Ilija Trojanow: Gibt es einen Ausweg?

3. August 2013, 22:05
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Wie können wir es vermeiden, die Welt in ein ausgelaugtes Loch zu verwandeln? Ratschläge sind mit Vorsicht zu genießen, weil sie dem Einzelnen das vorkauen, was er aus eigenem Antrieb entwickeln sollte

Es ist nicht die Ökonomie, die in der Krise ist, die Ökonomie ist die Krise; es ist nicht die Arbeit, die fehlt, es ist die Arbeit, die überflüssig ist; nach reiflicher Überlegung ist es nicht die Krise, sondern das Wachstum, das uns deprimiert.  (Unsichtbares Komitee, "Der kommende Aufstand")

Was wir gegenwärtig erleben, ist keine kleine Krise des Kapitals, die bald überwunden sein wird auf dem Weg zu den blühenden Landschaften der Vollbeschäftigung und der sozialen Gerechtigkeit, sondern ein strukturimmanentes Problem, das sich verschärfen wird. Wir werden diese negativen Entwicklungen nicht mit einer inspirierten Steuer- oder Investitionspolitik oder mit weiterer Konsumsteigerung meistern können. Bürgerliche Ökonomen der ersten Stunde haben es geahnt. John Stuart Mill formulierte die Überzeugung, kapitalistisches Wachstum sei wichtig, erreiche jedoch irgendwann die Grenze, an der weiteres Wachstum nicht erstrebenswert sei und man zur Kontemplation zurückfinden müsse, um Zeit zu haben für sich und die Natur.

The Big Hole im südafrikanischen Kimberley hat uns die kapitalistische Sackgassenentwicklung im Zeitraffer vorgemacht. Zunächst teilten sich Tausende von Prospektoren das diamantenreiche Schürfgebiet inmitten Südafrikas, der einstige Hügel verschwand, Spitzhacken und Schaufeln gruben ein Loch, heute knapp einen halben Kilometer breit und mehr als zweihundert Meter tief.

In den Anfangsjahren partizipierten viele Glückssucher an dem aus der Erde gegrabenen Reichtum - die Karten mit den eingetragenen Claims (ausgestellt im örtlichen Museum) ähneln Patchworkdecken. Sukzessive nahm die kleinteilige Partizipation der vielen ab, eine Konzentration des Eigentums schluckte die Vielfalt, bis nur noch zwei Großminenbesitzer übrig blieben: de Beers und The Kimberley. Die entsprechende Karte zeigt nur noch zwei Farbblöcke. Gut zwanzig Jahre nachdem der Bauernsohn Erasmus Jacobs einen kleinen leuchtenden Kieselstein am Ufer des Orange River fand, amalgamierten die verbliebenen zwei Firmen zu einem Monopolisten - De Beers Consolidated Diamond Mines -, der den weltweiten Diamantenmarkt auch heute noch dominiert. Eines Tages waren alle Diamanten gefördert - zurück blieb ein großes Loch. Es gähnt nun zwecklos und hässlich inmitten einer Kleinstadt am nördlichen Kap, teilweise aufgefüllt mit grünlichem Wasser.

Wie können wir es vermeiden, dass wir die ganze Welt in ein ausgelaugtes tiefes Loch verwandeln? Ratschläge zum kritischen Denken und widerständigen Handeln sind mit Vorsicht zu genießen, weil sie dem Einzelnen das vorkauen, was er aus eigenem Antrieb entwickeln sollte. Aber einige abschließende Gedanken, wie wir der Verüberflüssigung entgehen können, seien doch erlaubt.

Wir müssen uns unverzagt vorstellen, wie eine bessere Gesellschaft und ein tatsächlich gerechtes und nachhaltiges Wirtschaften aussehen könnten. Wir benötigen utopische Entwürfe, wir brauchen Träume, wir müssen Verwegenes atmen. Wer keine Visionen hat, sollte zum TÜV gehen. Zu den notwendigen Visionen gehört auch die Vorstellung, was es bedeuten würde zu obsiegen.

