"Überleben bedeutet den Sieg"

1. August 2003, 21:31
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Sieben Jahre nach ihrem letzten Album "Democracy" veröffentlicht die britische Kultband Killing Joke nun ein phänomenales Folgewerk

Kommenden Sonntag wird das neue Album live in Wien präsentiert. Eines kann man jetzt schon attestieren: Es ist das Comeback des Jahres!


Wien - Bescheidenheit, diese christliche Charakterzierde, ist als Begriff längst so dehnbar geworden wie die Kuttenkordel so manchen Mönchs. Bei Jaz Coleman, der in diesem zurückhaltenden Fach ohnehin nie besonders auffällig wurde, klingt sie in aktuellen Interviews darum auch in etwa so: "Es geht uns nicht darum, wieder den Thron für uns zu reklamieren. Jeder, der sich in der Popmusik auskennt, weiß, wer wir sind und kennt unsere Bedeutung."

Coleman, Frontmann der 1978 gegründeten britischen Band Killing Joke, vertraut damit neben dem eigenen Werk vor allem auch auf die Wirkung von Namen wie Metallica, Nirvana, Faith No More, Nine Inch Nails und etlichen anderen VIPs der Rockmusik. Bands, die bis heute nicht müde werden, den Einfluss, den Killing Joke auf sie ausübte, zu betonen. Wobei betonen im Falle Killing Joke dann nicht selten betonieren bedeutet: Krawumms und hau drauf! Denn Killing Joke stand und steht für Härte - inhaltlich und formal.

"Come As You Are"

Drei ihrer vielen Fans, die als Nirvana Anfang der 90er-Jahre die Superstars des Grunge wurden, haben es mit ihrer Verehrung sogar übertrieben. Come As You Are, nach dem Erfolg von Smells Like Teen Spirit die zweite Single aus dem Welteroberungsalbum Nevermind, war derartig schamlos am Song Eighties von dem Killing-Joke-Album Night Time aus 1985 "orientiert", dass Sänger Kurt Cobain nervös schwitzende Bedenken hatte, den Song auszukoppeln. Einen gerichtlich bestätigten Plagiatsvorwurf hätte Nirvana damals wohl kaum gebraucht. Aber dazu kam es ohnehin nicht.

Killing Joke verzichtete damals großzügig auf eine Klage und man kann behaupten, dass das längerfristig die richtige Entscheidung war. Auf dem titellosen neuen Album (bei Sony) begleicht nämlich der frühere Nirvana-Drummer Dave Grohl diese Schuld damit, dass er am Schlagzeug sitzt. Und wahrlich, der Job, den er dort erledigt, ist in seiner Intensität vergleichbar mit seiner Kollaboration mit den Heavy-Rock-Stars Queens Of The Stone Age - also schlicht genial.

In einer Schnittmenge aus den Queens Of The Stone Age und dem aktuellen Werk der britischen Post-Punk-Altvorderen Wire ist das Album angesiedelt. Von den Queens stammt die Affinität zu Metal, von Wire der kühle New-Wave-Gestus: Zusammen ergibt das das Comeback des Jahres. Ein Opus, das wohl niemand mehr erwartet hat.

Zwar galten harte Riffs und kantige Kompositionen immer als Merkmale von Killing Joke. In den mittleren 80ern eroberte man aber gerade mit der durch Colemans Keyboardarbeit verursachten Eingängigkeit die Dancefloors auf beiden Seiten des Atlantiks. Der Song Love Like Blood vom erwähnten Album Night Time muss diesbezüglich als Meisterwerk gewürdigt werden.

Eine renitente Abneigung gegen Autoritäten jeder Art, provokante Artworks - wie etwa historische Aufnahmen von kirchlichen Würdenträgern, die, die rechte Hand zum Hitlergruß erhoben, durch ein Spalier aus Nazis schreiten -, charakterisierten zusammen mit Colemans exzentrischem Wesen eine der besten und vor allem auch kommerziell erfolgreichsten Bands im Graubereich von Underground und Mainstream der 80er-Jahre. Coleman war es auch, der 1982 das erste Ende der Band ausrief.

Fest davon überzeugt, dass die Apokalypse unmittelbar bevorstünde, zog er sich nach Island zurück, um, nachdem das mit dem Weltuntergang doch nichts wurde, das Unternehmen Killing Joke wieder weiterzuführen.

1992 wanderte er schließlich nach Neuseeland aus und war nach dem letzten Killing-Joke-Werk Democracy aus 1996 in verschiedenste Projekte involviert. Diese reichten von Zusammenarbeiten mit den Prager Symphonikern über Mick Jagger bis zu Nigel Kennedy.

Die Wiederkehr mit Killing Joke stellt nun einen neuen Höhepunkt dar. Kein Schielen in Richtung Dancefloor 2003 ist darauf festzustellen, dafür zehn Rock-Monster: Colemans aus Paranoia und Größenwahn gespeiste Texte beschwören Dark Forces, attestieren der Obrigkeit Blood On Your Hands, fürchten einen todbringenden Asteroid oder warnen vor der Total Invasion. Kongenial produziert hat das Album Andy Gill - früher bei Gang Of Four, deren kalter Funk ebenso einflussreich war wie der Rock von Killing Joke.

"Überleben bedeutet den Sieg", heißt es im Song You'll Never Get To Me. Zeuge dieses Überlebens kann man kommenden Sonntag im Wiener Flex werden, wenn Killing Joke ihr Album live präsentieren werden. Jaz Coleman: "Es erwartet das Publikum ein intensives Erlebnis, vergleichbar mit einer religiösen Zeremonie. Nichts auf der Erde kommt uns nahe, wenn wir live spielen." Genau - bloß keine falsche Bescheidenheit. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2003)

Von Karl Fluch

Killing Joke live:

So., 3.8., 21 Uhr
Flex
1010 Wien, Donaukanal
01/533 75 25

  • Artikelbild
    foto: sony
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