"Verhackerter Mozart" war ein "Desaster"

12. August 2003, 14:09
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Pressestimmen zur "Entführung aus dem Serail" - Mit Links zu den Originalrezensionen

Wien - Vorwiegend negative Kritiken gab es für die erste Opern-Premiere der Salzburger Festspiele, Stefan Herheims Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail". Von "verhackertem Mozart" ("Die Presse") über "ein echtes Salzburger Ärgernis" ("Kurier") bis "Desaster" ("Kleine Zeitung") urteilten die heute erschienenen Tageszeitungen. Einzig die "Süddeutsche Zeitung" schrieb von einem "brillant gemachtem Showdown".

Bei den "Salzburger Nachrichten" heißt es: "Die lang erwartete Premiere hat eines ganz bestimmt nicht: orientalisches Kolorit". Bassa Selim, "der Aufklärer und große Verzeiher hat ausgedient". Der Kern des Werkes bleibe "unberührt kalt", und Stefan Herheim "erweist sich damit als braver Vertreter der Generation Zapp". "Die Presse" titelt: "Der verhackerte Mozart" und resümiert die Inszenierung als "Revue". Weiters: "So ist dieser Produktion weder musikalisch noch szenisch Konsistenz zuzubilligen, sie hat Mozart als Ideengeber für zusammenhanglose theatralische Fragmente benutzt".

Der "STANDARD" kritisiert weniger streng: "In Wahrheit ist Bassa allgegenwärtig in diesem bürgerlichen Wohnspukzimmer". Stefan Herheim "hatte eine an sich hübsche Idee...Doch im Rausch der Werksauslegung ist ihm die Sache doch zu üppig geraten und ins Verkrampft-Verworrene gekippt. (...) Der Themenmix führt zum gordischen Szeneknoten, den Herheim nicht durchzuschlagen vermag".

Bei den "Oberösterreichischen Nachrichten" heißt es: "Provokation gesucht, Chaos gefunden". Und: "Ivor Bolton bleibt mit dem Mozarteum-Orchester auf die Rolle des kaum auffallenden Illustrators reduziert."

Für die "Kronenzeitung" ist "die Vorstellung, dass diese Entführung bis zum Mozartjahr 2006 erhalten bleiben soll, schlimm genug!" Regisseur Herheim setze auf "Regietheater-Zertrümmerung (...) und entfesselt einen turbulenten Zirkus von Bildern der Erinnerung - bis zum wüsten Klamauk".

Für den "Kurier" gibt es "endlich ein echtes Salzburger Ärgernis". "Es riecht nach 'work in progress', was gut in ein Kellertheater, aber nicht ins Festspielhaus passt". Die Inszenierung sei eine "teilweise kindlich-naive Produktion, die mit dreidreiviertel Stunden viel zu lang ist".

Als "Desaster" erwies sich das Stück für die "Kleine Zeitung": "Zur gescheiterten Inszenierung gesellt sich musikalisches Mittelmaß, das Kartenpreise bis zu 350 Euro nicht zu rechtfertigen mag".

Bei der "Münchner Abendzeitung" heißt es: "Wer die "Entführung" als langweiligen "Così"-Zwilling inszeniert und sich dabei auf billige Operetten-Pointen verlässt ("Ein Servus den Madln, Gruezi den Buam"), braucht sich nicht zu wundern, wenn er gnadenlos ausgebuht wird".

Die "Frankfurter Allgemeine": "Verstehen muß man das nicht. Aber was gab es nicht alles zu sehen! Fliegende Teppiche vor dem Panorama des nächtlichen Salzburg und aus dem TV-Schrank springende Lederhosen, rappende Teenies, rauchende Backöfen, teuflisch glühende Versenkungen. Das Regietheater hat schon allerhand wunderbar multifunktionale Allzweckbühnenbilder hervorgebracht, die auf fast jede Oper passen. Nun gibt es endlich auch die multifunktionale Allzweck-Inszenierung: schöne Musik. Schick zu gucken. Nichts zu sagen."

Für die "Frankfurter Rundschau" war "Herheims Arbeit eine typisch postmoderne Hervorbringung, mit einer Bilderflut, die oft genug zum Bilderwust ausuferte. Der junge Regisseur schüttete ein Füllhorn von Ideen aus, das mindestens für ein halbes Dutzend Entführungs-Interpretationen gereicht hätte. (...) Das Publikum (darunter Prinz Charles) amüsierte sich offensichtlich nicht schlecht, kühlte sich dann aber doch bei Herheims Erscheinen auf der Bühne mit vielen Buhs ab".

Einzig die "Süddeutsche Zeitung" blieb in ihrem Urteil ausgewogen und verglich die Inszenierung mit der Erzählung "Ein Vorfall auf der Owl Creek Brücke" von Ambrose Bierce: "Herheim zerrt in einem erbarmungslosen, aber brillant gemachten Showdown alle Themen der 'Entführung' ans Tageslicht und überfordert dadurch nicht nur das Stück, sondern auch das internationale Salzburger Festspielpublikum, das manchmal schon aus Sprachgründen den Finessen der umgearbeiteten Dialoge gar nicht mehr folgen kann. (...) Brillant zieht er die Strippen und lässt die Puppen nach seiner Pfeife tanzen. Dass er dabei aber die desillusioniert herbe Welt der 'Così' über den Idealismus der 'Entführung' stülpt, mag angesichts der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen wenig verblüffen. Doch die 'Entführung' droht daran zu ersticken". (APA)

Links

  • Süddeutsche Zeitung:
    Der Sturz von der Brücke
  • STANDARD:
    "Der multimediale Schwitzkasten"
  • Presse:
    Der verhackerte Mozart
  • Kurier:
  • Endlich ein echtes Salzburger Ärgernis

  • Kleine Zeitung:
  • Desaströse Gag-Orgie auf Mozarts Rücken

  • Salzburger Nachrichten:
    Mozart hat hier keine Chance
  • Oberösterreichische Nachrichten:

  • Provokation gesucht, Chaos gefunden

  • Frankfurter Rundschau:
    Jesuitentheater von Liebe und Überfluss
  • Münchner Abendzeitung:
    Jesuitentheater von Liebe und Überfluss
  • FAZ:
    He da, Teppich! Auf geht's! Los, flieg! Abakadabra!

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