Die Vorstellung des Gelingens wirkt enorm motivierend. Visionäres Denken und konkretes Handeln schließen einander nicht aus. Man kann einer Überwindung des Systems das Wort reden und sich trotzdem dafür einsetzen, dass vorab bescheidene alternative Ansätze in die Wege geleitet werden. Die Revolution von morgen beginnt schon heute im Kleinen, in Strukturen, Netzwerken, Nischen, die freies und kollektives Gesellschaftsleben praktizieren und vorleben. Wir können nicht darauf warten, dass uns das Paradies nach einem Zusammenbruch des Systems wundersam in den Schoß fällt. Es gibt historische Anhaltspunkte, dass ein sich reformierendes System anfälliger ist für Umwälzungen.

Allerdings dürfen wir nicht dem Irrglauben anheimfallen, dass die Häufung von kleinen Austritten die Machtverhältnisse grundsätzlich ins Wanken bringen kann.

Die Flexibilität der Macht, sich auch an gesellschaftliche Aufbrüche anzupassen bzw. diese für sich zu nutzen, ist beachtlich. Das haben die Ereignisse von 1989 und den Jahren danach gezeigt, als es der Nomenklatura in Osteuropa gelang, den Rhythmus der Veränderungen in entscheidenden Momenten zu bestimmen und sich dabei in eine gleichbleibend dominante Oligarchie zu verwandeln.

Wir dürfen nicht verzagen, in den Worten des Liedermachers Wolf Biermann "nicht die Waffen strecken vor dem großen Streit". So selbstverständlich dies auch klingen mag, ja geradezu banal, es gerät uns häufig aus dem Blick. Gerade jene Menschen, die sich intensiv mit den sozioökonomischen Realitäten beschäftigen, jene also, die einen Wissensvorsprung haben, gehen in die Knie vor den massiven Problemen, Gefährdungen und Zerstörungen.

Gewiss, es ist manchmal zum Verzweifeln, dieses Gefühl kennt jeder von uns, der die Übermacht der herrschenden Verhältnisse zu untergraben sucht. Aber wir müssen uns fragen, ob nicht die individuelle Verzweiflung samt der daraus folgenden Lähmung ein Luxus der Wohlhabenden ist. Die Menschen in den Slums von Mumbai haben keine Freiräume, um zu verzweifeln, sie müssen, aus Überlebensdrang, aus Verantwortung für ihre Familie weiterkämpfen. Gerade wenn man das Privileg hat, keinen existenziellen Überlebenskampf führen zu müssen, sollte man sich nicht in seine Privatsphäre einigeln. Der oft geäußerte Aufschrei: "Es ist eh alles verloren!" oder "Es ist sowieso zu spät!" ist im Grunde Ausdruck einer affirmativen Haltung.

Solange es den Kapitalismus noch gibt, müssen wir die namensgebende Chiffre des Systems ernst nehmen: das Geld. Was stellen wir damit an? Es ist erstaunlich, wie wenige Menschen, auch unter den gesellschaftskritisch eingestellten, sich Gedanken machen über den Einsatz ihres Geldes. Welchen Banken vertrauen wir es an? Welche ethischen und nachhaltigen Investitionen fördern wir? Sind wir beteiligt an Finanzinstrumenten, die wir ablehnen?

Was stellen wir mit Geld an?

Wir müssen die noch existierenden Allmenden mit Zähnen und Klauen verteidigen, ob es sich um das Wasser oder das Internet handelt. Wir müssen uns wehren gegen das voranschreitende Kapern des Allgemeinbesitzes, zumal wenn dadurch unwiederbringliche Naturressourcen ausgebeutet und vernichtet werden oder wenn wir, anstatt in freien Räumen und Netzen Information austauschen zu können, in kommerzielle Zwangsjacken gesteckt werden.

