Von kreativen Schlafstörungen

Ljubisa Tosic
4. August 2013, 17:55
  • Der alte Herr und seine Sehnsüchte: Hans Sachs (Michael Volle) blickt auf Eva (Anna Gabler), die mit Beckmessers märchenhaft großem Schuh tanzt.
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    foto: apa/barbara gindl

    Der alte Herr und seine Sehnsüchte: Hans Sachs (Michael Volle) blickt auf Eva (Anna Gabler), die mit Beckmessers märchenhaft großem Schuh tanzt.

Premiere von Richard Wagners "Meistersingern von Nürnberg": Regisseur Stefan Herheim versetzt die Geschichte ins deutsche Biedermeier und lässt Hans Sachs dem Komponierwahn verfallen

Salzburg - Um ein weißes Haar wäre es Hans Sachs fast so ergangen wie dem Salzburger Falstaff, der sich (in der Inszenierung von Daniele Michieletto) schlafend eine ganze Verdi-Oper erträumt. Bei Regisseur Stefan Herheim reißt es diesen alten, einsamen Sachs, dessen Frau und Kinder längst dahingeschieden sind, allerdings panisch aus dem Schlaf. Den Schuster und Künstler, der ein bisschen auch Richard Wagner ist, plagt ein Kreativrausch, quält der hochproduktive Dauerstress, der zwischen Tag und Nacht keinen Unterschied duldet.

Eilig notiert Sachs, noch im Schlafanzug, in wahnhaftem Kunstfieber zwischen den Goethe-, Wagner- und Beethoven-Büsten seines Domizils aufs Notenblatt die Meistersinger-Töne. Und in einer zauberhaft filmischen Verwandlung wächst derweil ein Möbelstück, der Sekretär, zu riesenhaftem Bühnenbildwuchs - bevölkert von Nürnbergern, die wirken, als wären sie einem biedermeierlichen Bilderband entsprungen (glänzendes Bühnenbild: Heike Scheele). Hans Sachs wandert also in seinem Stück, und der Betrachter in Sachs' Komponierkopf.

Dabei vermischt Herheim die Ebenen surreal, spielt mit räumlichen Dimensionen: Riesig sind die zu reparierenden Schuhe, kolossal Grimms Märchenbuch. Wie überhaupt Teile von Sachs' Behausung immer im Jumbo-Format zum Schauplatz der Szenen mutieren. Wenn am Ende des zweiten Aktes die wilde Rauferei losbricht, spazieren sie dann auch alle aus dem Buch: Die sieben Zwerge mit Schneewittchen (die in einem Kasten mit einem Zwerg Intimität sucht), der gestiefelte Kater, wie auch der Froschkönig, der einen Junker deftigst sexuell belästigt.

Bei Herheim verselbstständigen sich Figuren, werden Ideen lustvoll ausgereizt. Doch mögen die Fundamente der Logik märchenhaft außer Kraft gesetzt sein - es regiert unentwegt eine überragende, subtil an der Musik orientierte Präzision der szenischen Umsetzung.

Bei allen surrealen Volten hat Herheim hier jedoch auch ein Stück über Begehren und Älterwerden geformt. Hans Sachs (grandios Michael Volle, bis ihn am Schluss ein bisschen die Kraft verlässt) sehnt sich nach der jungen Eva (Anna Gabler bleibt vokal blass und schrill), von der er auch ein Bild malt, das er schließlich zerstört. Letztlich sorgt er vernunfthalber dafür, dass Walter von Stolzing (vibratobedrängter Schönklang und große Mühe plagten Roberto Sacca) seine Eva ersingt, während Beckmesser (stimmlich hervorragend und komödiantisch brillant Markus Werba) vorgeführt wird.

Zuerst verschwommen

Aus Hans Sachs' melancholischer Grundbefindlichkeit heraus lässt sich auch der Ansatz von Dirigent Daniele Gatti einigermaßen nachvollziehen: Zu Beginn ist sein Zugang von bedenklicher Schwammigkeit; mit fast operettenhafter Süffigkeit lässt er den nach Magdalena (solide Monika Bohinec) schmachtenden David (hohe lyrische Qualität Peter Sonn) orchestral umgarnen. Im Laufe des 1. Aktes jedoch konturieren sich Klangbild und Strukturen. Es entsteht der Eindruck eines tendenziell lyrisch-wehmütigen Zugangs, der Zärtlichkeitsfantasien und grüblerische Schwermut mit poetischer Entschleunigung untermauert.

