"Lone Ranger": Die Piraten des Monument Valley

7. August 2013, 17:55
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Johnny Depp spricht in Gore Verbinskis Western-Potpourri "Lone Ranger" als wunderlicher Komantsche nicht nur mit Pferden. Den heillos überladenen Blockbuster bringt das aber auch nicht auf die Beine

Wien - Ein kleiner Bub schleicht im San Francisco des Jahres 1933 durch einen Themenpark, in dem die Besiedlung des Westens in historischen Schaukästen ausgestellt ist. Derjenige, der den "edlen Wilden in seinem natürlichen Habitat" zeigt, hat es ihm besonders angetan: Ein alter, von Gesichtsfalten übersäter Native American ist dort zu sehen, der auf seinem Kopf keine Federn, sondern gleich einen ganzen Vogel trägt.

Da erwacht er plötzlich zum Leben - und beginnt sich zu erinnern; es handelt sich um Tonto, einen besonders schrägen Vertreter der Komantschen, der gern in Rätseln und mit Pferden spricht.

Schon an dieser Exposition von Gore Verbinskis Lone Ranger wird deutlich, dass es sich bei dem von Starproduzent Jerry Bruckheimer lancierten Blockbuster um keinen Western im gängigen Sinn handelt. Wie so oft im gegenwärtigen Hollywood-Kino wurde hier ein altes Erfolgsmodell mit beträchtlichem Aufwand (Budget: 250 Mio. Dollar) reanimiert, das als Radio-Sendung bzw. TV-Serie begann: Das schlagkräftige Duo aus Tonto und dem Lone Ranger, einem maskierten Gesetzeshüter, das sich gegen Unrecht im Wilden Westen aufbäumt, kannte in den USA der 50er-Jahre jedes Kind.

Kein zweiter Sparrow

Das produktionsspezifische Vorbild für Lone Ranger liegt zeitlich näher: das Pirates of the Caribbean-Franchise - und zwar nicht nur, was den Hauptdarsteller Johnny Depp anbelangt, der mit Tonto einmal mehr einen kauzigen Außenseiter verkörpert, ohne dabei den bemerkenswerten Nachdruck eines Captain Jack Sparrow zu erreichen.

Bruckheimers Handschrift zeigt sich auch in der unausgegorenen Erzählstrategie, die unterschiedliche Unterhaltungselemente zum postklassischen Ereigniskinobrei vermischt: spektakuläre Einlagen wie Verfolgungsjagden auf den Dächern von Zügen, Italowestern-Schurken mit kannibalistischen Vorlieben, halblustige Oneliner oder die ironische Bezugnahme auf die Mystik der Ureinwohner - der Wilde Westen, ein Schüttelbild, das ständig seine Ausrichtung wechselt und sich über 149 Minuten reichlich lang streckt. In "2-D" übrigens, wie man bei der Pressevorführung extra verkündete (und wofür man Verbinski dankbar sein darf).

Der Kampf der Helden um die eigene Respektabilität bleibt in Lone Ranger mindestens so wichtig wie der gegen den äußeren Feind. Nach Muster einer Screwball-Comedy müssen sich die Sonderlinge aneinander reiben, bis sie als Team harmonieren - allein, es vermittelt sich nie so richtig.

Armie Hammer gibt den reichlich naiven Lone Ranger, der auf Waffengewalt verzichtet - und sich alsbald zwischen Fronten aus profitgierigen Pionieren, der Armee und Komantschen verliert. Tonto wiederum, der als Stereotyp des "Indianers" galt, wird von Depp, der einen Cherokee zu seinen Ahnen zählt, zur Hauptfigur aufgewertet - spleenig, burlesk, aber auch verkorkst weise schlafwandelt er durch den Film.

Retten kann er das Unterfangen, das sich in den USA als Riesenflop erwies, auch nicht, denn in dem Potpourri aus Drama, Action-Getöse und Parodie bleibt er der einkalkulierte Fremdkörper. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 8.8.2013)

Jetzt im Kino

  • Nicht einmal das weise Pferd weiß Rat: Johnny Depp hat in "Lone Ranger" als Komantsche Tonto wieder einmal den gewohnten Part des kauzigen Eigenbrötlers übernommen.
    foto: disney

    Nicht einmal das weise Pferd weiß Rat: Johnny Depp hat in "Lone Ranger" als Komantsche Tonto wieder einmal den gewohnten Part des kauzigen Eigenbrötlers übernommen.

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