Das Feuerwerk der Theaterkrieger

7. August 2013, 17:47
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Das Edinburgh Fringe Festival versammelt jedes Jahr im August mehr als zweitausend Showcases in der schottischen Metropole. Darunter internationale Theaterproduktionen wie "The Events ", ein Stück, das ab Herbst ans Schauspielhaus Wien wandert

Es ist keineswegs dem Hitzedelirium zuzuschreiben, dass man beim Spaziergang über die Royal Mile von Edinburgh plötzlich einem sprechenden Zebra begegnet und am Grassmarket einen Mann in ungepflegter Unterwäsche sieht, der wahllos über Passantinnen herfällt. Alles ganz normal. Es hat 20 Grad Lufttemperatur. Und 1500 Künstlergruppen haben ihre Shows quer über die schottische Metropole gestreut.

Von Straßenklamauk bis zu internationalen Theaterproduktionen findet sich beim Edinburgh Fringe alles. Das 1947 gegründete Festival ist für seinen Wildwuchs berühmt. Jeder darf mitmachen, es gibt keine Zugangsbeschränkungen, keine kuratorische Instanz, die Bandbreite ist riesig. Das Buhlen um Aufmerksamkeit nimmt da eigenartige Formen an: Eine Frau im Bikini bietet Süßigkeiten an, ein Mann mit Mega-Zylinder verteilt Flyer für die Produktion Shit faced Shakespeare. Die Pubs bieten Festivalmenüs an, und in den Biergärten herrscht Volksfeststimmung.

Comedy, Visual Arts, Einkaufen, Theater und Essengehen - alles geht ineinander über, die Festivalstimmung verdient ihren Namen. Wenn es zwischenzeitlich einmal regnet, rührt kein Sandalenträger ein Ohrwaschl. Abends gibt's dann Feuerwerke, und das alles noch bis 26. August.

Acht Theatergruppen wollten anno 1947 das damals bereits bestehende International Edinburgh Festival nützen, um mehr Publikum für ihre Vorstellungen zu gewinnen. Aus dieser Trittbrettfahrertaktik ist auf ungeplante Weise das Fringe (zu Deutsch "ausfransen" bzw. "am Rand") erwachsen, hat das eigentliche Festival an Größe und Bedeutung längst überflügelt und steht heute im Ruf gar das größte Festival seiner Art weltweit zu sein. Auch wenn zu den heuer insgesamt 265 Spielstätten auch kleinste Pub-Hinterzimmer zählen. Im Jahr 2009 wurde ein Rekord von über 1,8 Millionen ausgegebener Tickets erreicht.

Zu den wichtigsten Spielstätten gehört das Traverse Theatre, in dem am Wochenende auch David Greigs The Events Weltpremiere hatte. Der schottische Autor zählt zu den wichtigsten Stimmen der britischen Gegenwartsdramatik und hat seit seiner Kollaboration mit Filmregisseur Sam Mendes (Charlie and the Chocolate Factory ist ein Renner im Londoner Westend) über die Community hinaus Bekanntheit erlangt.

Drehscheibe für Autoren

In The Events geht es um jene gesellschaftspolitischen Fragestellungen, die Terroranschläge wie jener von Anders Breivik aufwerfen. Ramin Gray inszeniert das Stück, in dem eine Seelsorgerin und Chorleiterin nach den Gründen eines an ihren Chormitgliedern verübten Massakers sucht. Es entstand als Koproduktion zwischen der Actors Touring Company, dem Londoner Young Vic, dem norwegischen Brageteatret und dem Wiener Schauspielhaus, wo das Stück in deutscher Fassung - Die Ereignisse - ab November zu sehen sein wird.

Das Edinburgh Fringe Festival war immer eine wichtige Anlaufstelle für Autoren und Theatermacher. Auch über den Wikileaks-Informanten Bradley Manning gibt es bereits ein Drama. Tim Price wurde für The Radicalisation of Bradley Manning ("Die Radikalisierung des Bradley Manning") in Edinburgh soeben mit dem heuer erstmals vergebenen James Tait Black Prize for Drama (mit 11.500 Euro dotiert) ausgezeichnet.

Das US-Militär war auch in George Brants Grounded Gegenstand. Das Stück erzählt in einem zupackenden Solo von Lucy Ellinson vom inneren Zwiespalt einer Drohnen-Kriegerin. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 8.8.2013)

Bis 26. 8.

  • Warten auf den Einlass in das Pleasant Theatre zur Vorstellung von ...
    foto: standard/affenzeller

    Warten auf den Einlass in das Pleasant Theatre zur Vorstellung von ...

  • ... Kieran Hurleys Jugendproteststück "Beats".
    foto: standard/affenzeller

    ... Kieran Hurleys Jugendproteststück "Beats".

  • Beim Edinburgh Fringe Festival findet man - bei gepflegten 20 Grad Lufttemperatur - den Sommer durchaus noch witzig.
    foto: the edinburgh festival fringe society

    Beim Edinburgh Fringe Festival findet man - bei gepflegten 20 Grad Lufttemperatur - den Sommer durchaus noch witzig.

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