Alles außer Ironie

Kommentar der anderen4. August 2013, 17:18
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Die verfreundeten Nachbarn Deutschland und Österreich liegen einander seit Jahr und Tag in den Haaren - Ein kleiner Vorurteils-Check

Ob es tatsächlich die gemeinsame Sprache ist, die uns trennt, weiß ich nicht. Was aber nicht zu übersehen, -lesen und -hören ist, ist die herzliche Abneigung, die manche meiner ehemaligen Landsleute ihren nördlichen Nachbarn entgegenbringen. Kaum ein Thema lässt die Emotionen so hochkochen wie die Piefkes. Aber warum nur?

Versuchen wir ein paar der gängigsten Vorurteile abzuklopfen:

  • Die Deutschen sind arrogant

Nicht mehr und nicht weniger als Briten, Franzosen oder Amis. Um nur ein paar herauszupicken. Und soweit ich mich erinnere, galt dieser Vorwurf generell auch den Einwohnern der Bundeshauptstadt. Also der von Österreich. Wurscht, ob man, wie ich, aus der Steiermark, aus Oberösterreich oder aus Vorarlberg kam. Scheint also nix mit der Nationalität zu tun zu haben, dieses Vorurteil. Wohl eher was mit missverstandenen Machtverhältnissen. Übrigens, dasselbe höre ich von meinen britischen Kollegen, wenn sie über ihre amerikanischen Vorgesetzten lästern. Und was Belgier so über Franzosen denken, ist auch nicht immer von gutnachbarschaftlichem Gedankengut geprägt. Und ein Flug in der AUA-Businessclass voller auf dem Heimflug befindlicher "Retter der Weltwirtschaft" ist auch kein Bemmerl. Zumindest wenn man den iPod zu Hause vergessen hat.

  • Die Deutschen können nicht kochen

Was die Anzahl der Sternerestaurants angeht, kann man sich ja auf den einschlägigen Websites schlaumachen. Da schneidet Deutschland nicht schlecht ab. Ganz und gar nicht. Also bei den 3-Sterne-Tempeln. Gut, kann man sagen, ist ja auch zehnmal so groß wie Österreich. Aber wenigstens ein "3-Sterner" müsste doch für ein Land, das sich für den Delikatessenladen Europas hält, drinnen sein, oder? Warum nur hör ich meine Landsleute grade vor sich hinmurmeln: Wer braucht schon den Michelin? Geschenkt.

Noch schlimmer sieht's in Sachen Vorurteil aus, wenn es um deutschen Wein geht. O. k., der war einmal richtig übel. Aber das war der österreichische vor dem Weinskandal auch. Aber hier wie da machen mittlerweile junge, ambitionierte Winzerinnen und Winzer das, was der Sinn der Sache ist: sauguten Wein. Wer's nicht glaubt, dem ist halt nicht zu helfen.

  • Die Deutschen sind belehrend

Wehe, wehe, wenn aus dem Munde eines Germanen mahnende Worte gen Österreich gerichtet werden. Dann geht's aber zur Sache. Dann steht die Nation zusammen wie ein Mann. Und kommt dann gar noch einer aus den eigenen Reihen, der es wagt, sachlich darauf hinzuweisen, dass das Gesagte unter Umständen doch eine gewisse inhaltliche Richtigkeit in sich trage, kommt automatisch Vorurteil eins zum Tragen, und der Abtrünnige bekommt die "Vernaderer-Keule" zu spüren.

  • Die Deutschen sind humorlos

"Lustig", das können nur wir. Deutscher Humor? Kann nix! Klar, dass sich so ein Vorurteil in der Schmähführer-Nation Nummer eins hartnäckig hält. In jedem Dorfwirtshaus geht's lustiger zu als auf deutschen Kabarettbühnen, oder? Zugegeben, der Mensch gewordene Punschkrapfen Cindy aus Mahrzahn trägt nicht gerade dazu bei, diesbezüglich ein positives Bild zu zeichnen. Auch der wie ein Duracell-Hase auf Speed auf der Bühne herumhopsende Michael Mittermeier oder Oberprollschnauze Mario Barth nicht. Aber nach Dieter Hildebrandt ist eine Heerschar an talentierten Nachwuchskomikern in dessen Fußstapfen getreten, die man halt nur wahrnehmen muss.

Also liebe Landsleute, alles halb so wild. O. k., mit der Ironie tun sie sich schon noch ein bisserl schwer, meine lieben Mitbewohner zwischen Nordsee und Alpen. Aber die ist ja auch eine fast schon jahrhundertealte, zu feiner Kunst geschliffene Waffe gegen alle Obrigkeit. Fragen Sie einmal einen Briten, für wie ironiefähig er einen Ami hält. Aber erstens gibt's die alten Obrigkeitsverhältnisse eh nicht mehr, und zweitens kann die Ironie auch innerhalb von Staatsgrenzen immer wieder zu Missverständnissen führen. Au­ßerdem kommt eh bald wieder der Winter, dann samma wieda Wödmasta. Und gegen den Vorwurf, nun, sagen wir eher mittelprächtigen Fußball zu spielen, donnern wir den Piefkes ein gewaltiges, die Nation umspannendes "Córdobaaaa!!!!" entgegen. Ironie aus!  (DER STANDARD, 5.8.2013)

Zur Person

Andreas Weinek (50) ist Jurist und lebt seit mehr als 20 Jahren als TV-Manager, Autor und Musiker in Deutschland.

  • Andreas Weinek: Wein ist gut, Humor geht auch.
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    Andreas Weinek: Wein ist gut, Humor geht auch.

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