Chinas Dominanz in Deutschland

2. August 2013, 18:29
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Fazit zum Verlauf des ersten Halbjahres in Deutschland: deutscher Expressionismus den Deutschen, Chinesisches den Chinesen. Ein Trend, der die Kassen füllte

Das schafft wohl nur der Kunstmarkt, eine mitunter schwer berechenbare Diva - und dies sogar in Deutschland: Ein kleines Teekännchen warf einen mächtigen Ereignisschatten auf das Auktionsterrain des ersten Halbjahres 2013. Denn zum Topseller aller Angebotssparten wurde eine nur dreizehn Zentimeter hohe kunsthandwerkliche Porzellanschönheit aus der Yongzheng-Periode (1723 bis 1735).

Die kaiserliche "Doucai"-Kanne schraubte sich bei Nagel (Stuttgart) dank des regen Bieterinteresses vom 800.000-Euro-Aufruf auf unglaubliche 3,73 Millionen (inkl. Aufgeld). Teekännchen scheinen also vom rückläufigen chinesischen Wirtschaftswachstum nicht betroffen zu sein und wanderte dieses ins Reich der Mitte heim. Ein Rückführungstrend, der sich bereits vor Jahren und nicht nur bei deutschen Ostasiatika-Offerten im Topsegment etablierte.

Nagel platziert nicht weniger als sechs (!) chinesische Treffer - vom Buddha übers Lackkabinett bis zur Pilgerflasche - in das Ranking der 15 höchsten seit Anfang des Jahres in Deutschland erzielten Zuschläge. Nimmt man das bei Lempertz (Köln) unter den Erwartungen (1,09 Mio., Ohne Titel, Serie Mask, 2000) versteigerte Werk des teuersten chinesischen Gegenwartskünstlers Zeng Fanzhi hinzu - der Künstlerweltrekord notiert derzeit bei 6,8 Millionen (2008, Christie's Hongkong, Mask series 1996 No. 6) -, dann scheint "Chinesisches" das erste Halbjahr in Deutschland zu dominieren.

Wählerische Klientel

Die deutschen Kunstmarkteinkäufer agierten demnach hauptsächlich aus der zweiten Reihe, wiewohl man sich auf die Fraktion süddeutscher Sammler und die expressionistischen Blue Chips verlassen konnte.

Im Zuge der ersten (mit Neumeister und Karl & Faber) Münchner Auktionswoche, samt spürbarem Synergieeffekt, geriet Ketterer (München) geradezu in Champagnerlaune. Der Hauptgrund war ein doppelseitig bemaltes Werk Ernst Ludwig Kirchners, gleichsam eine Gesamtwerk-Klammer im Doppelpack: einerseits Mit Katzen spielende Mädchen (1907), in den gestrichelten Wirbeln des Spätimpressionismus, und andererseits ein Paar in Kirchners neusachlich- expressionistischer Handschrift (1927). Die dafür erzielten 1,74 Millionen markieren den höchsten Zuschlag für ein Gemälde seit Anfang des Jahres. Wählerisch gab sich die Klientel hingegen bei Villa Grisebach (Berlin), wo man für Emil Noldes Landschaft mit Regenwolken bei 1,22 Millionen den vorläufig teuersten Besitzerwechsel verbuchte, während anderes (u. a. Otto Müller) mit Liebesentzug abgemahnt wurde.

Auch bei Karl & Faber (München) rangiert ein Nolde-Werk an der Spitze, konkret ein Aquarell mit Mohnblumen, das für 240.000 Euro in den deutschen Handel ging. Etwas enttäuschend die Bilanz bei Neumeister (München): Stilpluralist Johann Georg Müller gefiel besser als die angekündigten Starlots von Lovis Corinth und Emil Nolde. Für Corinths Porträt Julie Krüger (Taxe 80.000-120.000) und Noldes Winterlandschaft im Engadin (100.000-120.000) laufen dem Vernehmen nach seit Wochen intensive Nachverhandlungen mit musealen Institutionen.

Fazit: deutscher Expressionismus den Deutschen, was sich letztlich auch in den Umsätzen der Auktionshäuser niederschlug. Ketterer verbuchte mit 19,6 Millionen Euro (+6 Mio. ggb. 2012) einen historischen Halbjahres-Höchstwert, ebenso erging es Nagel mit 26 Millionen. Bei Lempertz liegt man nach sechs Monaten bei 21 Millionen (exkl. Monaco, Juwelen), während Villa Grisebach bei insgesamt 19,9 Millionen hält.

Auf 5,3 Millionen Euro belief sich wiederum der bei Auctionata (Berlin) aus Auktionen und Verkäufen aus dem Webshop generierte Umsatz. Immerhin bescherte der 1,82-Millionen-Zuschlag für Egon Schieles Aquarell Liegende (1916) den zweiten Platz im Ranking der höchsten seit Anfang des Jahres in Deutschland verzeichneten Zuschläge. (Roland Gross, Album, DER STANDARD, 3./4.8.2013)

  • Das 3,73 Millionen Euro teure chinesische Teekännchen (18. Jh.) führt die Liste der Topzuschläge an.
    foto: nagel auktionen

    Das 3,73 Millionen Euro teure chinesische Teekännchen (18. Jh.) führt die Liste der Topzuschläge an.

  • Ernst Ludwig Kirchner ("Mit Katzen spielende Mädchen", 1,74 Mio.) nominierte man zum teuersten deutschen Expressionisten.
    foto: ketterer kunst

    Ernst Ludwig Kirchner ("Mit Katzen spielende Mädchen", 1,74 Mio.) nominierte man zum teuersten deutschen Expressionisten.

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