Adipositas: Wenn das negative Fremdbild zum Selbstbild wird

6. August 2013, 07:53
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Gesellschaftliche Abwertung macht stark übergewichtige Menschen krank - Psychotherapie soll helfen, Selbststigma zu überwinden

Leipzig - Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist der Überzeugung, dass adipöse Menschen faul, dumm, disziplinlos und selber schuld an ihrem Übergewicht sind. Diese Vorurteile und verletzenden Bemerkungen bleiben nicht ohne Folgen. Eine Studie der Universität Leipzig hat ergeben, dass die Akzeptanz dieser Stigmatisierung von den Betroffenen selbst, eine Verringerung von Selbstachtung und Selbstvertrauen verursacht und dadurch Ängste und Depressionen nach sich gezogen werden.

In einer Erhebung der Medizinischen Psychologie und Soziologie der Universitätsmedizin Leipzig sowie des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) Adipositas-Erkrankungen wurde bei 1158 übergewichtigen und adipösen Studienteilnehmern ab 14 Jahren mittels spezieller Fragebögen untersucht, wie weit negative gewichtsbezogene Meinungen und Vorurteile (Stereotypen) von den Betroffenen selbst übernommen werden und ob ein erhöhtes Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen besteht.

"Wenn das negative Fremdbild zum Selbstbild wird, benötigen diese Menschen psychotherapeutische Hilfe, um das schädliche Selbststigma zu überwinden. Auch in der Behandlung der Adipositas ist es wichtig, darauf zu achten und es nicht weiter zu vertiefen", unterstreicht Studienleiterin Anja Hilbert. Das ist auch vor dem Hintergrund wichtig, da die Stigmatisierung nicht dazu beiträgt, dass die betroffenen Personen besser abnehmen.

Ablehnung und Abwertung

Anders als bislang angenommen, hat die Studie ergeben, dass adipöse Menschen aufgrund des Selbststigmas nicht seltener, sondern häufiger als andere Personen zum Arzt gehen. Diese Tatsache scheint auf den als schlechter wahrgenommenen Gesundheitszustand und die Meinung zurückzugehen, dass selbst nicht wirklich etwas verändert kann.  Andere Studien belegen wiederum, dass die Gesundheitsversorgung stark übergewichtiger Menschen schlechter ist, als die normalgewichtiger Personen. Adipöse Männer und Frauen nehmen beispielsweise seltener Vorsorgeuntersuchungen wahr, da sie aufgrund ihres Gewichts Ablehnung oder Abwertung in der Behandlungspraxis befürchten.

Weitere Forschungsprojekte sollen zeigen, ob das Selbststigma im Sinne einer "sich selbst erfüllenden Prophezeiung" zu Nachteilen in anderen Lebensbereichen, beispeilsweise im Berufsleben, führt. (red, derStandard.at, 6.8.2013)

  • Stigmatisierung bleibt nicht ohne Folgen für adipöse Menschen.

    Stigmatisierung bleibt nicht ohne Folgen für adipöse Menschen.

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