Andrea Zittel: "Alles dreht sich nur noch um Zeit"

5. August 2013, 16:50
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Die Arbeiten der Amerikanerin Andrea Zittel bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Design und Kunst - Sie sollen unter anderem zeigen, wie wenig man braucht, um happy zu sein - Wojciech Czaja traf die Friedrich-Kiesler-Preisträgerin

STANDARD: Sie werden nicht gerne fotografiert?

Andrea Zittel: Nein. Auf den meisten Fotos schaue ich weg. Ich fühle mich vor der Kamera nicht wohl. Mir ist es lieber, wenn man meine Kunst fotografiert.

STANDARD: Nur fotografiert? Oder auch benützt?

Zittel: Fotografieren, also Schauen mit den Augen und mit dem Kameraobjektiv, ist der erste Schritt. In zweiter Instanz ist meine Kunst dazu da, auch benützt, bewohnt, in irgendeiner Art und Weise gebraucht zu werden. Die Skulptur "Indy Island", eine Art schwimmendes Haus, das ein bisschen ausschaut wie ein kleines, rundes Iglu, wurde für ein paar Tage von einem Freund bewohnt.

STANDARD: Bewohnen Sie Ihre Kunstwerke auch selbst?

Zittel: Ja, immer wieder. Mich fasziniert, wie leicht es letztendlich ist, die eigenen Bedürfnisse runterzuschrauben, und wie wenig es eigentlich braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Die meisten meiner Raumskulpturen sind sehr klein und haben weder Wasser noch ein Klo. Und trotzdem sind sie für mich in gewisser Weise ein Symbol für Luxus.

STANDARD: Inwiefern Luxus?

Zittel: Ich muss zum Brunnen gehen, um Wasser zu holen. Und dann muss ich stundenlang Wasser aufkochen, um ein heißes Bad nehmen zu können. Das ist ein meditativer Prozess, der viel Zeit in Anspruch nimmt. Sich diese Zeit nehmen zu können ist für mich Luxus. Manche Leute geben für diese Langsamkeit viel Geld aus und sagen dann "Wellness" dazu.

STANDARD: Wie leben Sie heute?

Zittel: Meine Wohn- und Lebenssituation ist wahrscheinlich die klassischste und bürgerlichste, die ich je hatte. Ich wohne in Joshua Tree, mitten in der kalifornischen Wüste, in einem ganz normalen Haus auf einem 14 Hektar großen Grundstück, das mir gehört. Der einzig unbürgerliche Aspekt ist die Tatsache, dass mein Zuhause für die Öffentlichkeit geöffnet ist. Immer wieder kommen Besucher von weit her, um mich zu besuchen.

STANDARD: Es gibt einen interessanten Trend zu beobachten: Viele Künstler arbeiten immer öfter mit dem Prinzip der Serie, Designer wiederum setzen zunehmend auf Individualisierung im Fertigungsprozess, sei es durch Bemalen, Lackieren, Verbrennen, Signieren. Kommen sich Kunst und Design da etwa näher?

Zittel: Ich denke, dass sich die Konsumenten nach Einzigartigkeit sehnen, und der Markt reagiert darauf. Im Design gibt es die Möglichkeit, ein Produkt durch bestimmte Techniken zu individualisieren, ohne dass sich dadurch das Produkt maßgeblich verändert. Meist handelt es sich dabei um einfache Maßnahmen an der Oberfläche. Jeans, die am Ende des Fertigungsprozesses mit Messern, Roststaub und Bleichmitteln bearbeitet werden, sind das beste Beispiel dafür.

STANDARD: Was ist mit der Gratwanderung zwischen Kunst und Architektur? Wo fühlen Sie sich hingezogen?

Zittel: Ich bin ein großer Fan dieser Ambivalenz, dieser nicht eindeutigen Zuordenbarkeit meiner Arbeit. Ich arbeite gegenständlich, ich mache Skulpturen, Installationen, Architekturprojekte, Innenraumgestaltungen, Möbel etc. Und es gibt dafür eine ganz einfache Erklärung: Indem ich mich nicht auf ein bestimmtes Medium, auf eine bestimmte Technik festlege, steht mir die ganze Welt offen.

