Ein neuer Blick auf Papst Franz

4. August 2013, 18:00
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Gesten und Grundlinien seines Pontifikats stimmen beim neuen Heiligen Vater überein

Der Papst, im deutschsprachigen Raum mit dem wenig zu ihm passenden bombastischen "Franziskus" benannt, hat im Umgang mit Homosexuellen und anderen gesellschaftlichen Fragen durchaus neue Wege eröffnet. Liest man z. B. in einer der jüngsten Ausgaben des Osservatore Romano das frei gehaltene Papst-Interview im Wortlaut, so ist gerade nicht, wie vielerorts kolportiert, die Rede von der traditionellen katholischen Katechismus-Unterscheidung zwischen homosexuellen Neigungen und Handlungen nach dem Motto "Neigung moralisch indifferent, Handlung sündhaft". Vielmehr fragt er sich und andere schlicht und einfach: "Wer bin ich, um zu urteilen ...?"

Papst Franz(iskus) ist in der Lage, durch bewusst gewählte Worte und Gesten die Grundlinien seines Pontifikats abzustecken: Seine erste Reise führte ihn nach Lampedusa an den Rand der Welt, zu den Marginalisierten und Ausgegrenzten, wo er von der "Globalisierung der Gleichgültigkeit" spricht und damit unsere Epoche auf den Punkt bringt. Auch das erste Interview, das wohl bisher einzige Mal in der Papstgeschichte völlig frei gehalten, hat als Leitthema "Barmherzigkeit", womit er die von Kirche(n) und dem sogenannten christlichen Abendland vielfach verfehlte Grundbotschaft des Christentums ins Zentrum rückt.

Unabhängig davon, wie man zu Papst, Kirche und Christentum steht, wird damit ein wunder Punkt unserer Gesellschaft getroffen, nämlich deren hinter aller liberaler Fassade liegende völlige Unberührbarkeit und Mitleidlosigkeit. Über der vielfach bloß vermeintlichen Möglichkeit der individuellen Selbstbestimmung lauert der allgegenwärtige Imperativ, sich ständig neue und passende Identitäten geben und diese nach außen repräsentieren zu müssen, wobei diese sich an wirtschaftlicher, sexueller und mobiler Potenz orientieren.

Etwas Besonderes sein

Jede(r), egal ob in Wissenschaft, Schule, Politik, Sport, Kultur, Gesellschaft oder Arbeitswelt, muss etwas ganz "Besonderes" darstellen und dieses möglichst flexibel handhaben, ohne eigentlich recht zu wissen, welche Inhalte mit dieser Individualität verbunden sind. Und je leerer der Ruf nach Selbstverwirklichung ertönt, desto vehementer wird er vertreten. Hunderttausende unserer Gesellschaft - Migrantinnen, Jugendliche, Behinderte, (sexuell und sozial) Einsame, Sterbende etc. - haben das Gefühl, in unserer Gesellschaft nicht entsprochen zu haben und völlig mitleidslos abgeurteilt und negiert zu sein, bevor ihre Existenz wirklich begonnen hat. Es gibt zwar nicht mehr die vielen, meist sexuellen, Sünden, über die Kirche und Staat streng gewacht haben, dafür aber die unbestimmte Schuld der verfehlten und negierten Existenz, die in den tränenreichen Schuldbekenntnissen der Talkshows mehr verschleiert als aufgedeckt wird.

Die Absurdität des kirchlichen und gesellschaftlichen Konservativismus besteht darin, dass er meint, man könne diese Leere mit einer Rückkehr zu vormodernen Vorschreibungen und Identitätsmarkern (vom niederösterreichischen Trachtenanzug bis zur heterosexuellen familiären Idylle) wieder auffüllen. Das wirklich Neue an diesem Papst ist, dass er dagegen einen völlig anderen Weg zu nehmen versucht: Es geht ihm weder um liberale Selbstbestimmung noch um konservative Wertklischees, sondern um die Tatsache, dass sich menschliche Freiheit in der Wahrnehmung und zärtlichen Würdigung der Verletzlichkeit und Kontingenz des Lebens erschließt und unsere Welt, Europa und die katholische Kirche einen neuen Umgang damit finden müssen. (Kurt Appel, DER STANDARD, 5.8.2013)

Kurt Appel (44) ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Wien.

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