Kunst am Parkett und eine positive Utopie

5. August 2013, 18:09
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Jedes Jahr holt die Internationale Sommerakademie Künstler nach Salzburg und Hallein, die an keiner anderen Universität unterrichten: darunter Thomas Kilpper

Hallein - Zwei nackte Silhouetten vor Meer und Sonnenuntergang: Der nachträglich hinzugefügte Filzstift-Hinweis "Sex" und die zwei Pfeilchen wären auf dieser Erotik-Tapetentür der Siebziger gar nicht mehr nötig. Ein anderes Zimmer ist ein Kleinbubentraum - über und über mit Segelschiffen und Umrissen von Kontinenten bedeckt. Die Tapetenvielfalt aus gigantischen Blumen- und Ornamentmustern sowie die Böden - von Kork über Linoleum bis zu Parkett und Fliesen - lassen das sogenannte Salzburger Tor-Haus wie ein skurriles Museum für Raumausstattung der 70er- und 80er-Jahre wirken.

Im Keller des zehn Jahre leer stehenden Hauses, das im Rahmen eines Bauprojekts bald kernsaniert wird, wähnt man sich sogar in einer Horrorfilmkulisse: Die verkrusteten Kachelböden gehörten einst zu einer Fleischhauerei, was auch die Würste erklärt, die man oben am rohen Dachboden in einer kleinen Räucherkammer findet. Dass der Berliner Projektraum für zeitgenössische Kunst und soziale Fragen des deutschen Künstlers Thomas Kilpper ausgerechnet "after the butcher" heißt und ebenfalls in einer ehemaligen Fleischerei Platz gefunden hat, ist allerdings reiner Zufall.

In Hallein dient das inspirierende, aus jeder Pore private Geschichte atmende Haus nun den Teilnehmern von Kilppers Kurs bei der Sommerakademie Salzburg als "Material". Mit Linolschnittmessern oder - bei härteren Untergründen auch martialischerem Werkzeug wie - Motorsäge und Trennschleifer werden die Motive in die Böden "eingeschnitten". Man könnte auch sagen, dass die sich dort eingeschriebenen Geschichten und Bilder auf diese Art befreit werden.

Später wird gedruckt - unmittelbar am Boden. Er habe nach mehr Reibung und Widerstand gesucht, als er Ende der 1990er-Jahre damit begann, in Böden zu schneiden, sagt Kilpper. Zuerst nahm er die Böden mit ins Atelier, schon bald stellte sich jedoch heraus, dass das Arbeiten und Drucken vor Ort nicht nur praktischer, sondern auch reizvoller ist.

Inzwischen hat der 56-jährige Künstler, Absolvent der Frankfurter Städelschule, daraus eine vielbeachtete Praxis der Intervention entwickelt: iInternational am bekanntesten sein Beitrag für den dänischen Pavilion for Revolutionary Free Spech bei der Biennale Venedig 2011 .

State of Control hieß etwa jenes Projekt, das er 2009 auf mehr als 800 Quadratmeter Linoleumboden der ehemaligen Berliner Stasi-Zentrale verwirklichte. Ein gigantischer Druckstock mit Motiven aus der Geschichte der Überwachung und des Widerstands. Dass er sich dabei nicht nur auf die DDR-Geschichte bezog, sondern auch Innenminister und Überwachungsbefürworter Wolfgang Schäuble oder den Chef des Bundeskriminalamtes neben Helden verewigte, die für die Freiheit des Einzelnen eingetreten sind, kritisierte man damals als "zu verschwommen" und als "Geschichtsbrei".

Keine Banalitäten

Für die Gleichung "Stasi=böse" ließe sich schnell ein breiter gesellschaftlicher Konsens finden, kontert Kilpper solche Vorwürfe. Das sei ihm zu banal gewesen: "Die Idee staatlicher Überwachung und Kontrolle fing nicht mit der Stasi an." Besucher entlässt Kilpper nicht aus der Verpflichtung, selber zu reflektieren und zu differenzieren.

Bereits elf Jahre vor der Berliner Installation hatte Kilpper mit don't look back in einer ehemaligen Basketballhalle der US-Armee nahe Frankfurt die Tätigkeiten des US-Geheimdienstes thematisiert. (Im Gebäudekomplex wurden nach 1945 Nazis verhört, die dort während des Krieges bereits US-Alliierte drangsaliert hatten.) Durch die NSA-Affäre rund um Snowden ist das Thema Bespitzelung wieder virulent. Reizt es Kilpper noch immer? Im Halleiner Haus sei auf den Mosaikfliesen des Küchenbodens sogar ein Pixel-Porträt von Snowden entstanden, erzählt er. Das Thema der flächendeckenden gesellschaftlichen Überwachung werde uns noch lange begleiten, "weil durch Snowden bekannt wurde, dass tatsächlich in diesem gigantischen Ausmaß Kommunikation erfasst und staatlich kon-trolliert wird", ist Kilpper überzeugt.

Zwölf Jahre hat Kilpper als politischer Aktivist gewirkt, sich u. a. in der Anti-Atom- und Anti-Kriegs-Bewegung engagiert, und dabei - wie er sagt - eine "politische Fundamental-Opposition" entwickelt. Zur Freiheit der Rede, zu Überwachung und Migration hat er gearbeitet, aber welche Themen aktuell die zwingendsten wären, vermag Kilpper nicht zu sagen: "Eigentlich ist vieles am drängendsten", sagt er, der unter anderem kritisiert, dass die Kuratoren der diskursrelevanten Großereignisse (Documenta, Biennalen) ebenso wie Manager der Privatwirtschaft eher Geld- und Auftraggebern verpflichtet sind, als der Gesellschaft, "dem eigentlichen Souverän einer Demokratie".

Aktuell ist am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin sein neuestes Projekt MEGAfon zu sehen: Ein Speakers' Corner in Gestalt eines bunten, skulpturalen Sprachrohres, das dem Ort und seiner wechselvollen Geschichte politischer Demonstrationen von der Weimarer Republik bis in die Wendezeit Referenz erweist und das die Frage stellt, wer sich heute öffentlich Gehör verschaffen kann.

Obwohl viele seiner Themen, tagespolitisch sind, ist Kilpper wohl der Letzte, der daraus Kapital schlagen würde. Das beweist auch die Konsequenz, mit der er sein wohl poetischstes und berührendstes - aber bisher auch unrealisiertes - Projekt verfolgt: einen Leuchtturm für Lampedusa, dessen Lichtstrahl den wenig seetauglichen Booten mit afrikanischen Flüchtlingen Orientierung bieten könnte. "Sie haben nichts als ihr nacktes Leben - und immer öfters verlieren sie selbst das, auf ihrem Weg in die ,Festung Europa'. Das ist unerträglich und menschenfeindlich". - Illusionen, dass seine positive Utopie eines Leuchturms real wird, hat er jedoch nicht: "Solange mein Projekt für Interesse und Diskussionen sorgt, ist es am Leben. Die praktische Umsetzung ist ein Plus." (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 6.8.2013)

  • 2010 entwickelte Thomas Kilpper für Neapel seine Projektidee "A Lighthouse for Lampedusa!".
    foto: thomas kilpper

    2010 entwickelte Thomas Kilpper für Neapel seine Projektidee "A Lighthouse for Lampedusa!".

  • Ins Parkett geschnitten: Arbeit von Johanna Lettmayer.
    foto: thomas kilpper

    Ins Parkett geschnitten: Arbeit von Johanna Lettmayer.

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