Kopf des Tages: Käfer läuft nimmermehr

4. August 2003, 14:39
6 Postings

Der VW Käfer, das bekannteste Gesicht der Autogeschichte, verabschiedet sich

Insekten verbreiten sich myriadenhaft. Nicht verwunderlich, dass es der Käfer (Gattungsname VW) schlussendlich auf eine Population von 21,5 Millionen brachte: Das aus heutiger Sicht reichlich seltsame Buckelgefährt ist damit das mit Abstand meistgebaute Auto der Welt. Zwar haben VW Golf oder Toyota Corolla den Käfer überholt, aber da hat die jeweils neue Generation nur mehr den Namen mit dem Vorgänger gemein.

Der Käfer blieb immer der Käfer. Läuft und läuft - und läuft ab heute nimmermehr vom Band. Damit endet ein fast 70-jähriges Kapitel Automobilgeschichte. Legionen von Nachkriegseuropäern war dieses Fahrzeug der Inbegriff für die Massenmotorisierung, und für viele die einfachste Art, von A nach B zu kommen.

Nicht immer ein Spaß

A war in Urlaubszeiten Heimatadresse, B nicht selten an der Adria - wer heute vom Käfer als "Kult" spricht, hat schon Recht. Aber vollgepfropft mit Familie & Gepäck, eng und ohne Klimaanlage: Das war nicht romantisch, das war eine Qual. Oder winters bei verendeter Funzelheizung durch den letzten nicht vereisten Sehschlitz lugen: auch kein Spaß - und von Verkehrssicherheit keine Rede.

Heute sieht man den Käfer nostalgisch verbrämt, mit dickem Sympathiebonus. Dass er die Wirren der Geschichte imagemäßig fast unbeschadet überstand, spricht für seriöse konzernhistorische Vergangenheitsbewältigung. Denn an der Wiege stand bekanntlich das Dritte Reich und der KdF-Wagen (Kraft durch Freude). Der Nazipropaganda ging es um Vollmotorisierung im Reich ("Jeder deutschen Familie ein eigenes Auto") und um mobilisierungstechnischen Gleichstand mit den USA - die Vision erfüllte sich, aber erst lange nach dem Krieg.

Eine Erfolgsstory

1934 beauftragt der Reichsverband der Deutschen Automobilindustrie Ferdinand Porsche mit der Konstruktion eines "Volkswagens". Die Patronanz übernahm jener schaurige Herr, der wenig später nicht in Wolfsburg, sondern in der ostpreußischen Wolfsschanze wüten sollte. Meilensteine im Eiltempo: 1938 wird das Serienmodell 38 vorgestellt, schon mit charakteristischen Trittbrettern und Stoßstangen. Adolf Hitler erlebte den Erfolg seines Geschöpfes nicht mehr. Erst im August 1945 beauftragt die britische Militärregierung das VW-Werk mit der Lieferung von 20.000 Limousinen. Dezember 1945: Serienstart. 1955: eine Million Käfer gebaut. 1981: 20-Millionen-Hürde genommen. Und VW? Europas größter Autobauer.

Nochmal Käfer: Speziell in den USA erreichte das wirtschaftswunderliche Gefährt Kultstatus (Absatz: 4,988.400 Stück!), wurde sogar Filmstar. Und in Österreich? Inspektor Kottan verlor bei den Ermittlungen laufend Käfertüren. 18.000 sind hierzulande noch im Bestand. Mehr werden's nicht mehr. Wir werden diesen Charakter vermissen. (Andreas Stockinger, DER STANDARD Print-Ausgabe, 30.7.2003)

  • Käfer (Gattungsname VW).
    grafik: der standard

    Käfer (Gattungsname VW).

Share if you care.