Karoline Eichhorn: "Noch habe ich nicht dieses Sicherheitsdenken"

Interview3. August 2013, 11:00
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Zur Premiere des "Sommernachtstraums" am Samstag: Die in einer Doppelrolle eingesetzte Schauspielerin verspricht ein "Spektakel"

STANDARD: Was verstehen Sie unter einem "Todessprung"?

Eichhorn: Sich im Zirkus vom Trapez fallen zu lassen: Das ist für mich ein Todessprung. Die meisten springen ja ohne Netz. Man könnte das vielleicht auch Klippensprung nennen. Aber ich habe beim Wort "Todessprung" immer dieses Loslassen des Trapezes vor Augen und den Fall - bis man vom Partner gegriffen wird.

STANDARD: Sie wollten zum Zirkus?

Eichhorn: Ja. Ich hatte zu Hause in meinem Kinderzimmer ein Trapez. Ich habe viel daran herumgehampelt. Es hat mich fasziniert. Und es fasziniert mich auch heute noch. Die Trapezkünstler müssen sich aufeinander verlassen können. Das ist auch das, was ich so toll finde: dass es nicht eine Einzeldarbietung ist, sondern dass dieses Team funktioniert. Das finde ich einen irren Entwurf.

STANDARD: Sind auch Sie so todesmutig?

Eichhorn: Nee. Aber ich bin risikobereit. Ich suche Situationen, bei denen man sich nicht hundertprozentig sicher ist, wie sie ausgehen werden.

STANDARD: Mitunter gingen Ihre Kunststücke auch nicht gut aus.

Eichhorn: Das stimmt. Als Kind habe ich mich fallen lassen, ich wollte irgendwie toll am Boden aufkommen. Aber ich habe mir dabei viele Knochen gebrochen.

STANDARD: Sie waren auch vom Rhönrad fasziniert. Das wurde bei der Olympiade in Berlin vorgestellt.

Eichhorn: Als Kind wusste ich natürlich nicht, dass es mit dem Nationalsozialismus zu tun hat. Im Sportverein gab es eben ein Rhönrad. Es hat etwas hergemacht. Und man musste schon Mut haben fürs Rhönrad. Ich war aber auch damit zu waghalsig. Ich hatte den Arm acht Wochen in Gips - und danach keine Lust mehr.

STANDARD: Schauspielerei verlangt wohl auch Mut?

Eichhorn: Finde ich schon. Es braucht Mut, sich auf die Bühne zu stellen und zu behaupten, man ist jetzt diese oder jene Figur.

STANDARD: Wann fiel für Sie die Entscheidung, nicht zum Zirkus zu gehen - sondern zum Theater?

Eichhorn: In der Waldorfschule wird ja viel Theater gespielt. Einmal haben wir Turandot aufgeführt. Da habe ich wirklich Blut geleckt. Ich war, glaube ich, 14.

STANDARD: Sie gaben Ihr Debüt 1989 an der Schaubühne im "Kirschgarten" in der Regie von Peter Stein. Ist das auch der Grund, warum Sie sich als "altmodische Schauspielerin" bezeichnen?

Eichhorn: Nein, dafür war die Zusammenarbeit mit Peter Stein zu kurz. Aber ich bin in einer aus heutiger Sicht altmodischen Umgebung groß geworden. Auch Andrea Breth, Klaus Michael Grüber oder Luc Bondy - ich habe in seiner Inszenierung von Peter Handkes Die Stunde da wir nichts voneinander wussten mitgespielt - sind keine Stückezertrümmerer.

STANDARD: Mitte der 1990er-Jahre kamen Sie zum Film: Sie drehten u. a. das Nachkriegsdrama "Drei Tage im April" von Oliver Storz und den Thriller "Der Sandmann".

Eichhorn: Ich bin da so reingerutscht. Film war nie mein Interesse. Das ist auch heute noch so. Film und Fernsehen sind zumeist nur Broterwerb. Mein Herz gehört dem Theater. Wenn ich mich entscheiden müsste: Dann würde ich mich für das Theater entscheiden. Beim Film kann man alles zehn- oder zwanzigmal machen. Aber nicht auf der Bühne.

