Gelandet in der Seestadt Aspern

2. August 2013, 17:43
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Ein gemeinsamer Kraftakt von Gemeinde, Sozialbau, Erste Bank und Vienna Insurance Group ermöglichte es, dass dort Mietwohnungen entstehen

Die Stadt Wien war 2011 in einer mehr als unlustigen Situation. Die Verlängerung der U2 nach Aspern schritt zügig voran, die Eröffnung der zwei neuen Stationen im Herbst 2013 stand also kurz bevor – "und rund herum war die Pampa", wie es Sozialbau-Chef Herbert Ludl salopp formuliert. Es drohte die Katastrophe: Die U2 ist in Betrieb, aber weit und breit keine Wohnungen, die hätten besiedelt werden können, weil das Geld für die Wohnbauförderung fehlte.

"Viel schneller und deutlich billiger"

Aus der Not heraus gelang im Frühling 2011 eine bisher einzigartige Neubauoffensive: Unter der Koordination der Gemeinnützigen Sozialbau haben die Vienna Insurance Group (VIG), die Erste Bank und die Gemeinde Wien statt des bisher bei geförderten Wohnungen vorgeschriebenen Bauträgerwettbewerbs ein kooperatives Verfahren entwickelt. Dieses ermöglicht, dass die Zusammenarbeit aller am Bau Beteiligten "gleich gute, wenn nicht bessere Ergebnisse bringt wie das übliche Gegeneinander im Wettbewerb", schildert Ludl aus der Praxis. Im Übrigen sei dieses Verfahren "viel schneller und deutlich billiger". Zudem gelang es, freifinanzierte Wohnungen zu bauen, die nicht teurer sind als geförderte Wohnungen.

Voraussetzung war zunächst, dass eine Gesellschaft namens Gelup (gehört je zu einem Drittel der Wirtschaftsagentur der Stadt Wien, der VIG und der Erste Bank) die Gründe in Aspern zur Verfügung stellte. Die Erste Bank und VIG kauften diese der Gelup ab und vergaben die Grundstücke via Baurecht an die neun Bauträger, die sich an dieser Initiative beteiligten.

Seit Mai 2013 entstehen nun in der ersten Ausbaustufe 1600 Wohnungen in Aspern. Davon fallen allein 727 auf die Sozialbau-Gruppe, die wiederum die Hälfte davon dem Wohnservice Wien zur Verfügung stellen muss. Durch den Druck aus dem Rathaus und eine professionelle Projektentwicklung gelang es zudem, die notwendigen behördlichen Genehmigungen rasch zu bekommen: Was bei Wohnbauprojekten im geförderten Bereich fünf bis sieben Jahre dauert (vom Grundkauf bis zum Baubeginn), schafften die Proponenten in Aspern in zwei Jahren, so Ludl. Die ersten Wohnungen werden bereits Ende 2014 bezugsfertig sein. Die kleinste Wohnung hat 50 m², die größte um die 100 m². Weil sie nicht gefördert sind, entfällt auch der Einkommensnachweis.

Neues Finanzierungsmodell

Die Baukosten dürfen wie auch im geförderten Wohnbau 1590 Euro/m² nicht überschreiten. Durch ein neues Finanzierungsmodell wird die Miete in den ersten zehn Jahren mit 6,10 Euro/m² (inklusive Baurechtszins, exklusive Betriebskosten) gedeckelt. An Eigenmitteln müssen die Mieter 150 Euro/m² investieren – wer mehr Eigenmittel hat, für den reduziert sich die Miete. Wie bei der "Autobestellung" gibt es eine Aufstellung, was Sonderwünsche bei der Ausstattung kosten.

Die Baukosten konnten auch dadurch reduziert werden, dass nicht wie sonst vorgeschrieben für jede Wohnung eine Garage gebaut werden musste. Die Garagenplätze befinden sich auch nicht unter dem jeweiligen Haus – man entschied sich für eine Sammelgarage, die von Wipark betrieben wird. Die Monatsmiete kostet indexiert 81 Euro im Monat. Kurzparker zahlen 1,50 Euro pro Stunde. Im gesamten öffentlichen Bereich gibt es keine Parkplätze.

Schulcampus und Studentenheim

Sozialbau errichtet pro Wohnung drei bis vier Fahrradabstellplätze. Ab März 2015 wird der Kindergarten fertig sein. Der Betrieb des Schulcampus beginnt im September 2015, auch ein Studentenheim wird gebaut.

Eine Tochter des Handelsriesen Spar wurde mit der Erstellung des Branchenmixes für diverse Nahversorger beauftragt. Es wird nur einen Eurospar mit 1500 m² geben.

Die Vergabe der Wohnungen startet demnächst. Den Namen Seestadt bekam Aspern übrigens durch den fünf Hektar großen Grundwassersee, in dem Wildbaden erlaubt sein wird. Insgesamt sollen in der Seestadt in den Folgejahren 20.000 Menschen in 8500 Wohnungen untergebracht sein. "Pioniergeist ist jedenfalls gefragt", so Ludl. (Claudia Ruff, DER STANDARD, 3./4.8.2013)

Wissen: Vom Flugfeld zur Seestadt

Das Gebiet der heutigen Seestadt Aspern wurde 1880 als Flugfeld konzipiert. 1912 wurde auf dem Gelände der Wiener Flughafen errichtet, der damals zu den größten und modernsten in Europa zählte. Während der beiden Weltkriege war das Flugfeld ein Luftwaffenstützpunkt.

Nach dem Abzug der Roten Armee, die den Flugplatz zehn Jahre lang als Stützpunkt genutzt hatte, wurden die Anlagen noch einmal instand gesetzt und für unterschiedlichste zivile fliegerische Zwecke genutzt - so wurden etwa während des Ungarnaufstandes 1956 Sanitäts- und Erkundungsflüge durchgeführt.

Mit dem Ausbau von Schwechat wurde der Flughafen 1977 geschlossen. Nach der Ostöffnung 1989 und dem erwarteten Zuzug wurde das Flugfeld umgewidmet und für 10.000 Bewohner und 6000 Arbeitsplätze konzipiert. Mangels Geldes wurde bis heute nicht gebaut. Damals fiel auch die Entscheidung für den Ausbau der U-Bahn. 1982 nahm General Motors in einem neu errichteten Werk seinen Betrieb auf. Derzeit arbeiten 2000 Beschäftigte im Dreischichtbetrieb in der Produktion von Motoren und Getrieben. (cr)

  • Wohnraum, Arbeit und Freizeitgestaltung soll die Seestadt den Bewohnern bieten. Ein gewisser Pioniergeist sollte mitgebracht werden.
    visualisierung: sozialbau

    Wohnraum, Arbeit und Freizeitgestaltung soll die Seestadt den Bewohnern bieten. Ein gewisser Pioniergeist sollte mitgebracht werden.

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