Der Blick von außen

Kolumne31. Juli 2013, 19:20
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Manchmal tut es ganz gut, sich zu vergegenwärtigen, was in unserem kleinen Lande in Ordnung ist

Wie gut ist Österreich? Wie schlecht ist Österreich? Jede Urlaubsreise eröffnet dem Hiesigen einen Blick von außen auf sein Heimatland, der auch dem habituellen Raunzer gelegentlich zeigt, was er an den oft geschmähten österreichischen Zuständen hat. Ganz schlecht sind wir jedenfalls nicht.

Neulich in Belgien: Der Zug Brüssel-Antwerpen hat Verspätung. Man wartet eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, eine Dreiviertelstunde. Was ist los? Keine Lautsprecherdurchsage. Niemand da, den man fragen kann. Passierte das in Wien, denkt der Reisende, gäbe es einen Aufstand. Nicht so in Brüssel. Die Leute warten geduldig. Das ist eben Belgien, sagt einer. Und er ist froh, dass der Zug dann endlich doch auftaucht. Keine Erklärung, keine Entschuldigung.

In Antwerpen angekommen, hören wir schon beim Aussteigen das Hornsignal der Rettung. Wir lassen uns Zeit, kaufen noch Zeitungen und kommen zwanzig Minuten später bei der Rolltreppe beim Ausgang an. Unten liegt ein Schwerverletzter in seinem Blut. Rettungsleute kümmern sich um ihn. Aber die Treppe rollt immer noch, die Menschen müssen über den Unglücklichen drübersteigen. Wir haben Mühe, nicht auf den Hingestreckten zu treten. Jetzt erst ruft jemand: Stoppt die Treppe. Undenkbar bei uns, versichern wir einander selbstgerecht. Da wäre der Verletzte längst im Spital.

Belgien ist ein sympathisches Land, mit sympathischen Leuten. Ebenso wie Österreich. Manches funktioniert, manches funktioniert nicht. Aber bei Erlebnissen wie den geschilderten, tut es manchmal ganz gut, sich zu vergegenwärtigen, was alles in unserem kleinen Lande in Ordnung ist. Die Eisenbahn fährt pünktlich, zumindest auf den Hauptstrecken. Der Kaffee und die Sandwiches, die man dort serviert bekommt, sind hervorragend. Überhaupt bekommt man praktisch überall in Österreich, in der Stadt wie auf dem Land, gut und preiswert zu essen. Durchaus nicht überall eine Selbstverständlichkeit. Die Straßen sind sauber, auf die Müllabfuhr kann man sich verlassen. Auf die Spitäler auch, und wenn ein Handwerker kommt, kann man davon ausgehen, dass er - anders als in vielen anderen Ländern - seinen Job auch beherrscht.

Ihr wisst gar nicht, wie gut Ihr es habt, rief neulich bei einem Gewerkschaftskongress in Linz ein Vertreter der deutschen Öffentlicher-Dienst-Gewerkschaft Verdi seinem österreichischen Publikum zu. Kollektivvertraglich gesicherte Mindestlöhne seien in Deutschland immer seltener, Leiharbeit und Werkverträge immer häufiger, Stundenlöhne von fünf Euro gang und gäbe. Dagegen sei Österreich, so der deutsche Gewerkschafter, geradezu ein Paradies.

Ein Paradies? Nun ja, wir haben korrupte Politiker, ein blockiertes Bildungssystem, jede Menge Skandale, wir behandeln Zuwanderer schlecht, und von gleichem Lohn für gleiche Arbeit bei Männern und Frauen sind wir immer noch weit entfernt. Alles wahr. Aber irgendetwas müssen wir offensichtlich auch richtig machen, sonst ginge es einer großen Zahl von Menschen im Lande nicht so gut.

Raunzen und Sudern gehören zum österreichischen Nationalcharakter. Da ist der Blick von außen manchmal ganz heilsam. In den Ferienwochen kann man ihn üben. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 1.8.2013)

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