Autopsie: Marie Trintignant wurde zu Tode geprügelt

6. August 2003, 09:43
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Schauspielerin erlag Schädeltrauma - Rekonstruktion des Tathergangs in der kommenden Woche - SMS als Auslöser für gewalttätiges Eifersuchtsdrama

Paris - Die am Freitag gestorbene französische Schauspielerin Marie Trintignant ist nach Angaben aus Justizkreisen zu Tode geprügelt worden.

Eine Autopsie der Leiche habe die Vermutungen der Ärzte bestätigt, verlautete am Sonntag aus Kreisen der Staatsanwaltschaft in Paris. "Sie (Trintignant) erlag einem Schädeltrauma, das durch zahlreiche Schläge ins Gesicht verursacht wurde, was die Schlüsse der Ärzte bestätigt", hieß es. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit unbeabsichtigter Todesfolge gegen den Freund Trintignants, Bertrand Cantat.

SMS als Auslöser für gewalttätiges Eifersuchtsdrama

Paris (APA/dpa) - Ein gewalttätiges Eifersuchtsdrama und ein Wutausbruch ihres Lebensgefährten haben nach französischen Presseberichten zum Tod der Schauspielerin Marie Trintignant geführt. Auslöser der nächtlichen Szene in einem Hotelzimmer in Vilnius soll eine "zu zärtliche" Handy-Nachricht gewesen sein, schrieb die Sonntagszeitung "Le Journal du Dimanche" unter Berufung auf Justizkreise. Die Nachricht habe vom Vater zweier ihrer Kinder, des Filmproduzenten Samuel Benchetrit, gestammt.

Zeugen: "Ihr Gesicht war zugerichtet wie nach einem Boxkampf"

Trintignant-Freund Bertrand Cantat, Sänger der französischen Rockgruppe Noir Desir, soll deshalb wütend geworden sein und die Schauspielerin "mehrfach mit brutaler Gewalt ins Gesicht geschlagen haben". Zeugen berichteten: "Ihr Gesicht war zugerichtet wie nach einem Boxkampf."

Das Gehirnödem, an dem die Schauspielerin am Freitag in einer Klinik in Paris starb, sei unter keinen Umständen durch einen Sturz oder eine Ohrfeige, wie Cantat bei der Vernehmung angegeben hatte, verursacht worden. Die bei der Verstorbenen festgestellten Hirnverletzungen finde man auch bei Unfalltoten, "zum Beispiel bei Motorradfahrern ohne Helm oder bei nicht angeschnallten Autofahrern", schrieb die Zeitung "Le Monde".

Einen Tag vor ihrem Tod wurde Komapatienten in Heimat geflogen

Der Sänger der französischen Band Noir Desir hatte die Schauspielerin und Tochter des französischen Schauspielers Jean-Louis Trintignant zu Dreharbeiten in die litauische Hauptstadt Vilnius begleitet. Dort war sie am vergangenen Wochenende mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Einen Tag vor ihrem Tod wurde die im Koma liegende Schauspielerin nach Paris geflogen.

Ärzte hatten ihr keine Überlebenschance mehr eingeräumt

Seit Tagen schon hatten die Ärzte der Schauspielerin keine Überlebenschance mehr gegeben. Ihr Gehirn sei klinisch tot, hatte der Neurochirurg Stephane Delajoux nach der Ankunft in Paris erklärt. Der Arzt hatte in Vilnius zuvor noch eine "Operation der letzten Chance" versucht. Nach fünf Tagen im Koma erlag Trintignant jedoch letztlich einem Gehirnödem. Sie sei zuvor nicht von den Maschinen getrennt worden, die sie seither künstlich am Leben erhalten hatten, betonte Delajoux.

Rekonstruktion des Tathergangs in der kommenden Woche

Die litauische Polizei hat Cantat für zwei Wochen in Gewahrsam genommen. Der 39-Jährige befindet sich wegen seines angeschlagenen psychischen Zustandes in einem Gefängniskrankenhaus. Bei einem Prozess wegen Totschlags drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft. Der Sänger bezeichnete die Vorkommnisse im Hotelzimmer des Paars, bei dem Trintignant verletzt wurde, seinem Anwalt zufolge als einen Unfall. "Er hat mir zehn Mal erzählt, dass dies ein tragischer Unfall war", sagte der Anwalt dem Radiosender France Info. Die französischen Ermittler wollen den Tathergang in der kommenden Woche in Vilnius rekonstruieren.

