Becker, Bräute, Bondgirls

12. August 2003, 13:13
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Alice Chauchat, Vera Knolle und Mette Ingvartsen beeindruckten im Rahmen der "ImPulsTanz"-Reihe

Wien - Zwei Bräute lächeln zuckersüßlich ins Publikum und säuseln: "Ist es eine überflüssige Ironie, ist es ein Effekt der inzestuösen Funktionsweisen der Kunstwelt oder ist es die Macht des Performance-Phänomens selbst, was die Situation dieser Performance so einleuchtend selbstreferenziell macht?" Diese Frage fügt sich nahtlos in die absichtsvolle Künstlichkeit der beiden Schleierträgerinnen Alice Chauchat und Vera Knolle, die mit A Number of Classics in the Age of Performance die Jungchoreografen-Reihe [8:tension] bei ImPulsTanz eröffnet haben. Während auf Video Boris Becker in Wimbledon triumphiert, verwandeln die beiden Bräute sich in sexy Bondgirls, die zum 007-Soundtrack und mit Akkuschraubern bewaffnet ultracool das Publikum ins Visier nehmen. Dann ein unsichtbares Regal zusammenbauen, Federball spielen und dabei sagen: "Ich brate hiemit dieses Ei." Und Frank Sinatra singt It's only a papermoon.

Wie funktioniert dieses klassische Theaterprinzip im Zeitalter der Performance? Chauchat und Knolle wollen es wissen. Sie gehören nach Xavier Le Roy, Jérôme Bel und Boris Charmatz zur zweiten Generation der Konzeptuellen in der zeitgenössischen europäischen Choreografie. Der Witz des Stücks liegt darin, dass das französisch-deutsche Duo den aufgetakelten Zauber des gemeinen Spektakels ganz ohne Demagogie versenkt.

"Wenn sie erfolgreich ist, wird diese Performance magisch sein." Die Bräute lächeln. Der Videoscreen zeigt [8:tension]-Kurator Guido Reimitz, der in wenigen Sätzen alles über sein Kunstverständnis sagt. Gelächter im Publikum, das sich während dieser diskursiven Revue generell blendend amüsiert.

Ähnlich wie bei Manual Focus, einem Glanzstück der erst 23-jährigen Dänin Mette Ingvartsen, die es fertig bringt, mit wenigen Pinselstrichen fast die ganze Ideenpalette der konzeptuellen Tanzperformance zu skizzieren. Die drei nackten Tänzerinnen tragen Altmännermasken an ihren Hinterköpfen, zeigen ausschließlich ihre Rücken und verblüffen durch die Vielfalt befremdlicher Erscheinungen, die sich aus diesen wenigen Elementen ziehen lassen. Die Monstrosität der nach hinten gedrehten Larven fältelt sich im wohl kalkulierten Krabbeln, Kriechen und Hüpfen dreier mehrfach verkehrter, beinahe identischer Körper zu einer wunderbaren Performanceblüte auf. Was Chauchat und Ingvartsen miteinander verbindet, ist die Begabung, aus trockener analytischer Materie köstliche Choreografie zu destillieren, ohne ihre Performances patzig mit dem Etikett "Achtung, Intellekt!" zu verkleben.

Derlei Gewitztheit fehlt der österreichischen Choreografin Saskia Hölbling, die in ihrem Solo Exposition corps dem Gedächtnis ihres Körpers huldigt. Die ausgezeichnete Tänzerin kann sich's nicht verkneifen, ihre Performance durch pathetischen Lichtzauber aufzupeppen. Ungeschickt setzt sie ihre Arbeit so zwischen die Stühle des Analytischen und des Atmosphärischen. Hölbling tanzt in weißer Unterwäsche wie für einen Werbespot von Palmers, was ein etwas eigenartiges Licht auf ihre deklarierte Absicht der "Auseinandersetzung mit der Subjektivität des ,Körpers-an-sich'" wirft. Im Vergleich zu Ingvartsen und Chauchat blickt Hölbling auf einen wesentlich größeren Erfahrungsschatz zurück. Doch in Bezug auf die konzeptuelle Durchdachtheit ihrer Arbeit nimmt sie sich gegen die beiden Jüngeren immer noch reichlich unreif aus. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 29.7.2003)

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