Demontage bei Siemens: Das Los des Filialleiters

Kommentar31. Juli 2013, 18:37
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Wenn ein Weltkonzern wie Siemens einen neuen Chef bekommt, ist das kein Beinbruch

Mit der Weisheit des Rückblicks klingt das Motto zynisch: "Vertrauen verbindet uns" ziert den Deckel des im Frühjahr publizierten Siemens-Geschäftsberichts 2012. Mehr als seine vertraglich zugesicherte, wenn auch üppige Millionenabfindung blieb Konzernchef Peter Löscher davon nicht, hat ihm der Aufsichtsrat doch das Vertrauen entzogen und unsanft bedeutet, er möge sein Büro in der einstigen Telegraphenanstalt auf dem Wittelsbacher Platz in München räumen. Die Agenden übernimmt der bisherige Finanzchef, Josef Kaeser.

Die Episode mag für den farblosen Österreicher, der auch in sechs Jahren kein bisschen Siemensianer wurde, bitter sein: Aber wenn ein Weltkonzern wie Siemens einen neuen Chef bekommt, ist das kein Beinbruch. Keine Frage, die Art, wie Löscher demontiert wurde, ist skandalös. Aber es gibt in Europa wohl keinen Konzern, bei dem die Konzernführung de facto so nebensächlich ist wie bei Siemens. Wohl hat Deutschlands zweitgrößter Industriekonzern einen traditionell vielköpfigen Vorstand - fein austariert - für Bereiche und Regionen. Für das operative Geschäft ist das Spitzenpersonal rund um den in Politik und Gesellschaft hofierten Siemens-Chef aber nur bedingt prägend. Denn das Milliardengeschäft mit Kraftwerken, Eisenbahnen, Computertomografen und Staubsaugern bestimmt traditionell die Technologiezentrale in Erlangen.

Diese "Erlanger Mafia", wie Alt-Siemensianer das wahre Machtzentrum scherzhaft nennen, hat nun erhöhten Erklärungsbedarf. Schließlich haben ihre Techniker die Serie an Pleiten, Pech und Pannen produziert, die den Konzern Milliarden kostet - und nun den Chef seinen Sessel. Ob der (zu) hohe Kaufpreis für die Labordiagnostik, der gemeingefährliche Bruch eines Windrades in einem US-Windpark, die Probleme mit Tiefseekabeln in der Nordsee oder Verspätungen bei ICE-Schnellzügen - alles nicht in erster Linie Chefsachen, sondern Handwerkszeug, an dem es offensichtlich mangelt.

Warum der Elektromulti bei Erträgen und Renditezielen mehrfach daneben lag - diese Frage ist an den neuen Siemens-Chef, Josef Kaeser, zu richten. Er verspricht nun Vision, war an dem Bauchfleck in der Solarbranche aber ebenso beteiligt wie an teuren Verkäufen unrentabler Sparten. Augenscheinlich hat sich der langjährige Finanzchef mit den Erlangern besser arrangiert, sonst würde Löscher nicht allein in die Wüste geschickt. Dass sich Aufsichtsratschef Gerhard Cromme noch immer hält, obwohl er schon bei der Trockenlegung des Korruptionsskandals spät und halbherzig zur Sache ging, rundet das Bild ab.

Für einst selbstbewusste und ertragreiche Landesgesellschaften wie Siemens Österreich hat das würdelose Drama an der Konzernspitze wohl wenig Auswirkung. Sie wurden vom Duo Löscher/Kaeser längst an eine straffe wie bürokratische Leine genommen, mit der vorgegeben wird, welche Produkte in welchen Märkten zu welchen Preisen verkauft werden (dürfen). Das ist das Los von Filialleitern. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 1.8.2013)

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