Rehe gefährden Vielfalt des Waldes

3. August 2003, 19:09
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Ein Gutteil der Waldschäden entsteht durch das Wild - zu radikalen Maßnahmen mag sich aber niemand bekennen

Wien - "Keinen Anlass zur Entwarnung geben die Wildschadensmeldungen 2001. Weder bei der Verbiss- noch bei der Schälschadenssituation ist eine Verbesserung gegenüber der äußerst unbefriedigenden Situation des Jahres 2000 eingetreten. Im Gegenteil, beim Verbiss ist sogar eine leichte Verschlechterung zu verzeichnen. Rund zwei Drittel aller österreichischen Wälder sind durch Verbiss so stark beeinträchtigt, dass die Verjüngung mit den waldbaulich erforderlichen Baumarten nicht oder nur mithilfe von Schutzmaßnahmen möglich ist. Fast ein Viertel aller Stangenholzflächen weist Schälschäden auf."

Das ist die Kürzestfassung des "Wildschadensberichts 2001", den Landwirtschaftsminister Josef Pröll im heurigen Frühjahr vorgelegt hat. Der Bericht belegt, dass vor allem Reh und Hirsch junge Laubbäume kahl fressen und damit die Vielfalt des Ökosystems Wald durcheinander bringen. Zu diesen "Verbissschäden" kommen die "Schälschäden", die dadurch entstehen, dass beunruhigtes Wild sich an den Waldbäumen reibt und Rinden herunterbeißt.

Was tun? Am besten offenbar: Nicht viel darüber reden. Der Wildschadensbericht wurde zwar dem Parlament vorgelegt, eine Plenardebatte fand aber (gegen den Willen von SPÖ und Grünen) gar nicht erst statt. "Enderledigt" wurde das Thema im Mai mit einer einstimmigen Kenntnisnahme des Landwirtschaftsausschusses.

Tatsächlich ist das Thema heikel, zu sehr stehen Tierschutz und Waldschutz im emotionalen Konflikt: "Man könnte, brutal gesagt, das Wild ja bei Fütterungen vergiften - aber das wird ja wohl niemand wollen; es ist ja leider bewiesen, dass der Mensch imstande ist, Wildtiere auszurotten", sagt der Forst-Ministerialrat Ingwald Gschwandtl. Bleibt zur Wildstandsregulierung nur die Jagd - durch den Abschuss von 267.312 Stück Rehwild und 44.324 Stück Rotwild im Vorjahr.

Die Jagdwirtschaft allein könne aber dieses Problems nicht Herr werden, sagte der ÖVP-Abgeordnete Klaus Auer in der Ausschussdiskussion - für die Zunahme der Verbissschäden sei nämlich insbesondere auch der Tourismus verantwortlich. Dem stimmt Gschwandtl zu: "Die Jagd muss regulieren - aber es ist die Freizeitgesellschaft, die den Druck aufs Wild erhöht: Joggen am Abend stört das Wild ebenso wie die Ausweitung der Skigebiete."

Der Zivilisationsstress für die Wildtiere lässt sich aber nicht einfach abdrehen - zu massiv sind die Interessen, die sich noch dazu mit Naturliebe verbrämen lassen. Aus demselben Grund will man auch nicht allzu laut sagen, dass die Jäger mehr schießen sollen - sensible Gemüter in der städtischen Bevölkerung könnten rasch das Verständnis für Bruder Baum verlieren, wenn das Wild stärker bejagt wird.

So können sich Reh und Hirsch weiter an Forstpflanzen gütlich tun - eine Naturverjüngung ist da kaum möglich, weil dem Wild just jene Pflänzchen besonders munden, die für vielfältige Waldbiotope wichtig wären. Und so dominiert die Fichte immer stärker das Ökosystem Wald. (Conrad Seidl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 7. 2003)

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