Kilpper: "Eine schallende Ohrfeige für die europäische Politik"

Interview5. August 2013, 18:12
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Künstler Thomas Kilpper, Lehrender an der Salzburger Sommerakademie, im Interview über die "Festung Europa", den Papst, künstlerische Handlungsräume und die Langeweile von zu einfachem Konsens

STANDARD: Man hörte viel über Ihre Pläne für einen Leuchtturm für Lampedusa. Wie ist es um das Projekt inzwischen bestellt?

Thomas Kilpper: Ich möchte im Winter gerne nach Lampedusa fahren und mit der neuen, sehr engagierten Bürgermeisterin meine Ideen durchsprechen. Ich habe aber keine Illusionen: Eine Verwirklichung im Maßstab 1:1 (also ein großer Leuchtturm mit angeschlossenem Kulturzentrum für kulturellen und sozialen Austausch im Erdgeschoß) ist sowohl aus finanziellen als auch politischen Gründen eher unwahrscheinlich. Dennoch: Bei einer guten Idee kann ich einen langen Atem entwickeln. Solange mein Projekt für Interesse und Diskussionen sorgt, ist es am Leben. Die praktische Umsetzung ist ein Plus. Vielleicht gibt es aber eines Tages eine skizzenhafte Umsetzung.

STANDARD: Wie und wann hat Ihr Interesse für Lampedusa und das Schicksal der Flüchtlinge dort eigentlich begonnen?

Kilpper: Meine Aufmerksamkeit dafür begann um 2005/06 – drei Jahre später erhielt ich eine Einladung zu einer Einzelausstellung in Italien. Für diese Ausstellung in Neapel entwickelte ich dann die Projektidee "Ein Leuchtturm für Lampedusa"! und reiste zweimal auf die Mittelmeerinsel.

STANDARD: Vor weniger als einem Monat hat der Papst Lampedusa besucht und dort von einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit" gesprochen. Indirekt kritisierte er auch die EU-Flüchtlingspolitik, bat um Gebete für diejenigen, die das Drama des Menschenhandels zu verantworten haben und forderte die Regierungen zu Solidarität mit Migranten auf. – Wie bewerten Sie solche Auftritte?

Kilpper: Ich habe ein sehr distanziertes Verhältnis zur Kirche, aber diese Geste des Papstes fand ich sympathisch und erfreulich und sie wird hoffentlich nicht so schnell vergessen. Man kann durchaus sagen, dass seine Worte für die europäische Politik eine schallende Ohrfeige waren. Vor unserer Türe sterben täglich Menschen, die nichts als bei und mit uns leben wollen. Weil sie von der Politik nicht erwünscht sind, werden sie und ihre Bewegungen und Reisen illegalisiert. Sie haben nichts als ihr nacktes Leben – und immer öfters verlieren sie selbst das auf ihrem Weg in die "Festung Europa". Das dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Das ist unerträglich und menschenfeindlich. Hier muss die Politik eine 180-Grad-Wendung machen, wenn sie ein "offenes Europa" entwickeln will.

STANDARD: Wer dürfte das Projekt – ein Leuchtturm als gigantische Kunstskulptur – als Sponsor finanzieren, damit man dadurch nicht politisch eingenommen wird?

Kilpper: Ich hätte kein Problem damit, wenn die Gemeinde von Lampedusa bei der EU in Brüssel Gelder für die Errichtung des Leuchtturms beantragt. Die europäische Politik der Abschottung gegenüber Armuts- und Kriegsflüchtlingen würde damit direkt unterminiert. Gleichzeitig ist es aber unwahrscheinlich, dass Brüssel für einen neuen Leuchtturm mit dieser Bestimmung Gelder freimachen wird. Da Lampedusa (als Teil Siziliens) eine entwicklungsschwache Region innerhalb der EU ist, gäbe es für solche Fördermittel aber theoretisch sehr gute Chancen... (Kilpper lächelt).

STANDARD: Sie sagen "Ich suche jenseits der herkömmlichen Aktionsfelder der Politik Handlungsräume, die zu nutzen sinnvoll sind, um Reflexionsprozesse in Gang zu setzen." – Können Sie Ihr künstlerisches Selbstverständnis weiter ausführen?

Kilpper: Kunst wirkt immer nur im Zusammenspiel mit der Gesellschaft. Egal was ein Künstler, eine Künstlerin schafft – es können Blumenbilder, Porträts oder Wolken sein – , die Rezeption ist immer eine gesellschaftliche Angelegenheit. Jede Kunst ist daher "politisch". Solange unser Werk allerdings in einem Atelier oder auf einem Dachboden verstaubt, also nicht unter Menschen kommt, ist es als Kunstwerk obsolet und entfaltet auch keine gesellschaftliche Wirkung.

