Andritz führt in Türkei eigene Schule

Reportage4. August 2013, 16:36
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Da die Qualifikation türkischer Handwerker schlecht ist, hat der Anlagenbauer Andritz eine eigene Ausbildungsstätte eröffnet

Mardin - An einer der Türen zu den Klassenzimmern hängt das Bild eines Schweißers in voller Montur mit einem Dutzend Erklärtafeln dazu. "Wir nerven sie wirklich", sagt Mario Brantner: Helm muss sein, Sicherheitsschuhe, Handschuhe, Arbeitsschurz. Gebaut und geschweißt wird Tag und Nacht in der Türkei und sieben Tage die Woche. Nur an der Ausrüstung und am Bewusstsein für die Sicherheit am Arbeitsplatz hapert es bisweilen im Boomland Türkei, sagt der Mann von Andritz. Dann wird schnell einmal irgendwo geschweißt - in Flip-Flops und ohne Schutzbrille. Alles schon gesehen.

Hohe Jugendarbeitslosigkeit

Der Turbinenhersteller Andritz - in der Kritik wegen seiner Beteiligung am umstrittenen Ilisu-Staudammprojekt im Südosten der Türkei - hat in Mardin, nahe der Grenze zu Syrien, eine kleine Lehrlingsstätte aufgemacht und ist damit in eine Lücke des Wirtschaftsmodells Türkei vorgestoßen. Denn auch wenn der türkische Markt groß geworden ist und die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht hat, bleiben Mängel: Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch - um die 40 Prozent in der Region Mardin -, Qualifikation und Verdienst im Handwerk sind in der Regel gering. 1.200 Lira vielleicht, umgerechnet knapp 500 Euro, verdient ein Maschinenschlosser in Istanbul in den ersten Berufsjahren. Zu wenig für ein Leben in der Großstadt.

Um die 800 Lira - etwa 320 Euro - zahlen Betriebe in Mardin im Südosten des Landes; damit kommen junge Türken in der Provinz noch eher über die Runden, sofern sie bei ihren Familien leben. Entsprechend gering ist deshalb die Mobilität.

Eigen- und Fremdbedarf

Andritz eröffnete seine Lehrlingsstätte im Frühjahr 2012 und hat gerade das zweite Semester von 35 Schweißern, Maschinenschlossern und Elektrikern entlassen. Schulschluss wäre eigentlich mit Ende des Ramadan am 7. August gewesen. Doch ein türkisches Unternehmen hat zum 1. Juli bereits alle zwölf Elektriker übernommen. Mario Brantner freut das natürlich. "Ein sehr großer Erfolg für uns", sagt er. Sieben Schlosser stellt Andritz bei der Baustelle in Ilisu ein, wo der türkische Staat trotz eines gerichtlichen Stopps vom Jänner weiterarbeiten lässt; alle anderen Absolventen der Andritz-Schule sind auch schon vermittelt.

Fehlende Praxis

Auch das Weiterbildungsinstitut der österreichischen Wirtschaftskammer (Wifi) hat mittlerweile eine Vertretung in der Türkei gegründet und bietet Unternehmen Kurse für deren Arbeitnehmer an. Der Bedarf an Ausbildung sei groß, gibt Mehmet Iyem zu, ein pensionierter Lehrer, der die kleine Schule von Andritz im Industriegebiet zwischen den Städten Mardin und Kiziltepe leitet. Die Mehrzahl der jungen Türken, die ins Handwerk gehen, besucht ein Berufsgymnasium nach acht Jahren Grundschule. Absolventen können im Prinzip sofort einen eigenen Betrieb eröffnen und vergleichbar mit der Qualifikation eines Meisters arbeiten.

In der Theorie wissen sie sehr viel, aber in der Praxis sind sie oft schwach, haben die Manager von Andritz festgestellt. In den türkischen Berufsschulen fehlen zudem die modernen Maschinen. Die Ausbildung im Betrieb wiederum hat keinen guten Ruf. Lehrprogramm und Bezahlung hängen vom Meister ab, als besser gilt die duale Ausbildung in Betrieben, die mit den Schulen zusammenarbeiten.

Drei Jahre soll die Schule von den Österreichern gemanagt werden; sie ist ein Dankeschön an den türkischen Staat für die diversen Projekte, aber auch ein Pool für neue Andritz-Arbeiter. Dann wird die Schule das türkische Bildungsministerium übernehmen. Taschengeld von 450 Lira, Kleidung und Unfallversicherung zahlt derzeit Andritz. (Markus Bernath aus Mardin, DER STANDARD, 3.8.2013)

  • Die Mitarbeiter in der Andritz-Lehrwerkstatt sind gefragt: Zum Teil setzt sie das Unternehmen aber auch für eigene Projekte ein.
    foto: standard/bernath

    Die Mitarbeiter in der Andritz-Lehrwerkstatt sind gefragt: Zum Teil setzt sie das Unternehmen aber auch für eigene Projekte ein.

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