Mythos über Memphis, Tennesse

5. August 2013, 17:46
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Dass die schmucke Fassade der Stadt heute auf ein, zwei Blocks beschränkt ist wurde in der Doku betulich ausgeklammert

Schon der Trailer ließ nichts Gutes erahnen. Wirkte er doch wie eine von der Fremdenverkehrswerbung in Auftrag gegebene Belangsendung: Hübsche Diner wie aus den 1950er-Jahren, jede Menge Allgemeinplätze und dazu die schlechteste Musik, die das Thema hergibt: Den aktuellsten Hit, in dem das Sujet der Doku besungen wird: Memphis im US-Bundesstaat Tennessee.

Von wem der Song stammt, wurde dann gnädig unterschlagen, schließlich sollte es um die Wiege der Popmusik gehen und nicht um dessen uninteressante Ausgeburten. Am Sonntagabend zeigte Arte im Rahmen seiner prinzipiell zu würdigenden Schiene "Summer of Soul" die Doku "Memphis, Tennessee – eine Stadt verändert die Welt".

Die Doku gab sich von Anbeginn in den Mythos der Stadt verliebt. Da blieb für die Realität leider nicht viel über. Verständlich zwar, wenn es um Figuren wie Elvis Presley, Johnny Cash oder B.B. King oder das Soul-Label Stax geht, aber dass sich die schmucke Fassade der Stadt heute auf ein, zwei Blocks beschränkt, Memphis ansonsten alles andere als eine Perle der Südstaaten ist, wurde betulich ausgeklammert.

Stattdessen wurde nacherzählt, was jeder halbwegs interessierte Musikfreund über diese Stadt ohnehin weiß. Über einschlägige Gemeinplätze wie die Beale Street kam die Doku kaum hinaus. Das war dann leider so, als würde man in einer Doku über Wien von der Kärntnerstraße direkt in den Grinzinger Touristenheurigen gebeamt während die Melodie des "Dritten Mannes" kurz angespielt wird – und tschüss.

Für die Uhrzeit – knapp vor Mitternacht – ein leider nur bescheidenes Dokument, das das eigentliche Thema nur an der Oberfläche berührte. (Karl Fluch, DER STANDARD, 6.8.2013)

  • Blind Mississippi Morris auf dem Beale Street Festival in Memphis im Frühling 2011.
    foto: wdr/florianfilm

    Blind Mississippi Morris auf dem Beale Street Festival in Memphis im Frühling 2011.

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