STANDARD: Manche wollen es nicht akzeptieren, wenn Kunst politisch sein will, aber nicht die Spielregeln von Politik oder die Methoden der Wissenschaft bedient. – 2002 lud Sie die Sparkasse von einem Projekt wieder aus, weil sie nicht wollte, dass ein Künstler – also kein Historiker – sich mit der NS-Vergangenheit des Konzerns beschäftigt. – Bei Ihrem Projekt in der Kantine der Stasi in Berlin beschäftigten Sie sich nicht allein mit der DDR-Geschichte. Daraufhin warf man Ihnen vor, die Arbeit sei "zu verschwommen", ein "Geschichtsbrei". – Ihr Biennale-Beitrag im dänischen Pavillon 2011 war dänischen Medien dann wieder nicht provokant genug. ­ Wie pariert man diese Kritik?

Kilpper: Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich immer wieder anecken werde. Es gibt – unabhängig von den oben erwähnten Kritiken, ein Bedürfnis, mich weiterzuentwickeln und "besser" zu werden. Dafür bedarf es immer wieder gewisse Brüche. Künstlerische Entwicklungen verlaufen selten linear. Beispielsweise nur die Stasi-Vergangenheit kritisch zu beleuchten, wäre mir zu banal und einfach gewesen. Für die Gleichung Stasi = böse lässt sich schnell ein breiter gesellschaftlicher Konsens finden. Die Idee staatlicher Überwachung und Kontrolle fing jedoch nicht mit der Stasi an. Dass sie gerade in Deutschland eine leidvolle (Vor-)Geschichte hat und bis heute sozusagen voller ungelöster Probleme ist, erschien mir eben spannender. Die Besucher und Besucherinnen sind aufgefordert zu reflektieren und zu differenzieren.

STANDARD: Muss generell noch daran gearbeitet werden, Kunst als kritischen, politischen Reflexionsapparat zu legitimieren?

Kilpper: Das wichtigste ist, dass gute und spannende Kunstwerke gemacht werden. Das zweitwichtigste, dass Ausstellungen gemacht werden, die gesellschaftliche Kontroversen nicht fürchten. Ebenda wird es eng, denn die Kuratoren der diskursrelevanten Großereignisse – (die internationalen Biennalen, die Documenta) erhalten ihre Jobs und Gelder aus Politik und zunehmend auch aus der Wirtschaft. Auch ein Manager der Deutschen Bank und Daimler AG hat natürlich gewisse "Freiheiten" – letztlich ist er aber seinen Geld- und Auftraggebern und nicht der Gesellschaft – dem eigentlichen Souverän in einer Demokratie – verpflichtet. Dieser Widerspruch wurde grundlegend noch nicht gelöst. Als Künstler arbeiten wir innerhalb dieser widersprüchlichen Konstellation.

STANDARD: Um Sie politisch knapp und schnell einsortieren zu können wird von Medien gerne das Wort "linksradikal" herangezogen. Man formulierte bisweilen auch: "bewegte sich seinerzeit im RAF-Umfeld" oder "zwölf Jahre lang war er im Umkreis der Nachfolgegruppen der RAF engagiert". Nerven Sie solche Einordnungen?

Kilpper: Ja, das ist schon ein bisschen nervig.

STANDARD: Was wäre korrekter, um den politischen Menschen neben den politischen Künstler Thomas Kilpper zu beschreiben?

Kilpper: Ich war zwölf Jahre politischer Aktivist und habe versucht Widerstand zu entwickeln gegen zerstörerische, unmenschliche politische Entwicklungen und Projekte. Angefangen mit der Anti-Atom und Anti-Kriegs-Bewegung, hat sich aufgrund der konkreten Konflikterfahrungen mit dem Staat über die Jahre eine politische Fundamental-Opposition entwickelt. Wie kann unsere Gesellschaft sich verändern im Sinne einer emanzipatorischen, freiheitlichen Entwicklung auf der Basis von Gleichberechtigung, ohne Ausbeutung, Herrschaft und Krieg. Solche Schlagworte wie "RAF" sind in der journalistischen Handhabung natürlich einfach. Gleichzeitig sind sie aber verzerrend und verfälschend und daher aus meiner Sicht nicht förderlich.

