Die amerikanische Nacht

1. August 2013, 18:32
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Das US-Trio Locrian und sein wunderbarer postapokalyptischer Black-Metal-Postrock

Ein Team bestehend aus Special Forces mit Cornettofigur und Testosteronkinn und zusätzlich einigen verzärtelten, ängstlichen Wissenschaftlern im Schlepptau tastet sich vorsichtig ins Zentrum einer in Ruinen liegenden amerikanischen Großstadt vor. Einige hundert Jahre sind jetzt seit dem Weltuntergang vergangen. Nur wenige Menschen haben damals überlebt. Die meisten davon arbeiteten natürlich für das Militär, die NASA oder standen im engen Kontakt mit Tom Cruise.

Jedenfalls haben sich die Muckibudentypen und stählernen Fit-and-Fun-Frauen damals auf einen fernen Planeten der Klasse M geflüchtet, wo sie etliche Generationen lang nicht nur an der etwas dünneren Atmosphäre und fehlenden Freizeitangeboten im Internet litten. Irgendwann entwickelten sie auch mächtig Heimweh nach den U-S-A, U-S-A, U-S-A!!!, neuen Blockbusterfilmen aus dem postapokalyptischen Muckibudengenre und hymnischen Hardrocksongs von Aerosmith, zu denen sich in den Zeiten der Vorväter so gut die Welt retten ließ.

Nun schleichen die Nachkommen, der dummen, dummen Menschen, die einst ihren Planeten zerstört haben, also im dunkelgrauen Endlosdämmer der amerikanischen Nacht über brachliegende Parkplätze von Shopping-Malls, aus deren Überresten schreckliche Geräusche dringen. Sie haben definitiv nichts Menschliches an sich. Das sieht eigentlich nicht gut aus, vielleicht kann man aber nach ein wenig Horrorshow trotzdem wieder auf die Erde heimkehren.

Ein guter Witz. Aus Rissen im Boden dringen jetzt übelriechende Dämpfe. Unbekannte Schlingpflanzen fangen sich offensichtlich wegen des unerwarteten Besuchs vom auswärtig gelegenen Survivalplaneten Richtung unseres Muckibudenteams zu bewegen an. Ratatatat. Ratatatat. Nimm dies, du blöde Schlingpflanze, wir sind Amerikaner!

Weiter drinnen in der früheren Großstadt wartet auf das Team, das wegen der Schlingpflanzen schon einen Wissenschaftler und eine Frau, die dauernd geschrien hat, einbüßen musste, schließlich das nackte Entsetzen. Zwischen den Häuserschluchten, Autowracks und Gebäudeteilen, die den Weg (außer für den Typen, der Tom Cruise ähnlich sieht) vor allem auch unter den Atemmasken unglaublich schwer machen, erhebt sich ein schreckliches Grummeln, Brodeln und Kreischen. Menschenähnliches, aber natürlich viel schrecklicheres und unverständlicheres und kaum für Kinder unter 16 Jahren geeignetes Gellen und Kreischen dringt aus den verrottenden Wolkenkratzern. Es zischelt, keckert und faucht. Da hinten, ein Lichtblitz!

Gekrümmte Schattengestalten mit grausam starrenden, bösen, bösen Augen wie nicht von dieser Welt (sind sie aber eben doch) haben unsere Helden aus dem Nichts heraus eingekreist. Wir hören archaische Trommelrhythmen, blutiger Nebel schiebt sich in die amerikanische Nacht. Jetzt werden Fackeln entzündet. Die Gestalten kommen immer näher. Man hört unter die Gänsehaut gehende Geräusche abgeschossener Pfeile. Die Muckibudenbuben fallen um wie die Fliegen. Ratatat. Ratatat. Der Lärm, dieser entsetzliche Lärm schwillt immer stärker an. Plötzlich: Stille.

Die Kamera fährt in Nahaufnahme auf die weit aufgerissenen Augen des Typen, der Tom Cruise ähnelt. Der Film reisst ab. Im Nachspann sehen wir einen einsamen Einkaufswagen auf dem Parkplatz einer Shopping-Mall stehen. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 2.8.2013)

Locrian - "Return To Annihilation" (Relapse)

  • Das US-Trio Locrian macht auf seinem Album "Return To Annihilation" ein kleines bisschen Horrorshow.
    foto: relapse

    Das US-Trio Locrian macht auf seinem Album "Return To Annihilation" ein kleines bisschen Horrorshow.

  • Die Muckibudenbuben fallen um wie die Fliegen. Ratatat. Ratatat. Der Lärm, dieser entsetzliche Lärm schwillt immer stärker an. Plötzlich: Stille.

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