Gedruckte Zeitungen las er nicht mehr

6. August 2013, 19:10
54 Postings

Amazon-Gründer Jeff Bezos übernimmt die "Washington Post". Er sucht ein digitales Geschäftsmodell. Und gelobt Journalismus. Kritiker fragen: Wird sich der wohl auch mit Bezos Webkonzern befassen?

Wie krisengebeutelt auch immer, die Medienbranche kann noch über ihr Metier blödeln: Jeff Bezos Frau wollte doch nur eine "Washington Post", jetzt hat der Multimilliardär einen ganzen Verlag, ulkten Journalisten in der Nacht auf Dienstag auf ihrer bevorzugten Tratsch- und Streitplattform Twitter. Und: Menschen, die die Washington Post kauften, interessierten sich auch für den Boston Globe, Newsweek und die Tribune Company.

Die Kauftipps: eine Persiflage eines simplen Erfolgsprinzips jenes Mannes, der Montag wissen ließ, dass er eine Ikone des US-Qualitätsjournalismus übernimmt. Jeff Bezos kauft die "Washington Post". Unabhängig von jenem Onlinehandelskonzern, der ihn zum Multimilliardär gemacht hat - sagt er: Amazon.

Beim jährlichen Gipfeltreffen der ganz Großen der Medien- und Technologiewelt im Sun Valley wurden zwei Herren häufiger gemeinsam fotografiert: Bezos und Donald Graham, Chairman und CEO der "Washington Post". Das war im Juli dieses Jahres. Und, so wirkt es jedenfalls heute, Bezos scheint dem Verleger, dessen Familie die "Post" seit 1933 führt, zu zeigen, wohin es geht.

Keine Karte

Der Amazon-Chef freilich gibt selbst zu: Er hat auch keine Karte, weiß den Weg nicht genau. Aber er weiß, dass es kein leichter wird, schrieb er der Belegschaft in einer ersten Stellungnahme über den Kauf.

Tränen im Newsroom, Schnaps im Pub

Als Graham und Katharine Weymouth, die Verlegerin und CEO der "Washington Post" bleiben soll, die Übernahme bekanntgaben, weinten altgediente Redakteure, berichtete die Zeitung selbst. Mehr Schnaps als sonst werde der Redaktionspub an diesem Abend wohl verkaufen, bloggte ein Redakteur auf der Zeitungsseite.

"Koste es, was es wolle"

Bezos beruhigte in seinem Brief, die journalistischen Werte der "Post" bräuchten sich nicht zu ändern. Um die Interessen der Leser, nicht der Eigentümer habe es zu gehen. "Wir werden weiterhin der Wahrheit folgen, wohin sie auch führt, und wir werden hart daran arbeiten, keine Fehler zu machen." An Storys dranbleiben, "koste es, was es wolle", schrieb er. Und Informationen penibel zu überprüfen.

Wird die "Washington Post" genau hinsehen, wenn es um die Serverkapazität geht, die Amazon der CIA für 600 Millionen Dollar vermietet, fragten Kritiker, als der Deal bekannt wurde. Oder: Wird sich die "Washington Post" die Arbeitsbedingungen der Versandarbeiter bei dem Onlinehändler genau ansehen können?

Erfindungsreichtum und Innovationskraft

Die "Washington Post" steht etwa für die Aufklärung des Watergateskandals um die dreckigen Wahlkampfmethoden von US-Präsident Richard Nixon. Die damaligen Aufdecker Carl Bernstein und Bob Woodward kommentierten Bezos Übernahme zwiespältig: Bernstein etwa sieht sie mit "angemessener Traurigkeit". Aber er setzt zugleich "große Hoffnungen" in Erfindungsreichtum und Innovationskraft des neuen Eigentümers. Die er hoffentlich in den Dienst von "großem Journalismus" stelle, mailte Bernstein dem "Wall Street Journal".

Für diese Wirtschaftszeitung samt Dow Jones hat Medienmulti Rupert Murdoch 2007 noch für 3,8 Milliarden Dollar übernommen. Milliarden zahlte ein Investor noch 2009 für den Konzern um die "Los Angeles Times" und "Chicago Tribune", inzwischen insolvent, auf Käufersuche und in einen TV- und einen Print-Teil aufgespalten.

Sinkende Werbeumsätze und die Konkurrenz von Google und Co im Internet ließen die Preise für Verlagshäuser seither dramatisch sinken.

53 Millionen Euro zahlte der Chef des Baseballclubs Boston Red Sox der "New York Times" zuletzt für den "Boston Globe". Den Vertrag für einen seiner Spitzenspieler verlängerte dieser Club gerade für rund 75 Millionen Euro.

Geld und Geduld

Bezos, 18,8 Milliarden Euro reich, zahlt für die Post 188 Millionen Euro. "Er ist der Innovator, er hat das Geld und die Geduld", hofft Bob Woodward.

"Wir müssen etwas erfinden", schreibt Bezos, "also müssen wir experimentieren". Nach dem Leser, der Leserin will er sich da orientieren - und nennt etwa Regierung, Lokalpolitik, Restauranteröffnungen, Charitys und Sport.

Gedruckte Zeitungen lese er "schon lange nicht mehr", erklärte Bezos 2012 der "Berliner Zeitung". Tablets wie sein Kindle "werden unseren Alltag weiter durchdringen. Die Leute sind durchaus bereit, für Zeitungsabos auf Tablets zu zahlen" - was sich im Web schwierig gestaltet. Aber, so Bezos damals: "Ich würde nicht so weit gehen und gleich von Rettung sprechen." Eine Lösung will er nun suchen. (fid, DER STANDARD, 7.8.2013)

  • Jeff Bezos (links) und Donald Graham aus der bisherigen Eigentümerfamilie der "Washington Post" - aufgenommen im Juli bei einem Gipfel der Medien- und Technologiebosse in Sun Valley.
    foto: epa

    Jeff Bezos (links) und Donald Graham aus der bisherigen Eigentümerfamilie der "Washington Post" - aufgenommen im Juli bei einem Gipfel der Medien- und Technologiebosse in Sun Valley.

  • Die "Washington Post" auf Amazons Kindle Fire HD - und wie Amazon-Kunden ein neues Logo für das US-Traditionsblatt imaginieren. Jeff Bezos betont freilich, er kaufe die Tageszeitung unabhängig vom Online-Versandriesen.
    foto: montage: beigelbeck/klausner

    Die "Washington Post" auf Amazons Kindle Fire HD - und wie Amazon-Kunden ein neues Logo für das US-Traditionsblatt imaginieren. Jeff Bezos betont freilich, er kaufe die Tageszeitung unabhängig vom Online-Versandriesen.

  • Zeitungen zu verkaufen: Verkaufssummen im Überblick.
    grafik: standard

    Zeitungen zu verkaufen: Verkaufssummen im Überblick.

Share if you care.