STANDARD: Sie erzählten mir, dass Sie etwa 1996/97 mit dem Schneiden von Druckstöcken in Fußböden begonnen haben, weil Sie mehr Widerstand, mehr Reibung suchten beim Zeichnen. 1998 dann, also mehr als zehn Jahre bevor Sie in Berlin in der Kantine der Stasi das Thema Überwachung und Repression behandelten, thematisierten Sie im ehemaligen amerikanischen Camp King in Oberursel die Tätigkeiten der US-Geheimdienste. – Nun ist das Thema Überwachung und Bespitzelung durch die NSA-Affäre und Snowden wieder virulent. Würde es Sie reizen, jetzt wieder zu diesem Themenkomplex zu arbeiten?

Kilpper: In dem Abbruchhaus in Hallein in dem ich mit meinen Kursteilnehmern und -teilnehmerinnen arbeite, entstand ja auf den Mosaik-Pixeln im Küchenboden ein Porträt von Snowden. Ich denke, dass uns dieses Thema der flächendeckenden gesellschaftlichen Überwachung weiterhin begleiten wird, weil durch Snowden bekannt wurde, dass tatsächlich in diesem gigantischen Ausmaß Kommunikation erfasst und staatlich kontrolliert wird. Das hat enorme gesellschaftliche Bedeutung und wird noch viele Fragen und Probleme aufwerfen.

STANDARD: Sie haben riesige in-situ-Druckstöcke (Fußböden in Abbruchhäusern oder Renovierungsobjekten) in Europa bearbeitet – allein der Boden in Berlin war über 700 Quadratmeter groß. Gibt es noch einen Ort, dem Sie sich wirklich gerne einschreiben würden, der Sie inspirieren würde?

Kilpper: Überall wo Menschen Spuren hinterlassen, finden wir Inspirationsquellen. Vielleicht sind tatsächlich die ersten von Menschen erschaffenen Kunstwerke jene, die sich in die vorgefundene Substanz, in Höhlenwände eingeschrieben haben. In diesem Sinn wären die österreichischen Berge eine Herausforderung für mich: Scratch, paint and print the rocks!

STANDARD: Was mögen Sie am aktuellen Projekt bei der Sommerakademie – dem Arbeiten in einem alten Privathaus in Hallein, das zehn Jahre leer gestanden ist?

Kilpper: Roland Rauschmeier (der mit mir dieses Projekt entwickelt hat) und ich denken, es ist eine wunderbare Möglichkeit für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen, neue künstlerische Herangehensweisen und Herausforderungen auszuprobieren. Eine neue Dimension tut sich auf. Ich sehe es ein bisschen wie in der Psychoanalyse, das leere, verwaiste Haus gleicht den brachliegenden Feldern unserer Wahrnehmung und Erinnerung. Hier haben wir die Möglichkeit, etwas auszugraben, in Berührung zu kommen mit dem Ort, seiner Geschichte und uns dazu in ein (zeitgenössisches) Verhältnis zu setzen. Sich – mit scharfen Messern und Maschinen – einzuschneiden in die Substanz, bedarf gleichzeitig eines festen Standes und hoher Aufmerksamkeit.

STANDARD: Ist Ihre aktuelle Ausstellung bei Eboran eine Mini-Retrospektive oder haben Sie die Arbeiten zu einem bestimmten Thema zusammengestellt?

Kilpper: Ich zeige 59 kleinformatige Zeichnungen über Fotografien von Paul Swiridoff (aus Büchern mit denen ich aufwuchs), die bundesrepublikanische Nachkriegselite wird hier quasi dadaistisch, kritisch verarbeitet. (Anne Katrin Feßler, derStandard.at, 6.8.2013, Langversion)

Thomas Kilpper, 1956 in Stuttgart geboren, lebt in Berlin. Er studierte Malerei und Bildhauerei an den Staatlichen Kunstakademien Nürnberg, Düsseldorf und Frankfurt am Main, wo er an der Städelschule 1998 Meisterschüler von Prof. Georg Herold war.

Bekannt ist Kilpper für seine Interventionen im öffentlichen Raum (u. a. Berlin, Frankfurt, London). Zu den wichtigsten internationalen Ausstellungsbeteiligungen des Künstlers zählen das Großprojekt „Newtopia" zur Geschichte der Menschenrechte 2012 im belgischen Mechelen oder die Teilnahme an der Biennale Venedig 2011 im Rahmen des Projekts „Pavilion for Revolutionary Free Speech" im dänischen Pavillon. In Planung ist eine Soloschau im National Museum for Contemporary Art in Athen.

Aktuelle Ausstellungen:

Galerie Nagel Draxler, Berlin

Galerie Eboran, Salzburg

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  • Thomas Kilpper: "Kunst wirkt immer nur im Zusammenspiel mit der Gesellschaft."
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