Alarm um das Weltkulturerbe Semmering

2. August 2013, 20:12
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Der Streit um den Semmeringtunnel ist um eine Facette reicher: Alliance for Nature sieht die 8800 Hektar Welterbe "Semmeringbahn" bedroht und kündigt Alarm beim Internationalen Rat für Denkmalpflege, Icomos, an

Wien – Spät, aber doch könnte der 2005 beschlossene Bau des Semmeringbahntunnels für das Welterbe Semmeringbahn doch noch zur Gefahr werden. Denn die Landschaftsschutzorganisation Alliance for Nature (AFN), 1998 maßgeblich an der Aufnahme der Ghega-Bahn in die Welterbeliste beteiligt, bereitet eine Stellungnahme vor, um beim Internationalen Rat für Denkmalpflege (Icomos International; Beratungsgremium der Unesco) einen "World Heri­tage Alert" auszulösen.

Rote Liste für bedrohtes Welterbe

Mit einer solchen Alarmmeldung soll öffentlich auf Gefahren für das Welterbegebiet aufmerksam gemacht werden, bestätigt der gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Naturschutz und Landschaftsökologie Christian Schuhböck, der auch als AFN-Generalsekretär fungiert. Die Folge könnte die Aufnahme in die Rote Liste für bedrohtes Welterbe sein.

Ausschlaggebend für den Alert seien jüngst vorgenommene Änderungen auf der im Internet pu­blizierten Welterbeliste, deren Titel nun "Semmeringbahn" lautet statt "Semmeringbahn mit umgebender Landschaft", wie bis Mitte Juni auf der deutschen Unesco-Homepage nachzulesen war. Begründet wurde die Verkürzung im Kulturministerium damit, dass die umgebende Landschaft "nie Teil des Welterbes" gewesen sei. Sprecher Raimund Lang sprach sogar von einer "bedauerlichen Fehlinformation, die sich eingeschlichen" habe. Der Irrtum werde nun bereinigt.

Diesen "Irrtum" kann Sachverständiger Schuhböck, seit 1992 an der Erhebung der Semmeringbahn auf die Welterbeliste maßgeblich beteiligt, nicht nachvollziehen: "Die Republik Österreich hat 1995 bei der Unesco eine Dokumentation mit dem Titel 'Semmering railway – cultural site – Semmeringbahn – Kulturlandschaft' nominiert." Da Österreich damals keine Spezifizierung des Welterbes vornahm, habe Icomos den außergewöhnlichen universellen Wert mit der technischen Umsetzung der Überwindung des Gebirges in der Frühzeit der Eisenbahn einerseits und der Schönheit der Kulturlandschaft samt Besiedlung (Villen, Hotels) begründet, die durch den Bahnbau über den Semmering erschlossen wurde. So sah das in der Folge auch das Unesco-Welterbe-Komitee und empfahl die Aufnahme der Ghega-Bahn – als erste Bahn weltweit – in die Welterbeliste, was im Dezember 1998 in Kioto auch geschah.

Managementplan macht Probleme

Gravierendere Probleme macht Welterbeschützern der im Juli 2010 im Auftrag des Vereins Freunde der Semmeringbahn erstellte "Managementplan Welterbe Sem­meringbahn". Mit diesem Plan, einer Art Handlungsanleitung für Schutz und Entwicklung des Welterbegebiets, wie sie die Unesco grundsätzlich befürwortet, bahnen sich tiefschürfende Veränderungen an.

Im Vorfeld der Umweltverträglichkeitsprüfung für den Semmeringbasistunnel wurde das 8800 Quadratmeter große Gebiet nämlich in Kern- und Pufferzone (siehe Grafik) geteilt. Kernzone ist ein 156 Hektar schmaler Streifen mit den Gleisanlagen der Ghega-Bahn Gloggnitz–Mürzzuschlag. Der große Rest ist Pufferzone mit vier unterschiedlichen Wertigkeiten und weniger schutzwürdig. Während Österreichs Unesco-Kommission die Zonierung als notwendig und im Rahmen des "Retrospec­tive Inventory Project" 2009 auch vom Welterbe-Komitee abgesegnet rechtfertigt, sieht AFN Pa­ragraf 165 der Unesco-Richtlinien verletzt. Dort heißt es: "Wünscht ein Vertragsstaat die Grenzen eines bereits in der Liste des Erbes der Welt eingetragenes Gut bedeutend zu ändern, so hat der Vertragsstaat diesen Vorschlag wie eine Neuanmeldung einzureichen. Diese Bestimmung gilt für Erweiterungen so wie für Verkleinerungen."  (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 3./4.8.2013)

  • Zählt nur die Ghegabahn zum Weltkulturerbe oder auch das schöne Umland?
    foto: alliance for nature

    Zählt nur die Ghegabahn zum Weltkulturerbe oder auch das schöne Umland?

  • Überblick über das 8800 Quadratmeter große Gebiet.
    grafik: der standard

    Überblick über das 8800 Quadratmeter große Gebiet.

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