Fahrstuhl zum Bankrott

2. August 2013, 20:13
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Verstrickt in das Finanzsystem: Sascha Reh schreibt mit "Gibraltar" einen Roman der "Generation Occupy"

"Was ist mit dem Geld?" Knapper als mit dieser Frage könnte man jene Krise, die seit über einem halben Jahrzehnt das Vertrauen in die Zukunft unserer Gesellschaft zersetzt, wohl kaum charakterisieren. In Sascha Rehs zweitem Roman Gibraltar wird sie von Thomas Alberts gestellt, dem verlorenen Sohn des Bankenpatriarchen Johann Alberts. Letzteren hat die plötzliche Pleite seiner Bank gleich aufs Sterbebett befördert. Gerichtet ist Thomas' Frage aber an seinen Nachfolger Bernhard Milbrandt, nachdem Thomas ihn in seinem spanischen Versteck aufgespürt hat.

Während der leibliche Sohn für die Bankgeschäfte des Vaters seit Jahren nur Verachtung übrighat, ist Bernhard, Johanns Ziehsohn, bis zu seiner Flucht als Spekulant ein Überzeugungstäter gewesen. Einer dieser bösen Banker, von denen es heißt, sie stürzten ganze Volkswirtschaften in den Abgrund. Indem sie deren Staatsanleihen "leer" verkaufen, also auf fallende Kurse setzen. Bernhard selbst beschreibt seine Tätigkeit so: "Ich kaufe billig Handgranaten ein und ziehe die Sicherungssplinte. Dann verkaufe ich sie möglichst teuer weiter. Wer die Granaten noch hat, wenn sie explodieren, hat verloren."

Verkaufte Handgranaten

Bei den verkauften Handgranaten handelt es sich um geliehene griechische Staatsanleihen. Bernhard wettet für das fiktive Bankhaus Alberts und Co im großen Stil auf eine Pleite Athens. Am Ende explodieren die Granaten wirklich, nur anders als gedacht. Als 2010 allen EU-Verträgen zum Trotz Griechenland erstmals "gerettet" wird und sich seine Anleihen vorübergehend erholen, muss die traditionsreiche Berliner Privatbank die Anleihen teuer zurückkaufen - und geht bankrott.

Ehe Bernhard untertaucht, zweigt er noch etliche Millionen für sich selbst ab. Und versteckt sich, ausgerechnet, in einer der vielen seit der Finanzkrise halbfertig gebliebenen Appartementanlagen an der spanischen Küste, um von dort aus das unterschlagene Vermögen über eine Offshore-Bank auf Gibraltar in Sicherheit zu bringen. Der Titel Gibraltar steht damit für die Utopie, die allumfassende "Verschuldungskette" durchbrechen zu können, die sämtliche Figuren des spannend zu lesenden Romans miteinander verbindet - und die selbstverständlich Utopie bleiben wird.

Man sieht: So aktuell wie bei Sascha Reh, Jahrgang 1974, ist die deutsche Gegenwartsliteratur selten. Gibraltar setzt den Trend zum Wirtschaftsroman fort, nach Werken von Rainald Goetz oder Nora Bossong. Wie schon in seinem vielgelobten Debüt Frühling (2011) greift Sascha Reh auch diesmal zum Mittel der Multiperspektivität. In sechs Kapiteln lässt der nebenberuflich als Familientherapeut arbeitende Autor sechs Figuren zu Wort kommen: Neben Thomas und Bernhard sind dies noch Thomas' Eltern Johann und Helene sowie Bernhards schizophrene Stieftochter Valerie, die einst Thomas' Patientin war, und deren lebensgierige Mutter Carmen.

Stilistisch unterscheiden sich die Figurenkapitel in ihrem psychologischen Realismus nur wenig, abgesehen von der eindrucksvollen Darstellung der Innensicht Valeries, die sich dauernd gegen die imaginären Vorwürfe diverser "Aktionäre" wehren muss, und der wenig glaubwürdigen Rechtfertigungssuada des komatösen Johann Alberts. Jedes Kapitel ist in Unterkapitel gegliedert; bezeichnenderweise sind sie nach Art einer abwärts zählenden Fahrstuhlanzeige markiert. Tatsächlich wird die Story mit jeder weiteren Figurenperspektive abgründiger, treten immer neue Abhängigkeiten, Manipulationen und schuldhafte "Verstrickungen" zutage.

Dass Gibraltar auf überzeugende Weise modellhaft zeigt, wie sehr letztlich (wir) alle mit dem Finanzsystem verstrickt sind und, bei aller Kritik, von ihm profitieren, macht ihn zum Roman jener Generation Occupy, deren ratlose Empörung genauso wohlfeil ist wie das Kunstblut, mit dem Valerie am Ende vor Gericht ihren Stiefvater überschüttet.   (Oliver Pfohlmann, Album, DER STANDARD, 3./4.8.2013)

Sascha Reh, "Gibraltar". € 22,95 / 464 Seiten. Schöffling, Frankfurt am Main 2013

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    foto: schöffling
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