Dandy Tom Wolfe: "Strandurlaub ist nichts für mich"

Interview8. August 2013, 18:44
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Weißer Anzug, weiße Krawatte, weißer Homburg: Tom Wolfe gilt als der Dandy unter den Schriftstellern von New York

STANDARD: Schön haben Sie es. Eine große Wohnung in der Upper East Side mit Blick auf den Central Park!

Wolfe: Wunderbar, nicht? Nur das Wetter ist furchtbar. Wir wollten heute rausfahren in die Hamptons, in unser Sommerhaus nach Southampton.

STANDARD: Der Ort auf Long Island, wo sich gern die New Yorker High Society abkühlt?

Wolfe: Und wo die Menschen seit den 70er-Jahren nur eine Beschwerde kennen: Oh, es ist so überfüllt in den Hamptons! Das stimmt nicht. Wenn Sie mit einem Kleinflugzeug über Long Island fliegen, sehen Sie, wie viel unbebautes Land es gibt. Das Problem ist, dass alle New Yorker ihr Haus am Strand haben möchten. Ich habe eines am See, zählt das auch?

STANDARD: Sie mögen den Ozean nicht?

Wolfe: Ich gehe einfach nicht mehr oft dorthin, weil meine Kinder hassen, wie ich mich anziehe.

STANDARD: Heute sitzen Sie hier in einem weißen Anzug, tragen ein gestreiftes Hemd, eine weiße Krawatte und weiße Schuhe. Passt das Ihren Kindern auch nicht?

Wolfe: Nein, diese Kombination ist nicht das Problem. Doch am Strand trage ich ein Tanktop, denn ich finde, jeder Mann über 35, egal wie viel Sport er treibt, sollte sich obenrum bedecken. Die Haut ist einfach nicht mehr dieselbe. Und dazu ziehe ich Speedos an, Badehosen in Slipform, was meine Kinder ganz, ganz schlimm finden.

STANDARD: An amerikanischen Stränden ist das nicht gern gesehen.

Wolfe: Es gilt als Verstoß gegen die guten Sitten. "Sie ziehen sich wie ein Schwimmer an - wofür halten Sie sich?" Männer tragen allesamt knielange Shorts, mein Sohn auch. Ich sehe sie ja, wie sie sich mit allerlei Kram durch die Dünen schleppen. Auf Long Island ist es nämlich verboten, innerhalb einer Meile vom Ufer entfernt zu parken. Also stellen alle ihren Wagen im Ort ab, sie behängen sich mit Körben und Taschen und marschieren zum Strand. Mich erinnern sie oft an Flüchtlinge, die nur das Nötigste zusammenpacken konnten.

STANDARD: In Miami Beach haben Sie echte Flüchtlinge kennengelernt, als Sie für Ihr jüngstes Buch "Back to Blood" recherchiert haben.

Wolfe: Das waren erschütternde Geschichten. Menschen, die sich auf selbstgebauten Booten auf den Weg über das Meer machten. Manchmal waren diese Boote nur zusammengeflickt aus Gummi von Lkw-Reifen. Es sind zwar nur 90 Meilen von der Karibik nach Florida, aber die können auf hoher See endlos werden.

STANDARD: Warum haben Sie nach New York und Atlanta Miami als Schauplatz ausgewählt?

Wolfe: Es ist die einzige Stadt, in der eine eingewanderte Volksgruppe die Macht übernommen hat. Mit einer anderen Kultur, einer anderen Sprache, und alles innerhalb von 30 Jahren. Natürlich rede ich von den Kubanern.

STANDARD: Das stört Sie?

Wolfe: Nein, ich stelle mich nicht in den Dienst einer Sache. Ich bin schließlich kein PR-Schreiber, ich beobachte nur. Es ist ein sehr genaues Buch über Miami geworden, wie mir von mehreren Seiten bestätigt wurde.

