Gamedesigner zu Xbox One: Microsoft soll nicht auf Spieler hören

8. August 2013, 12:00
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"Die Kunden wollen, dass du dich nicht veränderst, auch wenn du damit an die Wand fährst."

Microsofts nächste Konsole, die Ende des Jahres in den Handel kommende Xbox One, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Verpflichtende Online-Verbindung allerlei andere Features erregten den Zorn zahlreicher Spieler. Schließlich legte der Redmonder Konzern den Rückwärtsgang ein und entledigte sich der verpflichtenden Web-Anbindung und ermöglichte Offline-Gaming.

Das beruhigte zwar die Gemüter, könnte langfristig aber der falsche Zug gewesen sein. Das denkt zumindest Game-Designer Jesse Schell. Er ist Chef des Entwicklerstudios Schell Games und lehrt Game Design an der Carnegie Mellon University. Zuvor war er Creative Director von Disneys Virtual Reality Studios. Er hat GamesIndustry.biz ausführlich Rede und Antwort gestanden.

Das Innovatoren-Dilemma

"Wenn man Technologie und den menschlichen Geist versteht, kann man die Zukunft voraussagen", meint Schell. Und hier liege auch die Wurzel von Microsofts Problem begraben. Der Konzern versteht zwar seine eigenen Bedürfnisse und jene seiner Partner, aber nicht die Psyche der Kunden – ein klassisches Innovatoren-Dilemma, wie er findet.

"Deine Kunden wollen, dass du dich nicht änderst, auch wenn du damit an die Wand fährst", meint Schell. "Irgendwie hat Microsoft wohl gedacht, das wäre kein Problem. Aber die Realität ist, dass Microsoft nicht tun kann, was die Kunden wollen."

"Microsoft hat eigentlich gesagt: Wir werden wie Steam sein. Ihr mögt doch Steam, oder?", führt er aus. "Und die Kunden haben gesagt: Nein, wir wollen das nicht, wir hassen das." Und dies, obwohl es am Ende doch das ist, was sie kaufen wollen. Microsoft setzt seine Ideen nicht um, also wird es jemand anderer tun.

"Microsoft ist nicht dumm"

Wieso versagen große Firmen, wenn sich Technologie ändert, fragt sich Schell. Denn so etwas passiert nicht nur in der Tech-Branche. Er betont, dass dies nicht daran liegt, dass bei Microsoft keine hellen Köpfe am Ruder sind. "Wie wären sie so groß geworden und geblieben, wenn sie dumm wären? Microsoft ist nicht dumm", sagt er.

"Es gibt einen Fehler, den sie alle machen. Und dieser Fehler ist es, auf ihre Kunden zu hören", so seine Schlussfolgerung aus den bisherigen Ereignissen rund um die Xbox One. Microsofts Rückzieher war zu umfangreich. Er war auch deswegen eine schlechte Entscheidung, weil der Aufschrei nach der Xbox One-Vorstellung von einer relativ kleinen, aber umso lauteren Minderheit der Spieler gekommen sei. Er erinnert auch daran, wie Valve dank Steam trotz anfänglicher Proteste vom Spielestudio zum mächtigen Plattformbetreiber wurde.

"Man muss sich auf der Seite etwas aufbauen, und große Firmen sind bei sowas immer zögerlich", sagt Schell. Dies sei wichtig, weil sich nicht voraussagen lasse, ob nicht plötzlich ein anderer großer Player das bereits bespielte Feld betritt und eine bessere Lösung liefert.

Gelegenheit zum Wandel

Die Xbox One und die Playstation 4 seien Microsofts und Sonys erste echte Gelegenheit, auf den Wandel im Spielegeschäft – den Aufstieg der Social Networks und Mobile Games und des Free-to-Play-Modells – zu reagieren. Die Richtung, die nun beide einschlagen hinterlassen bei Schell Zweifel ob ihres langfristigen Erfolges.

"Ich glaube, was in den nächsten vier Jahren wirklich einen Unterschied machen würde, wäre die Veröffentlichung eines großartigen Gaming-Tabkets. Ein Highendgerät für Games, vielleicht mit einem separaten Controller und einfacher Anbindung ans TV", meint Schell abschließend. "Ich weiß nicht, wer das veröffentlichen wird, aber es wirkt nicht so, als ob dies Microsoft oder Sony wären. Wer weiß, welches As Nintendo vielleicht noch im Ärmel hat." (red, derStandard.at, 06.08.2013)

  • Die 180-Grad-Wende von Microsoft hinsichtlich der Xbox One war ein Fehler, urteilt Jesse Schell.
    foto: microsoft

    Die 180-Grad-Wende von Microsoft hinsichtlich der Xbox One war ein Fehler, urteilt Jesse Schell.

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