Architekten wollen billiger bauen

7. August 2013, 16:09
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Präsident der Ziviltechniker Georg Pendl kritisiert Flut an Normen und sieht 300 Millionen Euro Sparpotenzial

Wien – Eine Entrümpelung der im Bauwesen geltenden Normen könnte allein im Wohnbau jährliche Einsparungen von 300 Millionen Euro bringen. Das rechnet der Präsident der Ziviltechniker Georg Pendl vor – und bringt seine Forderung nach billigerem und gleichzeitig qualitätsvollem Bauen in den Nationalratswahlkampf ein. Bestehende Normen – nur für den Baubereich gibt es 6000 – sollten  auf ihre Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung evaluiert werden. Normen im Bauwesen, denen kein ausreichender Nutzen gegenübersteht, könnten gestrichen werden, was die Kosten dämpfen würde. Das gelte auch für andere Bauvorhaben, etwa bei Schulen und Kindergärten.

Pendl: "Es gibt ein Übereinandergreifen von Vorschriften, wo es zu unsäglichen Kollisionen kommt."

35 mal mehr Normen

Die Anzahl der Normen hat in den vergangenen Jahrzehnten drastisch zugenommen: In der ersten Republik kam man mit etwas mehr als 700 Normen aus, seither hat sich die Zahl auf 25.000 verfünfunddreissigfacht. Pendl führt das im Standard-Gespräch auch auf die Privatisierung des Normungsinstituts (seither Austrian Standards Institute) zurück: "Das Institut lebt dann gut, wenn es viele Normen produziert."

Wobei Normierung in vielen Fällen sinnvoll sei, da will die Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten (wie die Kammer der Ziviltechniker offiziell heißt) das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: So sei es durchaus vernünftig, dass Neubauten von vorneherein behindertengerecht errichtet werden müssen. Allerdings gehe die Regelungswut vielfach zu weit. Dass etwa alle Handläufe von Stiegengeländern gekröpft sein müssen, damit sich niemand daran verheddern und allenfalls zu Tode stürzen kann, hält Pendl für eine übertriebene Vorschrift. Und mit Genuss zitiert er die "EN 424 Elastische Bodenbeläge – Bestimmung des Verhaltens bei einer nachgeahmten Verschiebung eines Möbelfußes", bei der schon aus der Formulierung des Titels der bürokratische Geist spürbar werde.

Europäische Vorgaben

Ein Vorwurf, der sich allerdings an das Europäische Komitee für Normung richtet, denn die EN 424 ist europaweit verbindlich. Sie regelt seit 2001 wie "die Widerstandsfähigkeit eines verlegten elastischen Bodenbelags gegen die Verschiebung eines Möbelfußes mit abgerundeten Ecken und unterschiedlichen Belastungen (…) mit Hilfe von entstandenen Oberflächenunebenheiten, Oberflächenbeschädigungen, Einschnitten von unterschiedlicher Tiefe und eindringenden Kanten beurteilt" wird.

Weg vom Billigstbieter-Prinzip

Auf der anderen Seite wäre aber darauf zu achten, dass die Planungsqualität erhalten bleibt. Pendl verlangt von den Parteien, bei den nächsten Regierungsverhandlungen besonderes Augenmerk auf die EU-Vergaberichtlinie zu legen, deren Artikel 66 es den Mitgliedsstaaten erlaubt, bei der Vergabe von "Intellectual Services" das Billigstbieterprinzip zu untersagen. Pendl: "Wer bei der Planung eines Projektes spart, bezahlt dafür mit höheren Kosten bei der Ausführung, der Instandhaltung und  mit deutlich höheren Betriebskosten. Die umfassende Beurteilung der Wirtschaftlichkeit eines Angebotes, die natürlich auch den Preis einbezieht, ist für geistige Dienstleistungen ein Muss." (Conrad Seidl, derStandard.at, 7. 8. 2013)

  • Sieht Einsparungspotenzial durch Vereinfachung von Normen: Georg Pendl
    foto: standard/urban

    Sieht Einsparungspotenzial durch Vereinfachung von Normen: Georg Pendl

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