STANDARD: Sie sind in Miami mit dem früheren Polizeichef, John Timoney, befreundet. Er behauptet: In New York geht es ums Geld, in Washington um die Macht und in Miami um Sex. Stimmt das?

Wolfe: Ich kann nicht für den Polizeichef sprechen. Aber ich bin einmal zur Columbus Day Regatta hinausgefahren. Vornehmlich junge Leute schippern mit ihren Yachten und Booten nach Elliott Key, eine unerschlossene Insel südlich von Miami. Wenn alle angekommen sind, gibt es eine große Party. Die Boote ankern alle nebeneinander, sodass man von einem Deck auf das andere springen kann. Und ja, da habe ich schon einige gesehen, die Sex auf den Yachten hatten.

STANDARD: Sie trugen selbstverständlich Ihren weißen Anzug?

Wolfe: Nein, es war heiß. An jenem Tag trug ich ein weißes Hemd, weiße Hosen und weiße Schuhe.

STANDARD: Und wurden sofort als Tom Wolfe erkannt?

Wolfe: Für die jungen Leute war ich nur ein alter Mann, der plötzlich in ihr Revier eindrang. Ein paar Jungs sprangen vom Deck einer Yacht ins Wasser und spritzten mich nass. Ansonsten ließen sie sich wirklich kaum stören.

STANDARD: Sie haben die Zeiten der sexuellen Revolution in den 60er- und 70er-Jahren miterlebt. War das nicht wilder?

Wolfe: Das denke ich nicht. Als ich vor einigen Jahren Ich bin Charlotte Simmons geschrieben habe, bin ich auf viele Studentenpartys gegangen. Da haben mir Jungs erzählt, dass sie nicht mehr mit einem Mädchen ausgehen würden, wenn sie nach viermal Ausgehen nicht zum Zug kämen. Vor einigen Monaten hörte ich, inzwischen sei der Zeitrahmen auf zwei Wochen gesenkt worden. Und neulich habe ich mal einen Studenten gefragt, wie viele Dates er mit Mädchen habe, bevor er mit ihnen ins Bett steige. Er schaute mich nur an und sagte: Was meinen Sie mit Date? Sex ist eine verfügbare Annehmlichkeit geworden. Das war in den 60er- oder 70er-Jahren nicht so weit. Ein kluger Deutscher hat diese Entwicklung vorausgesehen, diese Sexualisierung der Gesellschaft: Nietzsche.

STANDARD: Er hat 1880 auch die Vorzüge des Strandlebens gepriesen, als er in Genua war. In einem Brief schrieb er: "Unter meinem Schirm, still wie eine Eidechse. Das half meinem Körper, das Meer und der reine Himmel."

Wolfe: Sehr untypisch für Nietzsche. Ich könnte mich nicht so an den Strand legen, weil ich sofort einen Sonnenbrand bekommen würde. Das ist ja für die meisten die größte Faszination: richtig schön braun zu werden. Es geht ja kaum jemand ins Wasser, alle liegen nur an Land herum. Bei mir gibt es leider keine Zwischenstufe von Weiß über Rot zu Braun, ich werde rosafarben wie ein Hummer. Nachts schmerzt alles wie verrückt, am nächsten Tag pellt sich die Haut, ach nein, ein Strandurlaub ist nichts für mich.

STANDARD: Als Sie in den 30er- und 40er-Jahren ein Kind waren, gab es da nicht den Strand, wo sich alle im Sommer hinträumten?

Wolfe: Ich bin in Richmond in Virginia aufgewachsen. Das ist im Landesinneren. Meine größte Attraktion war der jährlich stattfindende Jahrmarkt. Um sechs Uhr morgens gab mir meine Mutter 12 Nickel, ich ging mit einem Freund den ganzen Tag auf den Rummel, und um sechs Uhr abends kamen wir zurück. Ohne Aufsicht der Eltern. Das würde heute keiner mehr tun. Der größte Strand in der Nähe war Virginia Beach, eineinhalb Stunden Zugfahrt entfernt. Mir war der Strand zu demokratisch.