Die Philharmoniker betören denn auch klanglich, als gelte es Puccini umzusetzen (paradoxerweise hat Gatti im Vorjahr die Bohème eher entschlackt präsentiert), wobei auf pointierte Kommentare der Bühnenvorgänge nicht gänzlich verzichtet wird.

Verzichtet wird bei Herheim auch nicht auf die Charakterisierung der Meister: Sie sind spießige Regelbefolger (sehr nobel klingt Georg Zeppenfeld als Pogner), die einander - angesichts von Stolzings alle Regeln pulverisierenden Gesangs - hypnotisiert und schwärmerisch in die Arme fallen.

Nur an einer Stelle, bei Sachs' Schlussworten ("... zerfällt erst deutsches Reich und Volk ..."), reduziert Herheim, verdunkelt er und lässt Sachs alleine in einem Lichtkreis stehen. Immerhin eine Andeutung der Vereinnahmung des Werkes durch die Nationalsozialisten. Der Jubel jedenfalls war groß; nur für Dirigent und Regisseur gab es zwei bis drei Buhs. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 5.8.2013)

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23 Postings
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zuerst dachte ich: na das nenn ich mal einen ordentlichen
sommerdildo........

Ich habe gerade mit Sigmund Freud

telefoniert und der lässt dir ausrichten, dass du absolut korrekt interpretiert hast.

Zum Fußballspiel Sturm-Rapid gibt es bisher 180 Postings - zur Meistersinger-Kritik eines (abgesehen von der Nachtkritik). So viel zum kulturellen Interesse der Österreicher.

Was ist eigentlich an Oper so gut?

Ausprobieren

Aber Vorsicht: Suchtpotential

Die Oper ist nunmal nicht jedermanns Sache

Ich selber mag mehrere Opern - zu dieser hätte ich allerdings nichts geschrieben, weil sie mich nicht interessiert - schon gar nicht in so einer Inszenierung (und den wiedermal typischen Nazi-Andeutungen, die sich wohl kein Regisseur bei Wagner verkneifen kann).

Die Rechnung "Alle, die nichts zu einer 5 Stunden Wagneroper schreiben, sind Kulturbanausen" ist verallgemeinernd, hochnäsig und schlichtweg falsch.

Es gab KEINE EINZIGE Naziandeutug in dierser Inszenierung!

Es wäre besser gewesen, Sie Ihrem Desinteresse Folge geleistet und sich jeglichen Kommentar verkniffen..

Wow - sie stürzen sich auf EINEN Punkt in einem Post und wollen mir gleich den Mund verbieten

Was ich wann schreibe, entscheide ich und nicht SIE. (Und, ganz nebenbei, vielleicht sollten Sie ihre Postings vorher auf Tippfehler überprüfen, bevor Sie sie in ihrem Eifer vorschnell abschicken ;)

"Immerhin eine Andeutung der Vereinnahmung des Werkes durch die Nationalsozialisten" - so steht es im Artikel. Tatsache ist, dass die meisten Regisseure irgendwelche Nazi-Anspielungen in ihre Inszenierung einbauen.

Nochmal: die Opern von Wagner repräsentieren NICHT das gesamte Kunstschaffen dieser Erde. Der Umkehrschluss "Jeder der keinen Kommentar zu dieser Oper schreibt interessiert sich nicht für Kultur" ist nunmal Unsinn.

Trotz meiner Tippfehler haben Sie mich verstanden - ist doch schön!

Bitte wo - und ich frage das wirklich! - waren in dieser Inszenierung die "typischen Nazi-Andeutungen"? Ich habe es nur im Fernsehen gesehen, vielleicht blieb es mir verborgen, aber in der Herheimschen Biedermeierwelt hab ich "Des Knaben Wunderhorn" und die Märchen der Gebrüder Grimm entdeckt, aber Nazis? Ist das vielleicht nur ein Reflex Ihrerseits, der meint, einfach jeden Unsinn schreiben zu können, weil ihn die "Oper nicht interessiert"?

