Einhausen. Eine Erregung

1. August 2003, 12:47
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Ein feuerwehrlich gezimmerten Bretterverschlag verdeckt den konstruierten Skandal um Gelatin-Skulptur mit großem Penis - Von Doris Krumpl

Das Wort "Einhausen" wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in das Alphabet der neuen Worte des Jahres 2003 eingehen. Praktisch jeder wird sich dann an die Salzburger Festspiele erinnern. An den Max-Reinhardt-Platz vor dem Festspielhaus, wo das reale Theater stattfindet. An die "Einhausung" einer Skulptur mit großem Penis durch einen feuerwehrlich gezimmerten Bretterverschlag. An die ältere und stets mit pubertärem Impetus und kindlichem Schabernack durchtrieben agierende vierköpfige Wiener Künstler-Boygroup Gelatin.

Damit haben Gelatin ohne große Mühe ihren Wunsch nach Publizität erfüllt. Popularität kommt schon, vielleicht auch erst posthum wie bei Egon Schiele. Jetzt immerhin: Kunstskandal und Erregung öffentlichen Ärgernisses aufgrund eines stattlich männlich ausgestatteten Triumphbogens aus Plastilin. Ein konstruierter, vorprogrammierter, aufgelegter Skandal, nicht neu, wenn man (nicht nur) die Salzburger "Öffentlichkeit" kennt. Eine beliebte Falle rund um die viel zitierte "Freiheit der Kunst", in die Politiker und ihre Wähler und ihre Hauszeitungen jedes Mal rennen wie die Lemminge.

Und nun kommt auch noch das heitere Bezirksgericht an die Reihe, eine Folge von Klagen und Gegenklagen. Jetzt hat die Stadt Salzburg - neben Gelatin und Rupertinum-Chefin Agnes Husslein - das Land Salzburg geklagt. Und zwar nicht wegen eines von international anerkannten Künstlern öffentlich erigierten Brunnenwasserpenis, dieser kommt komischerweise in den Politikerreden nie zur Sprache, sondern wegen "Besitzstörung". Gegenklagen der Beschuldigten sind ebenfalls in Vorbereitung. Bis das alles passiert, wird einige Zeit verstreichen. Zeit, in der die dicht eingehauste Skulptur in der Sommerhitze kaputtgeht. Dann haben offenbar alle Beteiligten ihr Ziel erreicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2003)

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