Poesie gegen den Zeitdruck

2. August 2013, 17:14
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William Kentridge fordert "Refuse the Hour"

Wien - Die Zeit selbst kann nichts dafür. So viel ist klar. Aber für uns existiert eben keine Zeit außerhalb unserer Zeit-Erfahrung. Refuse the Hour ist das Rezept des südafrikanischen Künstlers William Kentridge gegen den Konflikt, den das Zeitmanagement einer sich ins Posthumane verabschiedenden Gesellschaft mit sich bringt. Zu sehen ist sein Stück, eine Mischung aus Theater-, Musik- und Tanzperformance, bis Sonntag bei Impulstanz im Volkstheater.

Wenn in der Kunst von Zeit die Rede sein soll, dann liegt es nahe, sich an den Tanz zu wenden. Denn da ist die Frage, wie Dinge im Raum und in der Zeit zu organisieren sind, sozusagen das Grundkonzept. Mit der Choreografin Dada Masilo hat der bildende Künstler und Animationsfilmer eine adäquate Partnerin für diese Arbeit gefunden.

Bewegt war bereits Kentridges Multimedia-Installation Refusal of Time, die im Vorjahr bei der Documenta 13 viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Kentridge hat sich danach den Wunsch erfüllt, diese Arbeit fortzuführen und sie in ein größeres Bühnenwerk zu übersetzen. Zum Glück für sein Publikum, das die österreichische Erstaufführung mit viel Applaus und Bravo-Rufen quittierte. Denn Kentridge schaffte es mit Masilo, dem Musiker Philip Miller, einem gefühlvollen Live-Orchester, charismatischen Sängern sowie der gewitzten Videokünstlerin Catherine Meyburgh, eine bezaubernd leichte Performance hinzulegen.

Die ausgesuchten, sehr individuellen Figuren auf der Bühne, die immer wieder eingeblendeten Videos oder auch der Künstler selbst, der seine Ideen in Form von Geschichten und Gleichnissen aus einem Buch vorliest, machen Refuse the Hour zu einer äußerst zugänglichen Erfahrung.

Ein wenig nostalgische Atmosphäre verbreiten die einfachen Geräte, die Kentridge als zusätzliche "Darsteller" einsetzt. Eine unter der Decke schwebende Band aus automatisch bespielten Instrumenten gehört ebenso dazu wie allerlei Trichter zur Stimmenverstärkung und ein sich drehendes Podest für Masilo, wenn sie sich in die Statue einer konstruktivistischen Tänzerin verwandelt. Da dreht Kentridge selbst an der Kurbel, um diesem pathetischen Monument der Moderne seinen verdienten Spin zu verleihen.

Würden wir von Refuse the Hour lernen wollen, dann die Einsicht, dass der Druck, unter den wir uns gegenseitig setzen, keine Angelegenheit der Zeit ist. So ist Widerstand gegen die Beschleunigung der Lebenswelt nichts anderes als ein Kampf gegen Machtsysteme. Kentridge setzt eine starke Waffe dagegen: die Umwandlung von Stress-Logiken in solche der Poesie und der Philosophie. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 3./4.8.2013)

  • Nostalgische Atmosphäre: William Kentridge.
    foto: herbert neubauer

    Nostalgische Atmosphäre: William Kentridge.

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