Die Eheklamottenschleuder

12. August 2003, 14:09
posten

Jugend forscht im Salzburger "republic": "Die Frau vom Meer" als Bastelübung

Salzburg - Henrik Ibsens zauberische Frau vom Meer, das nicht vollends durchschaubare Bild einer in freudloser Ehe dahinwelkenden Frau, deren mythenschwere Zugehörigkeit zu Neptuns Reich eigenartig absticht von ihrer hochmodernen Reizbarkeit, fußt auf zweierlei Grund: dem Anschauungsfundus des 19. Jahrhunderts, als man Frauen ikonografisch, als schimmernde Ophelien mit Akeleien dekoriert, ins nasse Element verbannte, um sie sich als befreite Subjekte mit dem Pinsel vom Hals zu schaffen.

Andererseits besticht die Modernität einer Debatte, die Ibsen als bewährter Anwalt weiblicher Selbstbestimmung anno 1888 wie ein gewiefter Rechtsverdreher führte. Ellida erhält die Wahlfreiheit zwischen zwei Männern - deren einer obendrein nur ihrer Einbildung zu entspringen scheint - einzig zu dem Zweck eingeräumt, um sich erst recht wieder für das sichere Ehegefängnis zu entscheiden. Häuslichkeit schlägt das Begehren aus dem Feld.

Einbauküchenzeile

Aus den sprichwörtlichen "freien Stücken" werden offenbar die dauerhaftesten Eheketten geschmiedet. - Im Salzburger "republic", wo das Young Directors Project der Festspiele mit Susan Sontags Adaption von Ibsens Stück Seejungfrauenliteratur startete, bekommt Ellida (Anika Mauer) aber auch noch eine Einbauküchenzeile aus blitzblankem Nirostastahl geschenkt. Dazu eine Stangenbrause und eine Blechturbinenlandschaft, als müsse das arme Wesen in Wangels Haus nahe dem provinzstädtischen Entlastungsgerinne ihr herzlich unverstandenes Hausfrauendasein fristen (Bühne: Christin Vahl).

Susan Sontags beherztes Schürzen des Handlungsknotens verleitet Regisseurin Monika Gintersdorfer, den Eheknast fest im Blick, zum Einrennen moralisch offen stehender Zellentüren. Die "moderne" Ehe hilft jenen faulen Frieden sichern, der den Figuren mächtig ins Gesicht, aufs Gemüt und auf die zuckenden Gliedmaßen schlägt.

Im Berliner Turnverband der Jungregisseurin führt jede Unstimmigkeit zwischen Sagen und Meinen -von der Ibsens Dialogkunst mit der zähen Kraft der aufschiebenden Wirkung zehrt - sofort zu anfallsartigen Entäußerungen und Fischhäutungen. Das Berliner Deutsche Theater macht schniefend und beineinknickend einen auf Klein-Castorf. Dergleichen Hochmut rächt sich bitter.

Der augenblitzende Eheidiot und Provinzmediziner Wangel (Hans Kremer), der seine Krawattenspitze in den Hosenbund hineinstopft, als fiele er sonst gleich aus seinem Stangenanzug heraus, prüft hundert mögliche Haltungen. Als stünde es allein im Ermessen der kleinen, stotternden Menschlein, ihre jeweilige Einstellung zu Gott, Welt und Partner zu wechseln wie andere nicht einmal ihre Markenunterwäsche.

Es gehört wohl zum Ausweis einer heutigen Begabung, aus den hart erarbeiteten Tugenden anderer eine eigene schmalspurige und niedertourige Aufführung zusammenzuzimmern. Die nichts von Fantasie verrät, von einer verantwortungsvollen Haltung gegenüber Figuren, vom geduldigen Suchen eines archimedischen Schmerzpunktes, der tief in den Herzen und Seelen der Menschen sitzt, aber alles sagt über ein theateranhängiges Verwertungsprinzip, das müde Marotten aus hundert Vorläuferinszenierungen im Hauptwaschgang zusammenschleudert. Die Aufführung brüllt: Schaut her! Alle so hysterisch hier! Am Ende bleibt nichts übrig als: ein Kessel Buntwäsche für die Konsumfraktion. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2003)

Von Ronald Pohl
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.