Bitte wo - und ich frage das wirklich! - waren in dieser Inszenierung die "typischen Nazi-Andeutungen"? Ich habe es nur im Fernsehen gesehen, vielleicht blieb es mir verborgen, aber in der Herheimschen Biedermeierwelt hab ich "Des Knaben Wunderhorn" und die Märchen der Gebrüder Grimm entdeckt, aber Nazis? Ist das vielleicht nur ein Reflex Ihrerseits, der meint, einfach jeden Unsinn schreiben zu können, weil ihn die "Oper nicht interessiert"?

"Ist das vielleicht nur ein Reflex Ihrerseits"

Ja, genau so ist es wohl. Sie haben vollkommen Recht. ^^

PS: Vielleicht mal den Artikel lesen und sich nicht so auf die oberflächlichen Dinge einer Inszenierung verlassen - dann haben Sie es auch nicht nötig, andere Meinungen als Unsinn abzutun ;)

Ich habe den Artikel schon gelesen, keine Angst. Ich habe sogar die Inszenierung gesehen, offenbar im Gegensatz zu Ihnen - und die Verdunklung der Bühne kann man vielfach interpretieren, aber als "typische Nazi-Anspielung", das ist wohl etwas weit hergeholt. (Obwohl das bei diesem Werk, immerhin Hitlers Lieblingsoper, ja nicht so unsinnig wäre...). Also: Ich tue nicht "andere Meinungen" als Unsinn ab, sondern dezidiert nur Ihre aus dem Posting - immerhin geben Sie ja selber zu, die Oper nicht zu mögen und die Inszenierung nicht gesehen zu haben - also was solls?

"immerhin geben Sie ja selber zu, die Oper nicht zu mögen und die Inszenierung nicht gesehen zu haben"

Da haben Sie mehr als ich gelesen, denn ich habe nirgendwo gesagt, dass ich die Inszenierung nicht gesehen habe. Sie widersprechen sich übrigens auch selbst: hätte ich tatsächlich gesagt, ich hätte die Inszenierung nicht gesehen, wieso schreiben Sie dann "Ich habe sogar die Inszenierung gesehen, offenbar im Gegensatz zu Ihnen"?

Und ja, Nazianspielungen in Wagneropern sind nicht nur einfallslos und klischeehaft, sie sind auch unsinnig: als Wagner seine Opern schrieb, war Hitler noch nicht mal ein sündiger Gedanke seiner Eltern, geschweige denn auf der Welt. "Hitler mochte diese Oper, deswegen passen Nazianspielungen da auch rein" - Nein.
Hitlers Lieblingsoper war übrigens "Rienzi".

Sorry, das ist keine schlüssige Argumentation.

DIe Zahl der Postings ist kein Indiz für das Interesse an einem Thema, sondern die Klicks.
Zumal Kultur mehr ist als bloß eine Wagner-Oper. Sondern auch Film, Bildende Kunst, Design, Mode, Architektur, Popmusik, ... Zu all diesen Themen gibt es genügend Artikel mit immer wieder vielen Postings. Deine These ist nicht haltbar.
Und ich bin froh, im Kulturteil nicht mit der Postingwut wie bei Sport oder Politik konfrontiert zu sein. Auf die Schwätzer, Suderer, Politik- und Sport-"Experten", Parteiapparatschiks, Möchtegern-Fußballtrainer, Verschwörungstheoretiker usw. verzichte ich gerne.
Manchmal erreichen auch Kulturartikel hohe Postingzahlen. Etwa bei Hanekes Oscar-Gewinn. Das Niveau war teils erbärmlich. Daher: Lieber Klasse statt Masse.

Leider ist ihr Argument genauso wenig haltbar - jede Studie zum Freizeitverhalten bestätigt, dass das Interesse an Kultur in Österreich ein eher geringes ist. Nur ist das in anderen Ländern nicht viel besser (Ausnahmen bestätigen die Regel). Ob die Postingzahl dafür ein Indiz ist, wage ich auch zu bezweifeln - es zeigt allerdings schon, wo die Aufmerksamkeit hingeht. Und irgendwie scheinens ie das auch selbst zu wissen und sich zu widersprechen, immerhin schreiben Sie am Ende ja "Lieber Klasse statt Masse" - also was jetzt? Hatte der Vorposter Recht, dann trifft auch ihr "Lieber Klasse statt Masse zu", oder hatte er Unrecht, wie sie schreiben, dann müssen sie auch diesen Satz streichen ...

