"Der Islam ist in Westafrika politischer Faktor"

Interview3. August 2013, 10:00
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Der malische Präsidentschaftsfavorit IBK muss nach dem Stichwahlentscheid laut dem Afrika-Experten Gilles Holder um seinen Sieg bangen. Von der Idee des Laizismus müsse sich nicht nur Mali verabschieden

Standard: Bei der Präsidentschaftswahl in Mali gehen Ibrahim Boubacar Keïta, genannt IBK, und Soumaïla Cissé in die Stichwahl.

Holder: Ibrahim Boubacar Keïta war der klare Favorit des ersten Wahlgangs. In die Stichwahl zu müssen ist für ihn ein Rückschlag - denn jetzt ist er nicht mehr sicher zu gewinnen. Es könnte sich eine ganze Koalition gegen ihn bilden, angeführt von seinem Gegenspieler Soumaïla Cissé.

Standard: Was unterscheidet sie?

Holder: Cissé ist eher wirtschaftsliberal und macht sich für den ökonomischen Wiederaufbau stark. IBK verspricht die Wiederherstellung staatlicher Autorität; er gibt sich als paternalistischer Chef, der die Malier aus 18 bewegten Monaten mit Militärputsch, Tuareg-Rebellion und Krieg gegen die Jihadisten führen will.

Standard: IBK pflegt auch mit den Putschisten Kontakte.

Holder: IBK kritisierte den aufständischen Hauptmann Sanogo in der Tat nicht offen, weshalb er jetzt auch dessen Stimmen aus der Armee und dem einfachen Volk erhält. Darüber hinaus hat er es geschafft, sich als Mann der nationalen Einheit zu präsentieren. Erstaunlicherweise spricht er gleichzeitig Linksextremisten, autoritäre Militärkreise sowie religiöse Ultrakonservative an.

Standard: Welche Haltung nimmt IBK zu den Tuareg in der Wüstengegend des Landesnordens ein?

Holder: Er muss Rücksicht auf seine Wählerbasis im Süden nehmen, die in den Tuareg nur eine entfernte Minderheit und dazu eine Gefährdung der nationalen Einheit sieht. Die internationale Gemeinschaft wird ihn anhalten, ein Autonomieabkommen mit den Tuareg zu schließen, doch mit Blick auf den malischen Patriotismus wird das schwierig sein.

Standard: Sie sagen, IBK werde von ultrakonservativen Moslems unterstützt. Von der Minderheit der Wahhabiten saudischer Herkunft?

Holder: Ja, wobei diese Wahhabiya malisch geprägt ist; sie existiert in Mali seit 70 Jahren und nimmt keine Anweisungen aus Saudi-Arabien entgegen. Es handelt sich um Salafisten, die sich am demokratischen Spiel beteiligen.

Standard: Was wollen sie?

Holder: Sie trennen die Religion nicht von der Politik und streben eine islamische Republik an. Sie sind zwar eine Minderheit, aber sie dominieren den Hohen islamischen Rat Malis (HCIM).

Standard: Ist das Eindringen der Religion in die malische Politik eine indirekte Folge des Krieges gegen die Jihadisten im Norden?

Holder: Nein, der Islam hatte schon vor 20 Jahren begonnen, die Politik zu ersetzen, weil der demokratische Prozess nicht mehr funktionierte. Es fällt in ganz Westafrika auf, dass der Islam ein politischer Faktor geworden ist.

Standard: Werden die Länder Westafrikas langfristig islamische Republiken?

Holder: Die Westafrikaner identifizieren sich heute weniger über die Politik als über die Religion. Anstatt an einer laizistischen Fiktion festzuhalten, wäre es besser, die religiösen Verbände ins demokratische Spiel einzubeziehen. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 3.8.2013)

Gilles Holder (49) ist Anthropologe an der französischen Forschungsstätte CNRS und Mitarbeiter des Zentrums für afrikanische Studien in Paris. 

  • Wahlplakat von IBK. Er muss um den Sieg bangen.
    foto: reuters/penney

    Wahlplakat von IBK. Er muss um den Sieg bangen.

  • Gilles Holder: "Der Islam hatte schon vor 20 Jahren begonnen, die Politik zu ersetzen."
    foto: privat

    Gilles Holder: "Der Islam hatte schon vor 20 Jahren begonnen, die Politik zu ersetzen."

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