STANDARD: Was heißt das?

Wolfe: Die Menschen fuhren mit ihren Autos direkt ans Wasser, es gab Umkleidekabinen neben den Parkplätzen, jeder ging dahin, egal ob arm oder reich, jung oder alt. Ich mochte das nicht besonders.

STANDARD: Sie sind ein Anhänger der Status-Theorie - das heißt, die Menschen streben danach, einen bestimmten sozialen Status zu erreichen oder ihn beizubehalten. Die Idee löscht der Strand aus?

Wolfe: Status zählt überall. Meine Lieblingszeitschrift ist ja der Simplicissimus ...

STANDARD: ... das deutsche Satireheft aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von dem Sie ein paar Plakate hier in Ihrer Bibliothek hängen haben ...

Wolfe: ... und darin gab es einmal eine Zeichnung von zwei Männern im Badeanzug am Strand. Der eine ist älter und gebrechlich, der andere jung und gesund. Der Alte fragt: Brauche ich ein Schild um den Hals, auf dem steht: Ich bin Multimillionär? Er ist zwar seiner Titel beraubt, aber sein Status ist nach wie vor wichtig.

STANDARD: Sie sind nicht gerade ein Demokrat.

Wolfe: Nicht am Strand. Doch von allen New Yorker Schriftstellern halte ich mich für den größten Demokraten. Die anderen sind großbürgerliche Intellektuelle, die sich aufgrund ihrer Bildung überlegen fühlen - so als wären sie eine Bevölkerungsschicht für sich. Ich kümmere mich um das amerikanische Volk. Wenn ich so etwas sage, werde ich von anderen Schriftstellern als rührselig und kindlich abgestempelt.

STANDARD: Ärgert Sie das?

Wolfe: Nein, das tut mir nicht weh. Jeder denkt, ich bin verrückt, weil ich an einem Buch über die Evolutionstheorie schreibe. Wenn ich das Freunden erzähle, sagen sie: Oh, wie interessant. Und sind im nächsten Moment eingeschlafen. Ich finde, es ist ein spannendes Thema, wie sich die Gegner und Befürworter an den Universitäten bekriegen. Wenn ich wieder auf Long Island bin, werde ich daran weiterschreiben. Dort kann ich mich gut konzentrieren, weil das Telefon nicht klingelt ...

STANDARD: ... und nicht wie hier laufend das Hupen der Autos in Ihr Arbeitszimmer hochdringt.

Wolfe: Mitte Juni ist der Stichtag für die Abreise, New York kann im Sommer brutal heiß werden. Früher begannen zu dieser Zeit die Ferien unserer Kinder. Wir sind Gewohnheitstiere, meine Frau und ich fahren immer noch um diese Jahreszeit raus. Sagen Sie, ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass mit steigenden Temperaturen auch die Zahl der Studentendemonstrationen steigt? Mein Rat an die Regierung: Schließt alle Universitäten ab dem 1. Mai, dann ersparen Sie sich eine Menge Ärger. (Ulf Lippitz, Rondo, DER STANDARD, 9.8.2013)

Tom Wolfe wurde 1931 in Richmond, Virginia, geboren und gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der USA. Zusammen mit Truman Capote, Norman Mailer u. a. begründete er den Reportagestil "New Journalism". Sein jüngstes Werk "Back to Blood" ist in diesem Jahr im Blessing-Verlag erschienen.

  • Ein Mann über 35, sagt Schriftsteller Tom Wolfe, sollte sich am Strand obenrum bedecken. Statt zu seinem geliebten weißen Anzug greift er selbst zu Tanktop und Speedos.
    foto: ap/charles sykes

    Ein Mann über 35, sagt Schriftsteller Tom Wolfe, sollte sich am Strand obenrum bedecken. Statt zu seinem geliebten weißen Anzug greift er selbst zu Tanktop und Speedos.

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