"Gloria": Eine Frau, die noch lange nicht genug hat

6. August 2013, 17:30
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Eine der großartigsten Kinoheldinnen dieses Jahres: Der Chilene Sebastián Lelio erzählt im preisgekrönten Film "Gloria" von einer 58-jährigen Frau, die sich dem Leben mit Leidenschaft stellt

Wien - Manche Kinofiguren müsste man vor ihren Erfindern, Regisseuren und Drehbuchautoren, schützen, weil sie ganz darauf reduziert werden, eine Rolle zu erfüllen. Umso beglückender sind die anderen, diese Minderheit, die sich von den Zwängen der Erzählformate befreit: Mit gehörigem Eigensinn machen sie sich daran, ihre Schöpfer, sich selbst und nicht zuletzt den Zuschauer zu überraschen. Ihre Freiheit besteht darin, die Möglichkeiten nicht auszuschöpfen - sie gehen durch die Begrenzungen der Bilder hindurch, geben sich nicht preis, entscheiden sich spontan.

Gloria, die Titelfigur in Sebastián Lelios viertem Spielfilm, ist so ein Fall. Eine 58-jährige alleinstehende Frau, die sich mit den Einschränkungen des Alters nicht abfinden will - das klingt zunächst nach einem "Best Ager"-Film: Im Arthouse-Sektor ist das gereifte Publikum längst zur lukrativen Zielgruppe geworden, die man mit maßgeschneiderten Arbeiten wie The Best Exotic Marigold Hotel oder Und wenn wir alle zusammenziehen? oft ein wenig zwanghaft originell bedient.

Doch Gloria ist auf ansteckende Art anders. Sie hat sich ihren Lebenshunger bewahrt, lässt sich beim Autofahren von Schlagern zum Mitsingen verführen und besucht abends gerne Tanzveranstaltungen, bei denen es auch darum geht, neue Bekanntschaften zu schließen. Lelio habe sich für die Generation seiner Mutter interessiert, für urbane, selbstsichere Frauen im gegenwärtigen Santiago de Chile - dieses Augenmerk auf eine spezifische Lebenssituation merkt man dem Film auch an: Das Apartment Glorias mit den immerzu streitenden Nachbarn, die nackte Zuchtkatze, die sie dort unerlaubt besucht (und vor der ihr graust) - sie sind ebenso real wie die Sehnsucht, die sich über ihr Gesicht legt, wenn sie auf ihre Kinder blickt, die ihr eigenes Leben führen.

Paulina García hat für die Darstellung Glorias auf der Berlinale hochverdient einen Silbernen Bären bekommen. In beinahe jeder Szene des Films ist sie zu sehen, und sie zeigt dabei eine erstaunliche Beweglichkeit im Ausdruck. Manchmal wirkt sie zurückhaltend, auf Abstand bedacht, blickt fragend über die großen Brillengläser hinaus, oft überfällt sie eine Rührung, ohne dass sie dabei an Haltung verliert, und dann, vor allem, ist sie haltlos, leidenschaftlich, sinnlich. Lelio weiß, was er an García hat, und lässt die Momente nicht ungenützt vorbeiziehen, sondern fasst seine Darstellerin mitunter mit Emphase in Großaufnahmen ein.

Verse und Bungee-Jumping

"Sind Sie immer so glücklich?", mit dieser Frage spricht Gloria eines Abends der Pensionist Rodolfo an. Aus dem One-Night-Stand - auch das soll es in diesem Alter noch geben - wird bald mehr. Lelio spart ebenso wenig Sexszenen aus, in denen die Lust auf beiläufige Weise greifbar wird, wie andere Verhaltensweisen, die man von jüngeren Paaren kennt: ein gewisser Hang zum Abenteuer, sei es beim Bungee-Jumping oder Paintball-Spielen. Oder Liebeserklärungen mittels der Verse eines berühmten Poeten.

Doch Gloria begeht nicht den Fehler, sich ganz auf das Liebesgeschehen zu beschränken. Er stellt das Glücksversprechen nicht über den Realitätssinn seiner Protagonistin. Differenzen lassen sich auch im Alter nicht einfach überspringen, alteingeübte Verhaltensmuster nicht plötzlich überwinden. Rodolfo erweist sich auf den zweiten Blick als Mann, der sich immer noch schwer von seinen Kindern und der geschiedenen Frau lösen kann. Je öfter sein Telefon beim Turteln klingelt, desto schaler muten seine Liebesworte an.

Lelios eleganter, abgerundeter Inszenierungsstil sorgt dafür, dass auch in den dramatischeren Momenten keine besondere Bitterkeit aufkommt. Dies wirkt jedoch nicht wie ein Kompromiss: Es scheint schließlich auch eine Maxime von Gloria zu sein, sich in schwierigen Situationen ein wenig gehen zu lassen - es sei denn, es findet sich ein anderes Ventil.

Darüber hinaus vergisst Sebastián Lelio auch auf die gesellschaftliche Rahmung nicht: Gloria, eingeraucht im Café, die den Kopf langsam auf ihre Tasche sinken lässt. Dahinter die Silhouetten einer Jugend, die auf den Straßen den Aufstand probt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 7.8.2013)

Ab Freitag im Kino

  • So tanzt nur jemand, der um die schönen Seiten des Daseins weiß: Paulina García als ausgelassene Titelheldin in Sebastián Lelios Film "Gloria".
    foto: thimfilm

    So tanzt nur jemand, der um die schönen Seiten des Daseins weiß: Paulina García als ausgelassene Titelheldin in Sebastián Lelios Film "Gloria".

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