Die Reinkarnation Nassers

2. August 2013, 20:08
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General Abdelfattah al-Sisi soll den USA mitgeteilt haben, dass er bei den kommenden Präsidentschaftswahlen antreten wird - Er ist die Projektionsfläche aller Sehnsüchte nach der vergangenen Größe Ägyptens

General Abdelfattah al-Sisi mit einem Löwen an seiner Seite, mit einem Adler über dem Haupt, vor den Pyramiden: Er ist der König der Herzen vieler, sehr vieler Ägypter und Ägypterinnen. Deshalb ist es für viele eine ausgemachte Sache, dass der General, der den gefährlichen Muslimbruder zur Strecke brachte, selbst Kandidat bei den kommenden Präsidentschaftswahlen werden wird. "Wenn er es nicht will, wird er der 'Forderung' der Mehrheit der Ägypter nachgeben", schreibt ein Kommentator in al-Watan. Und Volkes Wunsch kann man bekanntlich nicht ignorieren, deshalb hat die Armee ja auch Mohammed Morsi gestürzt.

Zwar bleiben der neuen Führungsschicht Nahestehende dabei, dass die ägyptische Armee keinerlei Absicht hat, in der Politik mitzumischen. Aber am Freitag meldete Debkafile – das ist natürlich cum grano salis zu nehmen –, dass Al-Sisi dem US-Verteidigungsminister Chuck Hagel bereits mitgeteilt habe, dass er zu kandidieren gedenkt. Sogar der Name der Kampagne soll schon bekannt sein: "Lasst ihn seine gute Arbeit zu Ende bringen." Für seine Kandidatur sollen dreißig Millionen Unterschriften gesammelt werden, dann ist er der Kandidat des Volkes, nicht mehr der Armee.

Man wird sehen, eines ist indes sicher: Al-Sisi ist derzeit die Projektionsfläche aller Sehnsüchte nach der vergangenen Größe Ägyptens, die sich in einem Namen verdichten: Nasser. Gamal Abdel Nasser, einer der Revolutionsgeneräle von 1952, der von 1954 bis 1970 ägyptischer Präsident war, aber dessen Wirkung weit über Ägypten und sogar über die arabische Welt hinausreichte. Der – ziemlich uncharismatische – al-Sisi sei eine "Reinkarnation" Nassers, kann man in Zeitungskommentaren lesen, er gebe dem ägyptischen Volk seine Würde und Freiheit zurück.

Eine Nasser-Kontroverse zwischen Muslimbrüdern und fast allen anderen gab es schon im Juni, einen Monat vor Morsis Sturz. In Reminiszenzen anlässlich des 46. Jahrestags des Sechs-Tage-Krieges taten sich manche ägyptische Patrioten wieder einmal schwer, das damalige militärische Debakel der ägyptischen Armee beim Namen zu nennen. Auf der Homepage der Muslimbrüderjugend brach daraufhin die volle Häme aus: "Einen schönen Sechs-Tage-Kriegs-Niederlagen-Morgen, liebe Nasseristen" wünschten die Muslimbrüder, deren Narrativ den damaligen militärischen Sieg Israels der Diktatur und den nasseristischen Missständen in Ägypten zuschreibt. Auf den Anti-Muslimbrüder-Facebookseiten – unter anderem jener der Bewegung Tamarod (Rebellion) – wurden die Muslimbrüder daraufhin daran erinnert, wer sie "gemeistert" habe: Unter Nasser waren die Muslimbrüder nicht nur verboten, sie wurden schwer verfolgt. Zumindest ein neuerliches Verbot für die 1928 gegründete religiöse Bruderschaft wünschen sich viele, die den Umsturz von 3. Juli befürworten.

Al-Sisi "zu Diensten"

Vielen Ägyptern und Ägypterinnen ist jedoch bange angesichts der Begeisterung, die ihre Landsleute zeigen, wenn ein starker Mann am Horizont auftaucht. Es gibt sehr wohl auch eine dritte Kraft, die sowohl Islamisten als auch ein zu starkes Militär ablehnt, aber diese Stimmen haben es im Moment schwer, durch all das Sisi-Getöse durchzudringen. Das zum Teil mehr als skurrile Formen annimmt: Die AFP zitiert etwa einen von der Kolumnistin Ghada Sherif in al-Masry al-Youm geschriebenen Kommentar, in dem folgendes stehen soll: "Er muss uns nichts befehlen oder uns kommandieren, es genügt ein Blinzeln seines Auges oder ein einziger Wimpernschlag. Das ist ein Mann, den die Ägypter anbeten. Und wenn er vier Frauen nehmen will: Wir stehen ihm zu Diensten." Dazu muss man wissen, dass eine der immer wiederkehrenden Schauergeschichten über die Muslimbrüder lautete, dass ihre Frauen zu einem "sexuellen Jihad" bereit stünden, wenn es darum ginge, die Männer in ihrem Kampf durch die Zurverfügungstellung von Sex zu stärken.

Die Wettbüros sind jedenfalls geöffnet, was die berufliche Zukunft des 58-jährigen Generals anbelangt. Dass al-Sisi aus dem Militärgeheimdienst kommt, hat ihm auch die Prognose eingebracht, er könnte ein ägyptischer Putin werden. "Das ist Russland zu Beginn des Jahre 1992, und wir versuchen Putin zu finden", zitiert Reuters den Ägyptenexperten und Politologen an der Kent State University, Joshua Stacher. Aber war da nicht noch ein Jelzin vorher?

Das amerikanische Projekt

Der Rekurs auf Nasser im Laufe dieser zweiten Revolution ist natürlich nicht nur dem Kitsch geschuldet, sondern er nimmt auch Bezug auf Nassers geopolitische Position: antiimperialistisch und US-feindlich. Auch wenn die USA jetzt langsam darauf einschwenken, die Legitimität des Vorgehens der Armee gegen Morsi am 3. Juli nicht mehr in Frage zu stellen, bleiben sie in den Augen der meisten Putschbefürworter dennoch ein Verbündeter der Muslimbrüder: Schon vor dem Ausbruch des Arabischen Frühlings hätten die USA entschieden, auf die Muslimbruderschaft als vermutete moderate islamische Kraft nach Mubarak und anderen todgeweihten Regimen in der Region zu setzen. Wenn die Muslimbrüder regierten – so sollen die USA kalkuliert haben –, dann würde dem radikalen Islam der Nährboden entzogen. Und nun sei das amerikanische Muslimbrüderprojekt gescheitert – und damit Zeit für eine Rückkehr zu den alten nationalistischen Werten. Und wie Nasser werde al-Sisi den USA und den alten europäischen Kolonialmächten die Stirn bieten. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 2.8.2013)

  • General Abdelfattah al-Sisi, Ägyptens zukünftiger Präsident?
    foto: reuters

    General Abdelfattah al-Sisi, Ägyptens zukünftiger Präsident?

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