Wahlkampfszenen

2. August 2013, 18:16
15 Postings

Als "Mann der klaren Worte" ist Spindelegger bisher eher seiner Partei auf den Wecker gegangen als der Öffentlichkeit aufgefallen

Weil Wahlkampf ist und darob nicht vergessen werden soll, dass Michael Spindelegger nicht nur durchschlagskräftiger ÖVP-Obmann und Möchtegern-Finanzminister, sondern angeblich auch Außenminister ist, haben sich vorigen Sonntag "Die Presse" und der "Kurier" zu einer gemeinsamen Hilfsaktion zusammengetan. Gemeinsam führten sie ein Doppelinterview, in dem sich Spindelegger und sein deutscher Amtskollege Guido Westerwelle vor der Kulisse Salzburgs weltpolitisch aneinander emporrankten. Wie der etwas ausführlicheren Version in der "Presse" zu entnehmen war, ließ es Westerwelle nicht an Kühnheit fehlen, wo es um die Schnüffeleien der US-Geheimdienste ging. Geradezu frech konstatierte er: "Es gibt erste Aufklärungsbemühungen. Aber die Antworten waren bisher nicht ausreichend". Völlig unverständlich, denn: "Seit Bekanntwerden der Vorwürfe hat die deutsche Bundesregierung vorbildlich auf Aufklärung gedrängt."

Da wollte sich Spindelegger nicht lumpen lassen. "Was wir bekommen haben, war eine mündliche Berichterstattung des US-Botschafters in Abstimmung mit der US-Regierung. Auch für uns ist das natürlich noch nicht das, was wir uns erwarten von Partnern: dass sie uns nämlich klar sagen, was wirklich getan wurde." Die Amerikaner ließen bisher noch kein Zeichen von Erschütterung ob solcher unziemlichen Neugier zweier europäischer Außenminister erkennen. Vermutlich denken sie sich derweil mit Spindelegger, die beiden werden es schon "erwarten", und bis dahin sollen sie ruhig "auf Aufklärung" drängen, aber gefälligst "vorbildlich".

Den wichtigsten Teil des Interviews, weil auf die gleichzeitig laufenden Wahlkämpfe bezogen, hat der "Kurier" leider unterschlagen, weshalb die Frage: "Ist Außenminister eine Position, in der man sich so profilieren kann, wie das im Wahlkampf erwartet wird?" der "Presse" zu stellen vorbehalten blieb. Westerwelle drückte sich vor einer Antwort, indem er sich auf "das Privileg" - welches? - berief, "alle Fragen, die in Richtung Parteivorsitzenden gehen" - was die gestellte Frage nicht tat -, "an meinen Freund neben mir weiterzugeben".

Der, nicht faul, übernahm sie geschmeichelt. "In der Vergangenheit war Guido Westerwelle als erfahrener Wahlkämpfer auch ein Mann der klaren Worte. Und", von diesem Vorbild beflügelt, "sie werden sehen: Ich bin ein Mann der klaren Worte. Und im Wahlkampf werde ich das, egal ob ich jetzt Außenminister bin oder nicht" - also ist er's jetzt oder nicht? -, "in der innenpolitischen Szene durchaus an den Tag legen."

Als "Mann der klaren Worte" ist Spindelegger bisher eher seiner Partei auf den Wecker gegangen als der Öffentlichkeit aufgefallen. Aber das kann sich ändern, wenn er dieselben "durchaus in der innenpolitischen Szene" an den Tag legt. Dort können sie dann liegen bleiben, bis er sich entscheidet, ob er "jetzt Außenminister" ist "der nicht". Als Frau der "klaren Worte" hat sich hingegen Ursula Stenzel erwiesen, die Mittwoch, ebenfalls in der "Presse", klipp und klar feststellte: "Die ÖVP ist zu liberal." Dieser Verdacht drängt sich "in der innenpolitischen Szene" schon lange auf.

Weil Wahlkampf ist, hat sich das freiheitliche Kampfblatt "Zur Zeit" nun zu einer Wahl-Sondernummer aufgerafft, auf deren Titelblatt mehr versprochen wurde als "klare Worte", nämlich eine "Entscheidung für Österreich: Ab nun wird scharf geschossen". Und damit nicht unklar bleibt, wie es gemeint ist, sind in einer Fotomontage der Bundeskanzler und sein selbsternannter Herausforderer dargestellt, beide mit einer Pistole gerüstet. Strache kann die juvenile Sehnsucht nach der schönen Zeit beim Paintball einfach nicht unterdrücken. Dazu trägt er einen Smoking samt passendem Mascherl, um James Bond möglichst ähnlich zu sehen. Das breite Zahntechnikergrinsen passt nicht zu der erträumten Rolle, kann sich aber als Werbung für den Brotberuf sehen lassen.

Diese Woche hat ihm eine blaue Neuerscheinung den Rang des Parteifeschaks abgelaufen, ohne Pistole. Ohne besonders ersichtlichen Anlass tauchte Sonntag plötzlich die Tochter Norbert Stegers als freiheitliche Kandidatin für die Nationalratswahl in den Medien auf. "Die Presse", "Kurier", "Österreich", "Profil" witterten neues Leben in der von Frank Stronach angekratzten Partei. Der Vater legt Wert auf die Feststellung: "Ich war nicht dafür". Aber die Tochter hat das Wichtigste fürs neue Leben schon kapiert. "Man versucht, die FPÖ in ein Eck zu stellen, in das sie nicht hingehört." - Selbstmitleid. (Günter Traxler, DER STANDARD, 3./4.8.2013)

  • Michael Spindelegger wollte sich im Doppelinterview mit Guido Westerwelle nicht lumpen lassen.
    foto: apa/helmut fohringer

    Michael Spindelegger wollte sich im Doppelinterview mit Guido Westerwelle nicht lumpen lassen.

Share if you care.