Die Gunst der frühen Glatze

4. August 2013, 20:03
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Robert Pecl war einer der härtesten Verteidiger der Liga. Seinen Traum hat er bei Rapid gelebt. Die Karriere war relativ kurz

Wien - Robert Pecl hat das Glück der frühen Glatze. "Da kommt man nicht auf blöde Ideen." Fußballer, Rapidler sind da nicht ausgenommen, neigen frisurtechnisch zu Extremen. Das ist immer so gewesen. Warum, das weiß der 47-jährige Pecl nicht. Wobei er mit diesem Nicht-Wissen gut leben kann, "weil es auch völlig wurscht ist". Er jedenfalls scheute in den 1980ern nicht davor zurück, die Haare ("Bei mir waren es Federn") lang zu tragen. Künstliche Locken mussten sein, die gehörten zum Schönheitsideal, obwohl sie potthässlich waren. Miniplie hieß dieser Dinosaurier unter den Frisuren. Der Oberlippenbart (Oberlippenflaum) war mindestens so strafverschärfend wie verpflichtend. Und ein weiterer Beweis dafür, "dass man nicht alle Trends mitmachen sollte. Aber da kommt man erst später drauf."

Pecl schlägt als Treffpunkt das Bierlokal Hawei in Hadersdorf-Weidlingau vor. Stammbeisl wäre übertrieben, aber der Schanigarten ist groß und bietet ausreichend Schatten. Er wohnt mit der Familie in Purkersdorf (ein Katzensprung zum Hawaii), das Haus samt Garten ist ein Relikt aus der Zeit als Profifußballer. Es ist ein ausbezahltes Relikt. "Im Vergleich zu heute haben wir wenig verdient. Aber wir haben wirklich nicht schlecht verdient." Pecl sagt: "Ein Prinzip von mir ist, Lebensabschnitte abzuschließen."

Der erste Lebensabschnitt war logischerweise die Kindheit, er begann am 15. November 1965 mit der Geburt in Wien. Pecl wächst in Favoriten auf, der Papa ist Lkw-Fahrer, die Mama in einem Büro angestellt. "Eine typische Arbeiterfamilie, mir hat es aber an nichts gefehlt." Robert und sein Bruder kicken nach der Schule, der Vater schätzt das, er und die Buben sind eingefleischte Rapid-Anhänger. Obwohl in Favoriten die Austria wohnt. Roberts erster Verein ist Rapid, allerdings Rapid Oberlaa. Er wird zunächst im Sturm oder im Mittelfeld eingesetzt, im Laufe der Zeit beordern ihn die Trainer weiter nach hinten. "Hätte ich bis 35 gespielt, wäre ich wohl noch im Tor gelandet." Das Vorbild ist immer der Engländer Kevin Keegan gewesen, ein Stürmer.

Der halbwüchsige Robert ist einem gewissen Herrn Köstenberger aufgefallen. Der war Nachwuchscoach in Hütteldorf, bei der wahrhaften Rapid. Und so wurde das Wort "Oberlaa" gestrichen. Im Alter von zwölf Jahren "begann ich, meinen Traum zu leben. Aus einem Hobby wurde später ein Beruf. Es gibt nichts Schöneres. Wie bei einem Maler, der vom Verkauf seiner Bilder lebt. Oder einem Schriftsteller, dessen Bücher es in die Bestsellerliste schaffen."

Im März 1987 debütiert er in der Kampfmannschaft, Otto Baric schmiss ihn quasi ins kalte Wasser. "Baric hat an mich geglaubt." Pecl ist Manndecker, er fällt durch Härte und Kompromisslosigkeit im Zweikampf auf. Die Bundesliga hatte endlich wieder einen, vor dem man sich rechtschaffen fürchten konnte, einen Eisenfuß. Wobei Pecl sagt: "Ich habe keinen einzigen Gegenspieler nachhaltig verletzt. Ich war konsequent und mit Herz dabei. Ich war halt so gestrickt." Er bildete zunächst mit Heribert Weber das Abwehrzentrum. Aus Weber wurde dann der Reinhard Kienast, aus Kienast der Peter Schöttel. Pecl ist immer Pecl geblieben. Im ersten Jahr wurde er Meister und Cupsieger, 1988 wurde der Meistertitel verteidigt.