STANDARD: Aber durch den Film sind Sie bekannt geworden.

Eichhorn: Das interessiert mich überhaupt nicht.

STANDARD: Und man verdient ungleich mehr.

Eichhorn: Das stimmt. Aber noch habe ich nicht dieses Sicherheitsdenken.

STANDARD: Sie waren zwar mehrfach Ensemblemitglied, aber immer nur für kurze Zeit. Aufgrund Ihrer Risikobereitschaft?

Eichhorn: Ja. Im Theater wird einem relativ schnell bewusst, dass man einfach zu funktionieren hat. Aber das kann und will ich nicht. Ich will mein Leben nicht danach ausrichten, wann die Proben und wann die Vorstellungen sind. Und die einzigen sechs Wochen, die man frei hat, sind im Sommer. Ich kann so nicht leben.

STANDARD: Waren Sie deshalb nur für eine einzige Produktion am Burgtheater?

Eichhorn: Nein, das hatte nichts mit dem Burgtheater oder Wien zu tun, sondern nur mit mir selber. Ich musste weg.

STANDARD: Sie spielten damals, 2002, Schillers "Jungfrau von Orleans": mit kurzen blonden Haaren, kampfeslustig und todesmutig.

Eichhorn: Die Johanna war sehr anstrengend, ich habe echt Federn gelassen. Manchmal hatte ich richtig Angst, dass ich eine Vorstellung kräftemäßig nicht schaffe.

STANDARD: Nun geben Sie Ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen ...

Eichhorn: Nein, ich war schon einmal da. Aber das ist lange her. 1992 hat Andrzej Wajda seinen Film Die Hochzeit am Landestheater als Stück inszeniert. Ich war damals an der Schaubühne und habe mitgespielt.

STANDARD: Wie kamen Sie zu "Ein Sommernachtstraum"?

Eichhorn: Durch Schauspieldirektor Sven-Eric Bechtolf. Er sagte mir mehrfach, dass er mich schätze. Und dann fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, da mitzumachen. Ich sagte sofort Ja, obwohl ich niemanden vom Team kannte. Das ist schon aufregend. Ein Team finden - und zusammen etwas hinkriegen: Das ist das Schönste!

STANDARD: Um die Rahmen- mit der Traumhandlung stärker zu verzahnen, operieren Regisseure gerne mit Doppelrollen. So auch diesmal: Sie spielen die Hippolyta und auch die Titania, die Königin der Elfen.

Eichhorn: Die beiden haben eine gewisse Ähnlichkeit. Sie wissen sehr genau, was sie wollen. Der Unterschied ist nur: Die eine, Hippolyta, ist sterblich, die andere, Titania, unsterblich.

STANDARD: Eignet sich der Residenzhof als Schauplatz?

Eichhorn: Ich finde ihn sehr schön. Als Bühnenbild setzt Jan Meier, der auch die Kostüme entworfen hat, ein Baugerüst ein: Man reißt Transparente weg, die den Hof gezeigt haben, und plötzlich ist man im Wald. Es gibt mehrere Ebenen und daher viele Möglichkeiten zum Spielen. Ein Sommernachtstraum schreit nach einem Spektakel - und das machen wir auch. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 3./4.8.2013)

Karoline Eichhorn (47), geboren in Stuttgart, studierte an der Folkwang-Schauspiel-Schule in Essen.

  • "Ich bin in einer aus heutiger Sicht altmodischen Umgebung groß geworden": Karoline Eichhorn arbeitete u. a. mit Peter Stein, Luc Bondy, Andrea Breth und Klaus Michael Grüber.
    foto: anne beckwilm

    "Ich bin in einer aus heutiger Sicht altmodischen Umgebung groß geworden": Karoline Eichhorn arbeitete u. a. mit Peter Stein, Luc Bondy, Andrea Breth und Klaus Michael Grüber.

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