Von Kärntner Gockel und Schweinereien

5. August 2013, 17:09
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Das Museum Moderner Kunst Kärnten hat unter Direktorin Christine Wetzlinger-Grundnig sein Profil geschärft und setzt auf Nachwuchs - Zurzeit präsentiert man eine Ausstellung mit Tierdarstellungen

Klagenfurt - 2003 wurde in der "Burg", einem historischen Renaissancebau, das Museum Moderner Kunst Kärnten (MMKK) in den Räumen der ehemaligen Landesgalerie eröffnet. Die Werke der hauseigenen Sammlung gehen bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Für eine Dauerausstellung mangelt es an Räumlichkeiten, weshalb Direktorin Christine Wetzlinger-Grundnig 2010 die Ausstellungsreihe "Focus Sammlung" ins Leben rief. Einmal im Jahr wird ein thematischer Querschnitt durch die Werke des Museums präsentiert. Nach Zeichnung und Malerei, Menschen- und Landschaftsbildern ist nun die Tierdarstellung an der Reihe.

Wetzlinger-Grundnig, Ethnologin und Kunsthistorikerin, hat die 14 Räume nach Tierarten gegliedert, die die hierarchische Beziehung des Menschen zum Tier veranschaulichen: Haustiere, Nutz- und Arbeitstiere, Federvieh, Wasser-, Berg- und Waldtiere, exotische Tiere, tote Tiere. So sind in jedem Raum unterschiedliche Stilrichtungen vertreten; und ungewöhnliche Verbindung entstehen: Die bedrohliche "Rote Katze" von Ludwig Heinrich Jungnickel steht Reinfried Wagners "Wolkenkatze" gegenüber, einer stoischen Himmelsgestalt. Diese wiederum wird von einer Katzenskulptur aus Stacheldraht von Fritz Russ konterkariert. Sensationell in diesem Kontext die Katzendarstellung von Maria Lassnig von 1945. Gleichsam als Vorarbeit zu ihrer Auseinandersetzung mit Körperwahrnehmung und Mensch-Tier-Wesen geht das expressionistische Werk kraftvoll über die Tierdarstellung hinaus und verleiht der Katze, die einen nachdenklich fixiert, menschliche Züge.

Derartige Frühwerke namhafter Künstler sind typisch für das MMKK. Schon in den 1930ern war es das Ziel der Vorgängerinstitution Landesgalerie, aufstrebende Talente mit Ankäufen zu fördern, darunter inzwischen große Namen wie Anton Kolig, Franz Wiegele, Hans Staudacher, Kiki Kogelnik, Heimo Zobernig, Valentin Oman, Arnulf Rainer, Bruno Gironcoli oder Giselbert Hoke. Wetzlinger-Grundnig folgt dieser Tradition und investiert ihr bescheidenes Einkaufsbudget (auf die Galerienförderung von 54.000 Euro beschränkt) in jährlich rund zehn Werke noch nicht allzu bekannter Künstlerinnen und Künstler.

Vorteile der Provinz

Während die großen Museen unter dem Zwang stehen, publikumswirksame, arrivierte und damit teure Arbeiten zu kaufen, habe ein Haus in der Provinz eben den Vorteil, eigene Wege zu gehen, so Wetzlinger-Grundnig. Die Sammlung des MMKK umfasst rund 5000 Werke, großteils mit Kärnten-Bezug. Andere Werke werden meist durch die Dokumentation von sammlungsfremden Ausstellungen dauerhaft Teil des MMKK. So ist in der Abteilung Mythen-, Fabel- und Märchenwesen Peter Weibel mit einem Keramik-Lindwurm vertreten, der in Damien-Hirst-Manier in einzelne Schichten zerlegt ist.

Dass der Besuch mit diesem von farbintensiven Großformaten geprägten Raum beginnt, dient nicht etwa der Überraschung, es habe rein pragmatische Gründe. Die zum Teil kleinen und mit Renaissancestuck verzierten Räume erforderten notgedrungen Kompromisse. Also beginnt die Tierausstellung zeitgenössisch mit Zenita Komads weiblich konnotiertem einäugigem, gehörntem Vogelwesen "Harpyie II", einem textilen Materialbild, sowie einer Serie von phallischen geflügelten "Krafttieren" in Acryl von Reinfried Wagner.

Unter "Tier und Mensch" hingegen dominieren Porträts von Toni Gregoritsch und Johanna von Morozzo-Moro im Stil des 19. Jahrhunderts. Eine mit natürlicher Leichtigkeit dargestellte Adelige richtet ihren tugendhaften Blick in Richtung der kleinen Ecke, die den Kuscheltieren gewidmet ist. Durch die Geschlechtsdarstellungen ist das Kinderspielzeug seiner Unschuld beraubt. Gudrun Kampls auf Samt gemaltes, weiß-pinkes Stofftier mit Vulva thematisiert zudem die Geschlechterrollen transportierende Spielwarenindustrie.

Für Schmunzeln sorgt das "Hühnerensemble", das erstaunlich ungeschützt auf dem Boden herumsteht. Die bizarren Tierpräparate von Burgis Paier mit ihren menschlichen Gesten und Geschlechtsteilen persiflieren mehr das Gruppenverhalten von Mensch als von Tier. Zu den Klängen von Kärntnerliedern grinsen Johann Kresniks ausgestopfte "Schweineköpfe" aus Klomuscheln. Durch ihre Orden aus dem Ersten Weltkrieg drängt sich eine heimatkritische Interpretation förmlich auf, wurde die Geschichte des Landes doch bis vor kurzem sehr einseitig aufgearbeitet.

Das Werk scheint wie eine Bestätigung für Wetzlinger-Grundnig, die jegliche politische Einflussnahme ausschließt. Als Kuratorin schreckt sie nicht vor starken Eingriffen in die Wirkung der Einzelwerke zurück: Ein Metallobjekt von Sepp Schmölzer erhält erst in Kombination mit Armin Guerinos Gemälde "Taurus" seine Verwandtschaft mit einem Stier. Béatrice Stählis "Profilschädel", eine Installation aus einem Pferdekieferknochen und Fahrradreifen, hat sie mit einem roten Quadrat im Hintergrund aus der restlichen Ausstellung hervorgehoben und damit Aggressivität und Intensität verliehen.

Insgesamt lädt der unchronologische Werkmix das Publikum ein, Assoziationsketten zu bilden und ungewohnte Vergleiche anzustellen - oft gelingt das Arrangement, mancher Raum wirkt aber konzeptlos. (Martin Mittersteiner, DER STANDARD, 6.8.2013)

Bis 20. 10.

  • MMKK-Direktorin Christine Wetzlinger-Grundnig vor einer ihrer letzten Neuerwerbungen: "STB/S" stammt von Peter Jellitsch und ist eine Studie zum Schwarmverhalten von Vögeln.
    foto: martin mittersteiner

    MMKK-Direktorin Christine Wetzlinger-Grundnig vor einer ihrer letzten Neuerwerbungen: "STB/S" stammt von Peter Jellitsch und ist eine Studie zum Schwarmverhalten von Vögeln.

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