Cantat sei "völlig aus der Bahn geworfen"

Bertrand Cantat wisse noch nichts vom Tod seiner Geliebten, sagte sein Anwalt Virginijus Papirtis am Freitag kurz vor einem Besuch bei Cantat im Gefängniskrankenhaus im litauischen Lukiskiu. Er werde es von Cantats Zustand abhängig machen, wann er ihm die Nachricht mitteile.

Der Musiker sei völlig aus der Bahn geworfen, "manchmal fängt er unvermittelt an zu weinen", sagte der Anwalt. Der französische Rockstar brauche Hilfe. Nach Angaben eines Krankenhausvertreters muss der Sänger und Gitarrist der französischen Rock-Band "Noir Desir" mindestens bis Montag stationär behandelt werden.

"Tragödie"

Cantat bat Trintignants Familie unter Tränen um Verzeihung. Ihre Verletzungen stammten von einem "Unfall nach einem Kampf", es handle sich "nicht um ein Verbrechen", sondern um eine "Tragödie", beteuerte Cantat, der Frontmann der beliebten französischen Rockband Noir Desir. Untersuchungsrichter Dimitri Korsakowas begründete sein Haft-Entscheidung indes mit den Worten: "Er hat ein schweres Verbrechen begangen, das er zum Teil zugibt." Die Familie Trintignants hatte in Paris Anzeige gegen Cantat erstattet. Darin werden ihm "vorsätzliche Schläge" sowie unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen.

Cantat sagte, er sei bereit, in Frankreich inhaftiert zu sein und "alles zu büßen, was ich büßen kann". Er habe jedoch "nichts in Litauen zu suchen", beteuerte der Franzose, der zu Dreharbeiten für den Film "Colette" mit der Familie Trintignant nach Vilnius gereist war.

Mutter will TV-Film ohne verstorbenen Tochter zu Ende drehen

Die Mutter der am Freitag verstorbenen französischen Schauspielerin Marie Trintignant will den TV-Zweiteiler "Colette" auch ohne ihre Tochter beenden. Die Regisseurin Nadine Trintignant wolle den Film zum Andenken an ihre Tochter zu Ende drehen und ausstrahlen lassen, teilte ihre Produktionsfirma "Studio International" am Sonntag mit. Die noch nicht gedrehten Szenen seien "nicht wesentlich" für den Film.

In Litauen hatte die Charakterdarstellerin seit Ende Mai für die "Colette"-Dreharbeiten vor der Kamera gestanden. Ursprünglich sollten die Dreharbeiten vergangene Woche beendet werden. Marie Trintignant hatte zusammen mit ihrer Mutter das Drehbuch für den Fernsehfilm geschrieben. "Colette" sollte 2004 vom TV-Sender France 2 ausgestrahlt werden.

Trintignants Werdegang

Marie Trintignant wurde am 21. Jänner 1962 in Paris geboren, und war schon von Kindesbeinen an im Filmgeschäft aktiv, stets an der Seite prominenter Kollegen. Zum ersten Mal vor der Kamera stand sie zusammen mit Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni in "Das passiert immer nur anderen" (1971), in dem ihre Mutter Regie führte.

Weitere Kinderrollen hatte sie 1973 in "Die Junggesellin" von Etienne Periers, und im Polit-Thriller "Mord passt nicht in sein Konzept / Angst vor der Wahrheit" von 1974, in dem auch Vater Jean-Louis mitwirkte. 1979 spielte sie im Krimi "Serie noire" zusammen mit Patrick Dewaere.

