Julia Holter: Die schwere Kunst der Seitenblicke

5. August 2013, 07:00
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Die kalifornische Musikerin gastiert mit ihren zwischen Kunst und Popkitsch irrlichternden Liedern erstmals in Wien. Ihr neues Album kommt Mitte August

Wien - Kunst bedeutet laut Elfriede Jelinek auch Glück. Zum Glück gibt es Kunst, deshalb muss man nicht alles selber machen. Julia Holter aus Los Angeles liest zum Beispiel gern und lässt sich davon inspirieren. Das richtige Verhältnis von Inspiration, Adaption, freundlicher Übernahme und geistigem Diebstahl macht die Sache spannend. 2011 und 2012 veröffentlichte die Musikerin aus Los Angeles mit Tragedy und Ekstasis zwei von Euripides, Sophokles und klassischer griechischer Tragödienkunst beeinflusste Alben. Das ist für eine junge nordamerikanische, im Zentrum der Popindustrie lebende Frau schon einmal außergewöhnlich.

Aber Julia Holter hat ja auch klassisches Cello an der Universität studiert und unterrichtet jetzt im Brotberuf Musik. Sie dürfte also ihre Mischung aus nachtschwarzem hagerem Kunstlied, Tragödie, Kammermusik und in der Sonne schmelzendem Autofahrer unterwegs-Sound aus den 1980er-Jahren auch im Sinne einer Abgrenzung konzipiert haben. Immerhin sind gleichaltrige End-Twens in den US of A ja nicht ganz davor gefeit, Britney Spears für eine der größten Songwriterinnen der Geschichte zu halten.

Nach den großteils im Alleingang zu Hause entstandenen Tragedy und Ekstasis hat die Multiinstrumentalistin ihre alten Casio-Keyboards, Drumcomputer sowie Spielzeugklavier und Harmonium auf den Dachboden geräumt. Mit dem Wechsel zu einer größeren Plattenfirma hat Holter, nach Anfängen im Umfeld anderer musikalischer Heimwerkerkönige wie Nite Jewel, Ariel Pink oder John Maus, nun auch ein ordentliches Produktionsbudget bekommen.

Teppich für Gesang

Deshalb werkt im Hintergrund der neuen Songs nun eine Band. Unter Leitung ihres alten Freundes und Produzenten Cole M. Grieff, der mit Ramona Gonzales alias Nite Jewel verheiratet ist, für Ariel Pink spielte und für Beck als Tonmeister arbeitet, entstanden so zwar manchmal etwas weitschweifige Soundteppiche für Holters manchmal erschreckenderweise an Esoterikpopperin Enya erinnernden Gesang.

Allerdings wurde der gesangliche Selbstergriffenheitsanteil dieses Mal gehörig zurückgefahren. Zwischen verhallten Synthesizerflächen, durchaus kalifornisch-älplerischen Blasmusikeinschüben, Beserlschlagzeug-Gejazze, guten alten Handclap-Effekten und Kontrabassgeraunze ist zwar noch immer genügend Platz für Holter, um Enyas Nine-Eleven-Hit Only Time nachdenklich mit kippender Kopfstimme zu umkreisen. Allerdings besinnt sich die 28-Jährige rechtzeitig, eigentlich auch einmal John Cage und Laurie Anderson studiert zu haben.

Loud City Song, das neue Album, wird erst Mitte August veröffentlicht. Heute, Montag, aber stellt Julia Holter die neuen Kunstpoplieder schon in Wien vor. Die Idee für das Album kam ihr bei Lektüre des diesmal etwas jüngeren, aus 1944 datierenden Romans Gigi von Colette: Paris der Jahrhundertwende, junges Mädchen, Kurtisane, älterer distinguierter Herr, Klatsch und Tratsch, Hochzeit, alles gut, Abspann.

Holter dachte dabei wohl eher an Paris Hilton. Sie reflektiert nun in neun Liedern die "Celebrity-Versessenheit" ihrer Heimatstadt L. A., Seitenblicke-TV, das Paparazziwesen, die möglicherweise tödliche Langeweile und Leere im Zentrum des Blitzlichtgewitters.

Julia Holter macht keine angenehme, leichte Musik. Immerhin hat sie in ihrer Band nun auch einen Saxofonisten, der daran erinnert, dass im Los Angeles der 1980er-Jahre die schlimmsten Soundtracks des 20. Jahrhunderts produziert wurden. Der Kunstliedansatz dürfte allerdings im Rahmen eines bestuhlten Konzerts sehr gut funktionieren. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 5.8.2013)

Julia Holter live, 5. 8., 20.00

  • Immer noch vielseitig, aber nicht mehr ganz so allein: Multiinstrumentalistin und Sängerin Julia Holter hat sich für ihr neues Album "Loud City Song" eine Band geleistet. 
    foto: rick bahto

    Immer noch vielseitig, aber nicht mehr ganz so allein: Multiinstrumentalistin und Sängerin Julia Holter hat sich für ihr neues Album "Loud City Song" eine Band geleistet. 

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