STANDARD: Was denken Sie über die Do-it-yourself-Bewegung?

Zittel: Ich stehe ihr sehr skeptisch gegenüber, denn meist handelt es sich dabei um einfaches Handwerk, um ein bisschen Stricken, ein bisschen Zusammenschrauben. Man lernt, wie man aus einem alten Pullover einen Polster macht. Und wie man eine Klomuschel als Blumentopf verwenden kann. Na und? Da ist eine Primitivierung mit im Spiel, die mir irgendwie Angst macht. Anstatt die Leute mit der Klebepistole abzuholen, würde ich mir von der DIY-Bewegung wünschen, ihnen neue Fertigungs- und Gestaltungstechnologien vorzuzeigen, sie in den Möglichkeiten des eigenen Schaffens zu unterrichten, sie auf dem Gebiet des Recycelns und Wiederverwertens aufzuklären.

STANDARD: Woran scheitert's?

Zittel: An der Industrie. Die Lobbys sind stark und unterbinden jeden Impuls der Autonomisierung.

STANDARD: Was schlagen Sie vor?

Zittel: Ich bin ehrlich gesagt frustriert. Selbst auf den Universitäten und Hochschulen lernt man nicht mehr, wie man Dinge wirklich produziert, wie physikalische und chemische Prozesse auf ein Material einwirken, welche Möglichkeiten es gibt, etwas mit den eigenen Händen herzustellen.

STANDARD: 1994 haben Sie einmal eine Woche in Dunkelheit verbracht. Sie wollten sich vom Tages- und Nachtrhythmus befreien und Ihrem inneren Rhythmus vertrauen. Hat Ihnen diese Woche mehr Freiheit beschert?

Zittel: Ja und nein. Wissen Sie, Zeit wurde im 13. Jahrhundert entdeckt und entworfen, und seitdem sind wir Opfer dieser Struktur. Alles dreht sich nur noch um Zeit. In der Dunkelheit konnte ich in gewisser Weise Auszeit von der Zeit nehmen. Doch das Problem war, dass man ohne Struktur Gefahr läuft, sich zu verzetteln und zu verlieren. Ich habe in dieser Woche nichts als gearbeitet.

STANDARD: Sie sind die aktuelle Trägerin des österreichischen Friedrich-Kiesler-Preises für Architektur und Kunst. Was haben Sie mit den 55.000 Euro Preisgeld gemacht?

Zittel: Derzeit liegt das Geld noch auf der Bank. Ich warte auf den richtigen Zeitpunkt, um in Joshua Tree, nicht weit von dort, wo ich wohne, ein Grundstück mit einem kleinen Haus darauf zu kaufen. Ich habe mich in dieses Häuschen verliebt. Am liebsten würde ich dort ein Atelier oder ein kleines Atelier für mich oder für Artists in Residence einrichten. (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 2.8.2013)

Andrea Zittel wurde 1965 in Escondido (Kalifornien) geboren. Sie studierte an der San Diego State University und an der Rhode Island School of Design und bezeichnet sich als Künstlerarchitektin. Angeregt durch die Arbeiten von Josef Albers, Margarete Schütte-Lihotzky, Richard Buckminster Fuller und Charles und Ray Eames gestaltet sie mit spielerischem Witz individuelle Wohnmodelle beziehungsweise autonome Lebensbiotope, sogenannte "Living Units". Während Kunst in der Regel unberührbar ist, fordert sie hier regelrecht den alltäglichen Gebrauch durch den Menschen. 2012 wurde Andrea Zittel mit dem österreichischen Friedrich-Kiesler-Preis für Architektur und Kunst ausgezeichnet.

  • "Indy Island" ist eine von vielen Arbeiten Andrea Zittels, die sie als Skulptur ebenso wie als bewohnbares Objekt versteht.
    foto: hersteller

    "Indy Island" ist eine von vielen Arbeiten Andrea Zittels, die sie als Skulptur ebenso wie als bewohnbares Objekt versteht.

  • Andrea Zittel
    foto: robert newald

    Andrea Zittel

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