Vom Verschwinden der Glühwürmchen und Latzhosen

5. August 2013, 10:05
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Relaunchversuch des Mittelfests in Cividale mit einem Schwerpunkt über Pier Paolo Pasolini und einer Dramatisierung von Claudio Magris' "Microcosmi"

Das in den letzten Jahren etwas unbedeutend und in der Programmierung beliebig gewordene Mittelfest im reizenden Langobarden-Städtchen Cividale dei Friuli versucht nun unter der neuen Leitung von Antonio Devetag an die Erfolge seiner Frühzeit anzuknüpfen. Außer Gastspielen aus den mitteleuropäischen Staaten Kroatien, Ungarn, Slowenien, Österreich, Tschechien, deren pentagonale Verbindung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sozusagen die Raison d'être des Festivals darstellte, gab es heuer einen Schwerpunkt über Pier Paolo Pasolini.

Was insofern im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegt, als der Autor, Filmemacher und Pamphletist ja im friulanischen Nachbarort Casarsa geboren wurde und sich daselbst auch das ihm gewidmete, sehr aktive Studienzentrum (gerade ist ein Forschungsband über seine Theaterstücke erschienen) befindet.

Posthume Premiere

Am verblüffendsten bei dieser Veranstaltungsreihe war vielleicht die posthume Premiere von Pasolinis für Maurice Béjart geschriebenen, aber nie aufgeführten Balletts "Vivo es Coscienza". In vier in verschiedenen Jahrhunderten angesiedelten Tableaus wird - sehr pasolinesk - der ewige Kampf des Naturburschen Vivo (Bauer, Schäfer, Fischer, Matrose) mit seiner Gegenspielerin Coscienza (Dogma, Kirche, Bürgertum, Rationalität) geschildert. Ein bisschen plakativ, aber von Luca Veggetti (Choreographie) und Paolo Aralla (Musik) exzellent umgesetzt.

Große Erwartungen wurden in den Monolog "Una giovinezza enormemente giovane" ("Eine enorm junge Jugend") gesetzt. Trotz des großartigen Roberto Herlitzka, der alle Schauspielkollegen seiner Generation an Intensität bei weitem überragt, erwies sich der Text von Gianni Borgna dann als doch viel zu didaktisch, den bekannten Tatsachen (inklusive der berühmten Verschwörungstheorien, was seinen gewaltsamen Tod betrifft) nichts hinzufügend und letztlich als unangenehm hagiographisch (die letzte Szene spielt vor einer Projektion der Kreuzigungsszene aus der "Matthäuspassion").

Pasolini und Handke

Witzig und ungewöhnlich der Ausgangspunkt von "Pp e P". Luigi Reitani hatte entdeckt, dass sowohl Pasolini als auch Handke zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Zusammenhängen wortreich das Verschwinden der Glühwürmchen beklagt haben und arrangierte somit kurzerhand eine imaginäre Begegnung der beiden Poeten Pier Paolo und Peter.

Wenn man bedenkt, wie vielerlei Verschwinden die beiden auf den ersten Blick so entgegengesetzten Typen sonst noch beklagt haben (Buschwindröschen, "anders gelbe" Nudelnester, die blauen Latzhosen der Proletarier und so weiter und so fort) hätte aus so einer Anthologie ein todtraurig-urkomischer Abend der aggressiven Nostalgie werden können. Leider beschränkte man sich ausschließlich auf die, wenn auch sehr virtuose, Rezitation der jeweiligen Glühwürmchentexte, und nichts weiter.

Den größten Coup landete Neo-Intendant Davetag jedoch mit dem Wieder-Engagement des legendären Festivalgründer Giorgio Pressburger. Der hatte 1997 mit seiner  Prozessions-Inszenierung von Claudio Magris' Kultbuch "Danubio" ("Donau") ein Event kreiert, von dem die Cividaleser heute noch schwärmen. Die Dramatisierung von Magris' Folge-Buch "Microcosmi" (auf deutsch unter dem dummen Titel "Die Welt en gros und en détail" erschienen) sollte an diesen Mega-Hit anknüpfen. Es ist ein wundervoller Text, der auf persönliche, philosophische und poetische Art - ineinanderverschränkt - neun unscheinbare, abgelegene, in sich verschlossene, eingekapselte Orte beschreibt.

Kleine Welten

Auf ebenso vielen Cividaleser Plätzen versuchte nun Pressburger diese "kleinen Welten" zu vergegenwärtigen und zu versinnlichen: das Caffè San Marco in Trieste, die Dörfer der Valcellina, die Lagune von Grado, den Monte Nevoso, die Hügel von Cambiano, Chieri, Pecetto Torinese, die kroatischen Inseln Cherso und Lussino, die Gemeinde Rasen-Antholz in Südtirol, den Giardino Pubblico in Trieste.

Das Publikum war angehalten, den Heerscharen von Schauspielern, darunter so exzellente wie Ariella Reggio, Marcela Serli und Giorgio Lupani, von Station zu Station zu folgen - und das sieben Stunden lang. Es gab großartige Bühnenbilder und faszinierende Kostüme und sogar Fasolini (Muscheln aus Grado) zu essen.

Leider hatte man verabsäumt, Sitzgelegenheiten für die Zuschauer zur Verfügung zu stellen. Und dem Ensemble nur sieben Tage Probezeit eingeräumt. Was dazu führte, dass fast alle Akteure - außer einem zehnjährigen Knaben - mit dem Textbuch in der Hand deklamierten. Eine verpatzte Gelegenheit. Aber versucht es doch nächstes Jahr noch einmal, liebe Mittelfestler! Mit Tribünen und gelerntem Text! Dann werden diese "Microcosmi" vielleicht noch einmal so etwas wie ein friaulischer Jedermann. (Robert Quitta, derStandard.at, 5.8.2013)

  • "Microcosmi": das Publikum.
    foto: mittelfest

    "Microcosmi": das Publikum.

  • "Microcosmi": Caffè San Marco.
    foto: mittelfest

    "Microcosmi": Caffè San Marco.

  • "Microcosmi": die kroatischen Inseln.
    foto: mittelfest

    "Microcosmi": die kroatischen Inseln.

  • "Vivo es Coscienza".
    foto: mittelfest

    "Vivo es Coscienza".

  • "Pier Paolo Pasolini" und das Kreuz.
    foto: mittelfest

    "Pier Paolo Pasolini" und das Kreuz.

  • "Peter Handke" gärtnert in "Pp e P".
    foto: mittelfest

    "Peter Handke" gärtnert in "Pp e P".

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