Die Zeitungen schrieben von einem "brutalen Hund", das hatte Folgen. "Die Schiedsrichter legten bei mir andere Maßstäbe an. Ich musste nur schief schauen, schon bekam ich eine Gelbe Karte." Die Medien schwenkten dann um, auf einmal hieß es: "Warum immer der Pecl?" Aus dem Täter wurde fast ein Opfer, den Schiedsrichtern war es herzlich wurscht. Pecl erinnert sich also an insgesamt sieben Rote Karten.

Er ist nie aufmüpfig gewesen. Mit keinem Trainer hatte er Dispute, egal ob Baric, Hans Krankl, Gustl Starek oder Ernst Dokupil. "Ich tat, was mir angeschafft wurde. Ich war leicht zu handeln, man konnte sich auf mich verlassen."

Das Nationalteam hatte genau so einen gebraucht, es sollten 31 Einsätze werden. Pecl wurde Teil einer sehr guten Mannschaft, die sich für die WM 1990 in Italien qualifizierte. Das entscheidende 3:0 gegen die DDR ist "eine wunderbare Erinnerung mit Beigeschmack". Den Toni Polster hatten sie im Praterstadion wüst ausgepfiffen, dann machte der Toni drei Tore, wurde bejubelt. Bei der WM bestritt Pecl alle drei Partien. Partner in der Verteidigung war Toni Pfeffer, ein Austrianer.

Maradona tobte

Nach einem Freundschaftsspiel gegen Argentinen (1:1) soll sich Diego Maradona über die Härte von Pecl beschwert haben. "Ich habe es nur aus den Zeitungen erfahren, zu mir persönlich hat er nichts gesagt." Beim 3:2 im Test gegen die Niederlande hat Pecl sogar ein Tor geschossen.

Es mag eine saublöde Laune des Fußballs gewesen sein, dass es ausgerechnet Pecl brutal erwischt hat. Die Knie hielten den Belastungen, den Fouls, den Grätschen nicht stand. Nach der siebenten Operation war Schluss, die Knorpel waren Trümmerhaufen. Pecl war erst 29 Jahre alt. Der Sportmedizin gibt er keine große Schuld. "Vielleicht lag es auch an mir, ich wollte zu viel, ließ mich drängen. Vermutlich hätte ich ab und zu sagen sollen, dass der Schmerz noch zu groß ist." Mittlerweile hält er bei acht Knieoperationen, es steht 4:4 zwischen dem rechten und dem linken Bein.

Pecl ist damals in ein Loch gefallen. "Ich wollte die Bühne nicht so früh verlassen. Du vermisst den Applaus und die Erfolgserlebenisse, die nur der Sport bietet." Dokupil gönnte ihm 1995 im Cupfinale gegen Leoben noch einmal fünf Minuten, es waren die letzten, Rapid siegte 1:0. 1990 und 1991 ist Pecl von den Lesern der Kronen Zeitung zum Fußballer des Jahres gewählt worden. "Ich muss beliebt gewesen sein."

Das Büro daheim

Nach ein paar Monaten ist Pecl aus dem Loch gekrochen. "Ich habe den Lebensabschnitt Fußball abgeschlossen. Ich wollte auch nicht Trainer werden, ich wollte mich nicht in den Fußball einmischen und Kommentare abgeben." Pecl wurde Vertreter beim Ausrüster Diadora, seit 2003 ist er Geschäftsführer der Wiener Niederlassung der niederländischen Werbeartikelfirma PF Concept. Die Palette umfasst ungefähr 8000 Artikel, sie alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Kugelschreiber, Notizblöcke und Feuerzeuge sind dabei. Einst hatte die Firma eine Lagerhalle in Wien, die wurde aufgelassen, eine Sparmaßnahme. Pecl hat nun ein Home-Office. Und fährt zu Kunden. "Ich bin zufrieden, ruhig und gelassen. Mich regt nichts auf." Seit 25 Jahren ist er mit Manuela verheiratet, die eine Tochter wird Lehrerin, die andere studiert Jus, vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie. "Ich bin stolz auf meine Kinder."

Ins Rapid-Stadion geht er maximal fünfmal im Jahr, Tendenz fallend. "Ich geniere mich fast, weil ich ja zum Legendenklub gehöre. Aber man muss Lebensabschnitte abschließen." Robert Pecl sitzt im Hawei, nimmt einen Schluck Bier, zündet sich eine Zigarette an. Die Glatze glänzt. "Ich bin ein glücklicher Mensch." (Christian Hackl, DER STANDARD, 5.8.2013)

  • Einst auf einer Autogrammkarte von Rapid.

    Einst auf einer Autogrammkarte von Rapid.

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