubensreform aus Russland flohen und vor allem in der Delta-Stadt Tulcea leben. Der große Schilfgürtel vor dem Schwarzen Meer war also auch ein Zufluchtsort. 

In Tulcea riecht es übrigens überall nach Fisch, und weil man dem ohnehin nicht entkommt, bekommt man auch dauernd Fisch serviert und sitzt dabei am besten auf einem der Restaurantboote, die auf der braunen Donau ankern, und schaut auf die goldenen Kuppeln der kleinen weißen Kirche auf der anderen Seite des Ufers. Und hält sich die Nase zu. 

Weiße Kelche wie für Flip

Wer eine Reise in das Donaudelta macht, kann von eleganten Reihern, weißen Dünen und sonnenhungrigen Wasserrosen, von wucherndem, orangen Sanddorn, von dunkelgrünen Wasserlinsen, die wie Spielzeug auf der Donau liegen und von weißen Wasserlilien berichten, deren Kelche darauf warten, dass ein Grashüpfer wie Flip, der Freund von Biene Maja, in ihnen karusselliert. Man begegnet Wildpferden, die sich schnaubend in die Wasserläufe stürzen. Es gibt Katzenhaie, den orange-schwarzen Donaukammmolch und die sehr sympathische graue Balkanspringnatter. Ibise, Adler und Falken ziehen unter Wolken vorbei. Wenn das Wasser steigt, retten sich Schweine und Füchse auf schwimmende Inseln aus Schilf und Binsen.

Über Holzstege gelangt man von Tulcea in das grüne Meer der etwa drei Meter hohen Schilfpflanzen hinein. Und während man also hier liegt und die dreieckigen schwimmenden Blätter der Wasserkastanie bewundert, macht das Schilf wieder dieses Geräusch, für das es keinen Begriff gibt. Man erinnert sich an das Lied der Band "Wir sind Helden" und denkt sich: Bitte, gib mir nur ein Wort. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, Album, 10.8.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde unterstützt vom Rumänischen Fremdenverkehrsamt.

  • "Größter Schilfgürtel der Erde" klingt ja faszinierend. Aber wie sich das Schilf im Donaudelta anhört, bleibt unaussprechlich.

    "Größter Schilfgürtel der Erde" klingt ja faszinierend. Aber wie sich das Schilf im Donaudelta anhört, bleibt unaussprechlich.

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