Bischof Benno Elbs: Vatikanbank aufräumen oder schließen

Interview1. August 2013, 18:08
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Neuer Vorarlberger Bischof zum Kommunionsverbot für Geschiedene: "Nicht jemand für immer und ewig ausschließen"

Eine Kultur der Achtsamkeit wünscht sich der Vorarlberger Bischof Benno Elbs in Kirche und Politik. Als schwere Sünden der Gegenwart nennt er im Gespräch mit Jutta Berger die Ausbeutung von Menschen und Umwelt und Finanzspekulation.

STANDARD: Wenn Sie die Bilder von Abschiebungen und Polizeieinsatz sehen, was geht Ihnen da durch den Kopf?

Elbs: Dass es Auftrag der Kirche, der Gesellschaft ist, diesen Menschen zu helfen. Schließlich war auch die Heilige Familie eine Flüchtlingsfamilie. Papst Franziskus hat mit seinem Besuch in Lampedusa ganz deutlich das Schicksal dieser Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Wir müssen aber auch die strukturelle Ungerechtigkeit angehen. Was mich auch sehr betroffen macht, ist, dass es Schlepper gibt, die mit der Not anderer ein Geschäft machen. Hier muss der Rechtsstaat durchgreifen.

STANDARD: Wie soll man die strukturelle Ungerechtigkeit bekämpfen?

Elbs: Als Wohlstandsregion sollten wir in den weniger privilegierten Regionen dieser Welt Infrastrukturen aufbauen. Die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit zu kürzen, aber für Bankensanierungen ganz locker 700 Millionen Euro auszugeben steht in keinem Verhältnis.

STANDARD: Was tun Sie als "Bischof der Herzen", wie man Sie nennt?

Elbs: Ich habe mir in den letzten Wochen oft die Frage gestellt, was die Aufgabe von mir als Bischof einer kleinen Diözese sein kann. Ganz wesentlich ist das Beispiel durch mein persönliches Leben und das Gebet. Ich versuche dort zu sein, wo Menschen in Not sind. Mein Appell ist, eine Kultur der Achtsamkeit, eine Mystik der offenen Augen, zu entwickeln. Als Bischof kann man durch symbolische Akte viel verdeutlichen. Der Papst ist da für mich ein großes Vorbild durch Glaubwürdigkeit und Authentizität.

STANDARD: Wollen Sie deshalb nicht in der Bischofsvilla wohnen?

Elbs: Ich will leben wie andere Vorarlberger auch. Das Bischofshaus hat eine zu hohe Barriere, da kommt niemand hin. Deshalb bleibe ich in dem Haus, wo ich seit Jahren wohne. Dort habe ich Nachbarn, bin mitten unter den Menschen.

STANDARD: Ein lächelnder Bischof in Feldkirch, ein freundlicher Bischof von Rom. Stoppt man so die Austrittswelle?

Elbs: Ein Bischof hat die Aufgabe, die Menschenfreundlichkeit Gottes sichtbar zu machen. Ein lächelnder Papst kann da sehr viel für die Großwetterlage tun. Kirchenaustrittszahlen und Statistiken hab ich nicht primär im Auge. Ich habe hohen Respekt vor der persönlichen Freiheit. Was die Kirche tun kann, ist, wie es die französische Kirche macht: Proposer la foi, den Glauben vorschlagen. Sie soll Hoffnung vermitteln. Ob der Mensch den Weg gehen will, ist seine Entscheidung. Ich glaube natürlich, dass der Weg der richtige ist, weil er voll Sinn ist und glücklich macht.

STANDARD: Die katholische Kirche mischt sich in die Sexualität der Menschen ein. Wird sich das durch Papst Franziskus ändern?

Elbs: Ich glaube, dass sich schon viel geändert hat. Der Papst hat den Themenschwerpunkt verlagert. Von der Sexualität weg zu Armut, Schöpfung, Zukunft der Welt. Mir hat gefallen, dass der Papst gesagt hat: "Wenn jemand homosexuell ist und den Herrn sucht, wer bin ich, um ihn zu verurteilen?" Sexualität ist ein Faktor zu gelingendem Leben. Die Kirche soll den Menschen dabei helfen, dass das Leben gelingt.

STANDARD: Die Kirche soll nicht mehr moralisieren?

Elbs: Natürlich bin ich für Moral. Aber Moral oder ethisches Handeln entwickelt sich zuerst aus der Beziehung heraus, nicht aus Geboten und Verboten. Wenn ich jemanden liebe, schätze, achte, gehe ich mit diesem Menschen anders um. Wenn ich die Schöpfung achte, gehe ich mit ihr anders um. Das ist ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Moralität. Die schweren Sünden von heute, wenn man so sagen will, sind wohl Umweltverschmutzung, die Ausbeutung ganzer Völker zugunsten weniger, die Finanzspekulation.

STANDARD: Was soll mit der Vatikanbank geschehen?

Elbs: Wenn es nicht gelingt, sie aufzuräumen, muss man sie schließen. Geld ist nicht per se schlecht, es geht um die Frage der Verwendung, um ethische Kriterien. Das muss auch das Prinzip für die Vatikanbank sein.

STANDARD: Der Papst hat den wiederverheirateten Geschiedenen Hoffnung gemacht. Wird man das Kommunionsverbot aufheben?

Elbs: Das ist nicht wahrscheinlich. Mehr Freiheit für das Gewissen wird die Lösung sein. Viele Priester bemühen sich ja jetzt schon in der Pastoralpraxis um Lösungen. Das kirchliche Dilemma ist, dass auf der einen Seite das hohe Gut der Unauflöslichkeit der Ehe, das ja biblisch ist, steht. Auf der anderen Seite ist aber klar, dass es in jedem Leben auch Brüche gibt. Es soll einen Neuanfang geben können, einen liebevollen, barmherzigen Umgang in solchen Situationen. Sakramente sind für mich Heilmittel, keine Mittel zur Disziplinierung. Man kann nicht den Wert der Ehe infrage stellen, aber auch nicht jemand für immer und ewig ausschließen.

STANDARD: Der Papst hat zum Thema Priesteramt für Frauen gesagt, diese Türe sei geschlossen. Sehen Sie eine Möglichkeit, die Türe zu öffnen?

Elbs: In absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht. Man muss das aber im Kontext sehen. Der Papst hat gesagt, dass die Frauen in der Kirche verantwortungsvolle Positionen bekommen sollen. Es muss nun gelingen, Frauen an der Gestaltung der Kirche ernsthaft zu beteiligen, nicht nur pro forma. Natürlich ist es in unserer Gesellschaft schwer zu verstehen, dass man aufgrund des Geschlechts etwas nicht tun darf. Um die Kirche zu gestalten, muss man aber nicht Priesterin sein. Pastoralamtsleitungen beispielsweise sind wesentliche Positionen. Vereinzelt gibt es ja schon Frauen als Mitglieder der Diözesanleitung. (Jutta Berger, DER STANDARD, 2.8.2013)

BENNO ELBS (52), Theologe und Psychotherapeut, ist seit Juni Bischof von Feldkirch (Vorarlberg).

  • Bischof Benno Elbs sinniert im Garten des Feldkircher Diözesanhauses über eine Kirche, die Sakramente nicht zur Disziplinierung einsetzt, Scheitern und Brüche zulässt.
    foto: standard/christian grass

    Bischof Benno Elbs sinniert im Garten des Feldkircher Diözesanhauses über eine Kirche, die Sakramente nicht zur Disziplinierung einsetzt, Scheitern und Brüche zulässt.

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