Des Sommers klirrende Hitzen

12. August 2003, 14:10
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Auch im zweiten Sommer begeistert Andrea Breths Inszenierung von Schnitzlers "Das weite Land", ...

... mit der sie einer Gesellschaft den emotionalen Tod diagnostiziert, bei den Salzburger Festspielen. Nicht zuletzt dank eines überragenden Sven-Eric Bechtolf als Hofreiter.


Salzburg - Es ist des Siegers Schicksal, dass jeder geglückten Eroberung ein schales Danach folgt. Sind alle Radrennen gewonnen, alle Partner verführt, alle Berggipfel erklettert, ist das Unternehmen in alle Kontinente expandiert, droht der Moment, in dem der Triumph in bodenlose Leere kippt. Irgendwo auf dem Weg nach oben kam das Gefühl abhanden, hat Eitelkeit den frei gewordenen Platz gefüllt.

Zweimal hat sich die Regisseurin Andrea Breth im vergangenen Jahr jenem Kipppunkt des Lebens genähert. Zweimal fiel ihr Blick auf Männer, die aus dem erloschenen Feuer ihrer verwöhnten Seele Funken zu schlagen suchen. "Kein Gespenst überfällt uns in vielfältigeren Verkleidungen als die Einsamkeit, und eine ihrer undurchschaubarsten Masken heißt Liebe" - der Satz Arthur Schnitzlers ist klug dem Programmheft zu Das weite Land vorangestellt. Im vergangenen Jahr schon hatte die Inszenierung für die Salzburger Festspiele Premiere, nun wurde sie mit Umbesetzungen wieder aufgenommen - und liest sich heute als Teil eins einer Arbeit, die in Wien mit Emilia Galotti ihre zwingende Fortsetzung findet.

Nach Akt fünf wird der Glühlampenfabrikant Hofreiter Familie und Land verlassen - wie, wenn er nicht nach Amerika ginge, sondern sich in der Toskana niederließe? Um im Luxus des Dosalo-Gutes, das er für wenig Geld erwirbt und elegant restauriert, alternden Gräfinnen und blutjungen Bürgerstöchtern mit seinem erprobten Charme den Sinn zu verdrehen?

In Breths hochkonzentrierten Inszenierungen liest sich Lessings bürgerliches Trauerspiel als die, übrigens modernere und lichtere, Fortsetzung der Schnitzlerschen Tragikomödie. Breths Triumph, denn um nicht weniger geht es, dankt sich nicht zuletzt ihrer Zusammenarbeit mit Sven- Eric Bechtolf, der beide Rollen mit jedem elegant-wirkungssicheren Schritt, widerlegt vom schwermütig verschatteten Blick, im wahrsten Sinn verkörpert. Bechtolf führt den grenzenlosen Ennui des Erfolgsverwöhnten als Wissender vor, ein lustträger Don Juan, der nach dem inneren Verlöschen das Äußere erzwingt und flieht zugleich.

Diagnose: Tod

Kein Wunder, dass Breths düsterer Lesart des Weiten Landes die Komödie, die Schnitzler auch in seinem Text sah, abhanden kam. Klirrendes Eisgrau und kältestes Blau grundieren einen Abend, der einer Gesellschaft ärztlich den irreversiblen emotionalen Tod attestiert. Und sie verfügt für diese Diagnose über ein grandioses Ensemble, das in jeder einzelnen der vielen Schnitzlerschen Figuren eine andere Spielart des Absterbens vorführt: den Harm der Tugend, in den sich Corinna Kirchhoffs schlanke Gestalt der Genia ebenso hüllt wie ihr älteres Alter Ego, die Anna Meinhold der Angela Schmid.

Pragmatische Prunksucht, die Elisabeth Orth zeigt - oder lüsternes Begehren, mit dem Sunnyi Melles, die Andrea Clausens Rolle der Adele übernahm, einen hell klingenden Dur-Ton in die Dunkelheit trägt.

An das Burgtheater soll die Inszenierung nicht übernommen werden, heißt es. Schon in Hinblick auf ihren siamesischen Zwilling, die Emilia, ist diese Trennung ein veritables Verbrechen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2003)

Von Cornelia Niedermeier
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    Sven-Eric Bechtolf, Salzburgs genialer Hofreiter

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