Du sollst nicht lügen

1. August 2003, 15:37
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Eine EU-Verordnung will in Zukunft Volksverblödung, Werber-Fantasie und Marketing-Gags einschränken

Hin und wieder ist die EU echt voll super. Okay, nicht, wenn es darum geht, Schwalbennester in Ställen zu verbieten oder Rohmilchkäse auf den Index zu setzen. Aber für solche Fälle von überbordender Bürokratie gibt es ja zum Glück die gute, alte italienische Methode: Ignorieren, beziehungsweise zum regionalen Kulturgut erheben und sich womöglich sogar noch fördern lassen.

Aber wie auch immer, jetzt hatten die Damen und Herren in Brüssel mal eine echt gute Idee, nämlich das Verbot von dem Schwachsinn, der uns tagtäglich von Plakatwänden, aus dem Werbefernsehen und von den Verpackungen der Lebensmittel selbst entgegenwuchert. Soll heißen, dass man in Zukunft nicht mehr "fettfrei" und "ohne Zucker" draufschreiben darf, wenn ein Produkt nicht auch wirklich fettfrei und ohne Zucker ist. Nun gut, ich würde zwar meinen, dass das eigentlich auch schon bisher hätte gelten sollen, schließlich gibt es ja so etwas wie den Tatbestand des Betrugs, aber in einem so unsensiblen Bereich wie jenem der Lebensmittel wollte man sich da offenbar keine übertriebene Strenge leisten, ist schon gut. Aber wie wunderbar, endlich kein Stumpfsinn (der leider, man muss es sagen, aber offensichtlich bei vielen Konsumenten voll rein geht, sonst würden sie's ja nicht machen) mehr wie "fördert die Entwicklung ihres Kindes". Weil das heißt nämlich bitte was? Oder "belebt Körper und Sinne" oder mein Favorit überhaupt: "wurde beim Ministerium eingereicht und amtlich für wirksam erachtet" oder so ähnlich,­ der absolute und pure Schwachsinn!!

Schon klar, dieses ganze probiotische Trinkjoghurt-Zeugs braucht man in Wirklichkeit so dringend wie ein Muttermal unterm Knie, und damit da absatzmäßig bei so einer dringend benötigten Ware irgendwas weiter geht, muss halt mit Effekten herumjongliert werden, die sich Marketing-Abteilungen und Werbetexter dann schön zurecht erfinden: Die seltsamen Mixturen machen also laut Packungstext nicht nur schlank, gesund und glücklich, oh nein, denn wer schlank, gesund und glücklich ist, der sieht auch gut aus, kommt in Folge bei seiner Umwelt und im Berufsleben gut an, mit der weiteren Folgewirkung von Reichtum und sexueller Attraktivität. Und ein hohes Alter, schöne und gescheite Kinder, Frieden auf der Welt und eine Verringerung des Ozonlochs natürlich auch noch. Eigentlich ist es absolut unerträglich, wie da unterschwellig suggeriert wird, aber okay, damit verdienen Werber halt einmal ihr Geld.

Und jetzt müssen sie mal ein bisschen neu und in ein bisschen anderen Schienen nachdenken. Vielleicht hat das Verbot dann sogar zur Folge, dass sich die beworbenen Produkte in Richtung jener Qualität verändern, die auch wirklich behauptet werden kann. Etwa Fruchtjoghurt "mit echten Früchten" anstatt mit einem aromatischen Bombardement aus Fruchtzubereitung und "naturidenten" Aromen, wär doch einmal zur Abwechslung ganz nett. Oder zucker- und fettarme Produkte, die nicht derart öd und leer schmecken, dass Diät-willige quasi gezwungen werden, sich eine Überdosis von dem Zeug einzuverleiben, um ihrem Magen nur irgendeine Befriedigung verschaffen zu können. Oder mal sehen, vielleicht führt der nächste Schritt der EU-Bürokraten ja sogar so weit, dass die Werbung zu vollkommenen Wahrheit verpflichtet wird und mit Slogans wie "macht fett" und "zerstört die Zähne" und "wirkt genauso viel wie lauwearmes Wasser" kommen muss. Ich freu mich jedenfalls schon mal, das wird lustig.

Von Florian Holzer
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