Psychologie der Steuerschraube

6. August 2003, 18:08
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Eine schmucke Auslage braucht eine wesentlich gesenkte Körperschaftssteuer - Ein Kommentar von Helmut Spudich

Blickt man auf die Landkarte der Körperschaftssteuer - vereinfacht gesagt: die Steuer, die von Unternehmensgewinnen eingehoben wird - sieht man, dass Österreich demnächst lauter EU-Nachbarn mit teils beträchtlich geringeren Steuersätzen hat.

In Österreich werden einem Unternehmen 34 Prozent seines Ertrags abgezwackt, in Tschechien sind es nur 31, in der Slowakei 25 und in Ungarn gar nur 18 Prozent. Was liegt also für einen ausländischen Investor, der eine Firma zwecks maximalen Unternehmensgewinns in einem Land ansiedeln will, näher, als dorthin zu gehen, wo ihm von seinem Gewinn am meisten überbleibt?

Eben. Er wird auf die Steuerstatistik blicken und feststellen, dass Österreich weit über den EU-Neuzuzügen liegt. Und unser imaginärer Investor, vielleicht ein Amerikaner mit einer Rumsfeld-induzierten Sympathie für das "neue Europa", wird auf die Landkarte schauen und feststellen, dass Bratislava und Budapest nur einen Katzensprung weiter östlich liegen. Obendrein fliegen nach Bratislava neuerdings Billigairlines, weil der Wiener Flughafen so teuer ist, die Lohnkosten liegen unter den österreichischen und EU-Förderungen stehen auch ins Haus. Und schon ist das Arbeitsplatz schaffende Investment knapp am Sound-of-Music-Country vorbeigegangen.

Dass diese Rechnung funktioniert, hat seinerzeit Irland bei seinem EU-Beitritt eindrucksvoll vorgeführt: 12,5 Prozent Körperschaftssteuer, niedrigeres Lohnniveau und EU-Förderungen haben zu einer Welle von Unternehmensansiedlungen vor allem aus der Tech-Branche geführt und die Basis für den irischen Aufschwung gelegt.

Es gibt allen Grund zur Annahme (aus Österreichs Sicht: zur Besorgnis), dass sich diese Entwicklung im Osten wiederholt, weil Österreich dank seiner relativ hohen Unternehmensbesteuerung weiter an Wettbewerbsfähigkeit verliert.

Um zu verhindern, dass Österreich durch diesen logischen Drang nach Osten allzu viel verliert, hilft nur eines: Der Körperschaftssteuersatz muss runter. Und er muss auf mindestens 29 Prozent gesenkt werden und nicht auf 31 Prozent, wie dies die Regierung vorhat. Warum? Weil die Psychologie von Investoren bei ihren ersten Sondierungen genauso einfach gestrickt ist wie die von Konsumenten, die bei 299 Euro an 200 und nicht an 300 denken.

Dabei ist eine Senkung der Körperschaftssteuer nicht gleichbedeutend mit tatsächlich geringeren Belastungen und höherem Nettogewinn, wie dies heimische Unternehmer erhoffen, die geringere Steuern um ihrer selbst willen und nicht um der Ansiedlung neuer Konkurrenten willen fordern. Denn Steuersätze sind die Auslage des Finanzministers, die Details stecken im Kleingedruckten.

Da geht es um die Anerkennung der steuerlichen Absetzbarkeit von Aufwänden (z.B. die Beschränkung, wie teuer Firmenautos oder Arbeitsessen sein dürfen), um Abschreibungssätze und zahlreiche Benefizien, aus denen erst die Berechnungsbasis entsteht, auf die dann der Steuersatz angewendet wird. Grob gesprochen: Der Finanzminister hätte die Möglichkeit, die Körperschaftssteuer um zehn Prozentpunkte zu senken und gleichzeitig so an der Steuerschraube zu drehen, dass unterm Strich für den Fiskus dasselbe herauskommt.

Steuern sind eben in vieler Hinsicht Psychologie, und die Kunst des Eintreibers besteht darin, sie häppchenweise so aufzuteilen, dass der Geschröpfte nicht merkt, wie teuer das Ganze letztlich kommt. Darum gibt es auch geringe Steuern auf "Urlaubs- und Weihnachtsgeld" und satte Steuern auf das Normalgehalt. Investoren wissen das im Prinzip, aber wie jeder Steuerzahler unterliegen sie der Lockung der Optik.

Diese Kunst ist jetzt bei der Körperschaftssteuer zum Wohle des Standorts gefordert. Ein wenig davon wird tatsächliches Nachgeben sein (um es woanders im Steuersystem wieder hereinzubekommen), der Großteil ist Auslagendekoration.(DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2003)

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