Filmfamilie

1984 sah man Marie in einem weiteren Familienprojekt der Trintignants: "Nächsten Sommer vielleicht". Wieder führte Nadine Regie, und neben Marie und Jean-Louis spielten Claudia Cardinale, Fanny Ardent und Philippe Noiret. Die Filmzeitschrift "Zoom" bezeichnete den Film als "zähflüssige und unausgereifte Großfamiliensaga". Unter Pierre Granier-Deferre spielte Marie 1987 wieder ander Seite von Philippe Noiret im unterkühlten Thriller "Ertrinken verboten".

Neben Isabelle Huppert war Marie in einer Nebenrolle in Claude Chabrols "Eine Frauensache" (1988) zu sehen. Im erotisch angehauchten Dialogfilm "Eine Sommernacht in der Stadt" (1990) von Michel Deville erhielt sie eine Hauptrolle neben Jean-Hugues Anglade.

Berühmt durch "Betty"

Nach einem kurzen Auftritt in "Die Liebenden von Pont Neuf" (1991) von Leo Carax wurde sie auch international berühmt durch "Betty" von Claude Chabrol (1991). In der Komödie "Der Killer und das Mädchen" (1993) von Pierre Salvadori stand sie neben Jean Rochefort und Guillaume Depardieu vor der Kamera.

In Martine Dugowsons "Sex, Lügen und Intrigen" (1996), einem Film über die intrigante Welt der Mode- und Filmbranche, sah man Marie an der Seite von Helena Bonham Carter und Jean-Claude Brialy. "Nachrichten vom lieben Gott" (1996) von Didier Le Pecheur zeigt sie neben "Pulp Fiction"-Star Maria de Medeiros. Erfolgreich waren auch die Komödie "Lügen wie gedruckt" von Pierre Salvadori (1998), und der Thriller "Jenseits aller Regeln" von Alain Corneau (1998).

"Noir Desir"-Webseiten auf Eis

Die große Fangemeinde des französischen Rocksängers Bertrand Cantat reagiert ungläubig und schockiert auf den dramatischen Vorfall. Der 39-jährige Chef der Gruppe "Noir Desir" war seit 15 Jahren ein Symbol für die französische Jugend, ein Vorkämpfer im Krieg gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Wirtschaftsglobalisierung sowie im Einsatz für die Menschenrechte.

Die meisten der zahlreichen Webfenster, die Cantat und "Noir Desir" in Frankreich gewidmet sind, haben am Freitag nach der offiziellen Todeserklärung Marie Trintignants angekündigt, dass sie ihren Betrieb zunächst einstellen. Nach der vorläufigen Inhaftierung Cantats im litauischen Vilnius, wo die Filmschauspielerin die tödlichen Verletzungen erlitten hatte, blieb auch von der offiziellen Website nur noch die Empfangsseite übrig. Der Webmaster von www.noirdesir.org verspricht den Internet-Surfern dagegen, dass er wieder zurückkehren wird, "wenn sich die Lage beruhigt hat".

Ungläubigkeit und Enttäuschung

Viele Fans von Cantat verleihen in den Internet-Chats ihrer Enttäuschung über ihr Idol Ausdruck. Hinter dem engagierten Globalisierungsgegner und Menschenrechtler erblicken sie plötzlich einen alkoholisierten, drogenabhängigen und gewalttätigen Mann, der seine Freundin zu Tode schlug. Sie können sich kaum vorstellen, dass er der selbe Mann ist, der vor einem Jahr gegen den rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Jean-Marie Le Pen (Front National, FN) demonstriert hatte.

In der jüngsten Ausgabe des Musikmagazins "Les Inrockuptibles", das noch vor den tragischen Ereignissen gedruckt wurde, wird "Noir Desir" noch als "ethische Rockgruppe" bezeichnet. Daher weigern sich auch zahlreiche Anhänger Cantats trotz der schweren Verdachtsindizien, an die Schuld ihres Idols zu glauben. "Ich werde wie schon seit zehn Jahren fortfahren, Cantat als Künstler zu bewundern", liest man etwa in einer Internet-Mitteilung. " 'Noir Desir' ist und bleibt eine Kultgruppe", heißt es in einer weiteren Message, während andere Internet-Sufer härter verfahren: "Ein Anarchist zu sein bedeutet nicht, sich vollzusaufen." (APA/AP/Reuters)

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    Bertrand Cantat in Untersuchungshaft

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