Es gibt keine Alternative zu organisiertem, gemeinsamem Handeln. Der Niedergang der Gewerkschaften ist einer der Gründe, wieso es den Akteuren der marktkonformen Demokratie so leichtgefallen ist, die rechtlichen und materiellen Bedingungen zum Nachteil von Arbeitern und Angestellten zu verändern. Im Jahre 1955 waren in den USA noch 34 Prozent der Lohnempfänger gewerkschaftlich organisiert, heute sind es nur noch sieben Prozent. Die Tendenz geht bei uns in die gleiche Richtung, in Deutschland sind es laut Angaben des DGB 16 Prozent, Rentner und Arbeitslose mitgerechnet. Eines der größten gegenwärtigen Probleme ist die Atomisierung der Gesellschaft. Der Isolierte ist ein bereitwilliges Opfer der Verhältnisse.

Selten halten wir inne, nehmen Auszeit von einem rasanten Alltag aus Pflicht und Unterhaltung, sitzen am Ufer oder schwingen auf der Schaukel, der Kontemplation zugetan oder einfach nur dem Nichtstun. Mit unserem Zeitvermögen gehen wir verschwenderischer um als mit unserem Geld. "Das wäre schön, aber leider habe ich dafür keine Zeit", dient uns als (faule) Entschuldigung. Gewiss, wer sich an zwei Jobs klammern muss, um seine Kinder zu ernähren, wird wenige Minuten zur freien Verfügung haben, aber die meisten von uns ziehen es vor, die vorhandene Zeit anders zu investieren, wie die Einschaltquoten allwöchentlich dokumentieren.

Es würde sich lohnen, denn aus kontemplativer Sicht wirkt das Selbstverständliche des Alltags oft lächerlich oder erniedrigend. Ohne Empathie ist die Realität des überflüssigen Menschen nicht zu bekämpfen. "Die Not des anderen erträgt man mit Geduld", hat der brasilianische Schriftsteller Joaquim Maria Machado de Assis vor Zeiten geschrieben. Die Not der Überflüssigen, müsste man seine Sentenz der Gegenwart anpassen, ertragen wir mit souveräner Gleichgültigkeit. "You're having a tough time?", faucht einer der Überlebenden in The Walking Dead einen anderen an, der sich zu sehr beklagt hat. "The whole world is having a tough time." Darin liegt die Perversion unserer Situation: Wir verbrauchen so viel wie keine Gesellschaft vor uns und empfinden doch überwiegend Krise. Unter dem Zwang, unentwegt zu funktionieren und zu konsumieren, fällt es uns zunehmend schwer, Empathie zu spüren, Glück zu empfinden.   (Ilija Trojanow, Album, DER STANDARD, 3./4.8.2013)

Foto: Thomas Dorn
Ilija Trojanow, geb. 1965 in Sofia, wuchs in Kenia auf und lebt heute in Wien. Neben seinem vielfach ausgezeichnetem literarischen Werk, zuletzt erschien sein Roman "EisTau" (2011), publiziert Trojanow Essays und Reportagen zu globalen politischen und kulturellen Themen. Sein Essay-Band "Der überflüssige Mensch", aus dem der Text dieser Seite vorabgedruckt ist, erscheint im Rahmen der Reihe "Unruhe bewahren" am 6. August im Residenz-Verlag.
  • Raubbau an der Erde: The Big Hole, ...
    foto: apa / epa/nic bothma

    Raubbau an der Erde: The Big Hole, ...

  • ... eine ehemalige Diamantenmine im südafrikanischen Kimberley, hat uns die kapitalistische Sackgassenentwicklung im Zeitraffer vorgemacht.
    foto: apa / epa/nic bothma

    ... eine ehemalige Diamantenmine im südafrikanischen Kimberley, hat uns die kapitalistische Sackgassenentwicklung im Zeitraffer vorgemacht.

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