Leider wieder eine unschlüssige Argumentation (dabei ist es heute gar nicht so heiß).

Der von mir angesprochene Vorposten meint, von der Zahl der Postings auf das "kulturelle Interesse der Österreicher" (kurz)schließen zu können.
Das bestreite ich erstens. Zweitens zeige ich mich - in einem gesonderten Absatz - zufrieden darüber, im Kulturressort nicht mit der im Politik- oder Sportteil (auf ein Sportereignis bezieht sich wiederum der OP) verbreiteten "Postingwut" konfrontiert zu sein, und gebe an, "Klasse statt Masse" zu bevorzugen. Letzterwähnter Satz hat mit dem OP und dessen Argumentation (vermutetes Verhältnis Postings zu kulturellem Interesse der Österreicher) nichts mehr zu tun. Deshalb kann meine Formulierung "Klasse statt Masse" dem OP weder Recht geben noch widersprechen.

Na ja, das ist jetzt ein bissl rausreden von Ihrer Seite, aber ist okay. Sie schreiben ja selbst: Die Hitze! Und außerdem: "Zu all diesen Themen gibt es genügend Artikel mit immer wieder vielen Postings." Und nur einen Satz weiter: "Und ich bin froh, im Kulturteil nicht mit der Postingwut wie bei Sport oder Politik konfrontiert zu sein." Also was denn jetzt? Viele Postings oder doch nicht? Allerdings gebe ich Ihnen beim ersten Punkt Recht - die Zahl der Postings auf das Interesse zu beziehen, finde ich auch fragwürdig ...

Wo Sie da ein "rausreden" sehen, ist mir unverständlich.

Andererseits sehen Sie auch den Satz "Die Hitze!", obwohl der User "Schicke Schickse" exakt das Gegenteil geschrieben hat.

Der User erklärt Ihnen leicht verständlich was er meint, aber Sie haben nichts Besseres zu tun als ihn völlig falsch zu zitieren und irgendwelche Fragmente unterschiedlicher Argumentationen sinnentstellt gegen ihn zu verwenden. Vielleicht sollten Sie Postings auch mal sinnerfassend lesen, damit Ihre Argumentation wenigstens ein bisschen eine Grundlage hat. ^^

Tatsache ist, dass man von der Zahl der Postings nicht auf das Interesse der Leute schließen kann. Nicht jeder muss (wie gewisse andere Leute) zu jedem Thema seinen Senf dazu geben.

Volle Zustimmung und ganz

lieben Dank für die argumentative Unterstützung! Auf Wiederlesen!

Leider schon wieder - mit Ausnahme des letzten Satzes - falsch argumentiert, weil die Fakten nicht stimmen.

Ich schreibe eben nicht "Die Hitze!", sondern "dabei ist es heute gar nicht so heiß."
Also das Gegenteil.
Ähnlich verhält es sich beim Rest.
Oben habe ich schon dargelegt, dass ich im ersten Absatz auf die Argumentation des OP eingehe, und danach im zweiten Absatz auf die "Postingwut" im Politik- und Sportteil abziele.
Es ist sinnlos, mir ausschnittsweise Sätze vorzuhalten, die aus unterschiedlichen Argumentationslinien stammen.
Deine Frage "Also was denn jetzt? Viele Postings oder doch nicht?" habe ich bereits beantwortet. Nämlich: Die Zahl der Postings ist generell unerheblich, um davon auf die Relevanz eines Themas zu schließen, und weiters schätze ich es, dass im Kulturteil weniger "Postingwut" herrscht als bei Politik und Sport.

Sehr richtig!

(Im Übrigen wird es sicher genügend Leute geben, die diese Oper mögen, aber nichts dazu schreiben, weil sonst die ewige Regietheaterdiskussion wieder losgeht - aber das darf man nicht laut sagen, wir sind ja alles nur Kulturbanausen ^^)

Ich packs nicht, bin ganz der Meinung des Rezensenten!
PS: Sachsens Schlafanzug war allerdings ein Nachthemd.

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